Herbst – Eine Hasstirade

“Oh, der Herbst ist so schön. Mit seinen bunten Blättern und alles verändert sich.“
Ja. Alles verändert sich. Alles stirbt langsam ab und wird kahl. Der Herbst will sein Kahlwerden nur mit den schönen, bunten Blättern übertünchen. Wie alte Männer, denen die Haare ausfallen und die deswegen Haarimplantate, bunte Sakkos und zu enge Jeans tragen, damit das nicht so auffällt. Der Herbst ist ein lächerlicher alter Mann, der sich Botox spritzen lässt und Make-Up trägt, der aber trotzdem langsam vor sich hin siecht und irgendwann stirbt. Und das in aller Öffentlichkeit. Der Herbst ist Wolfgang Joop.

„Ja, aber der Herbst ist doch voll schön, wenn die Sonne scheint und so.“
Bitch please, alles ist schön, wenn die Sonne scheint. Sogar Hitler und Voldemort wären im Sonnenlicht gleich mal so richtig sympathisch, zwei cute hotte Boyz, die dir den Kopf verdrehen. Aber der Herbst verarscht uns doch nur mit seiner Kacksonne. Er suggeriert uns einen angenehmen, goldenen Herbsttag und dann geht man raus und friert sich den Arsch ab, weil es schon fast Minusgrade hat. Und dann steigt man zitternd in die Tram und schwitzt. Und dann steigt man aus und die Schweißperlen auf der Stirn gefrieren beinahe, die Nase läuft und man wird krank.
Aber neeeeein, nicht so richtig krank, nur so halb, weil der Herbst ein unentschlossenes Arschloch ist, wie dieser eine Typ der sich einfach nicht zwischen dir und deiner Schwester entscheiden kann.

Man wird gerade so krank, dass die Nase bis Januar durchgehend läuft, aber nicht krank genug, um nicht in die Uni gehen zu können.
Und wenn die Sonne nicht scheint ist es kalt und grau und feucht als würden eine Millionen Dementoren draußen rumschweben (An dieser Stelle wollte ich eigentlich „Feuchter als deine Mutter wenn sie Horst Seehofer sieht“ sagen, aber dann hätte ich sie ja als CSU-Wählerin beschimpft und das geht dann halt auch echt zu weit).
Während man sich jahrelang gegen die mütterlichen Weisheiten gewehrt hat, stopft man sich jetzt das Top in die Hose, damit die Nieren warm bleiben und hört Mutter irgendwo leise hämisch und triumphierend lachen. Damit man keine Halsschmerzen bekommt muss man sich einen Schal anziehen, obwohl man ohne eigentlich schon genug am Hals hat. Und solange es kein Butterbier zum Aufwärmen gibt, kann ich den Herbst eh nicht ernst nehmen.

„Aber dann gibt’s bei Starbucks endlich wieder den Pumpkin Spice Latte. Und den gibt’s halt echt nur im Herbst.“
ICH HABE NOCH NIE EINEN PUMPKIN SPICE LATTE GETRUNKEN UND FÜHRE TROTZDEM EIN GLÜCKLICHES LEBEN, IHR PISSER! In meinen Kaffee gehört kein Kürbis, in meinen Kaffee gehört Kaffee.
Und dann ist da noch Halloween. Wenn ich Zombies sehen möchte gucke ich mir „The Walking Dead“ an oder stelle mich morgens vors Flower Power und schau mir die Gestalten an, die da rauswanken, da brauch ich keinen amerikanischen Feiertag für. Immer diese bekloppten besorgten Bürger, die montags für den Erhalt der deutschen Kultur auf die Straße gehen und dann am Reformationstag mit ihren Kindern durch die Straßen laufen und den Konsum feiern. Seit meinem ersten Taschengeld, kann ich mir meine Süßigkeiten auch ganz alleine kaufen, ha! Früher habe ich Halloween komplett boykottiert, mittlerweile laufe ich einfach durch die Straßen, kneife wildfremden Menschen in die Wange und sage „Oh, das ist aber eine besonders gut gelungene Halloweenmaske“.

„Und das Laub raschelt dann so schön unter den Füßen.“
NEIN. TUTS NICHT! Weil es ganz schnell nass und glitschig wird. Blätter gehören an Bäume und sonst nirgendwohin. Ich reiß mir meine Haare ja auch nicht aus und werfe sie einfach so auf den Boden, nur weils n bisschen kälter wird. Bäume sind so Jammerlappen.
Herbst ist, wenn Hundehaufen verstecken spielen. Und wenn du Glück hast, weil der Herbst ja sooooo toll ist, rutscht du auf dem Laub aus landest in dem, was das Leben im Grunde genommen ist: Scheiße.

Aber hey, endlich haben einfallslose Journalisten endlich wieder ein Thema, über das sie schreiben können: Dreizehn Tipps gegen die Herbstdepression. ICH HAB KEINE HERBSTDEPRESSION, ICH FIND DEN HERBST HALT EINFACH SCHEISSE UND UNNÖTIG UND AKTZEPTIERE IHN NICHT ALS JAHRESZEIT! Der Herbst ist ein Unfall der Natur. Wie Horst Seehofer.

Außerdem irren im Herbst immer orientierungslose Erstis durch die Stadt, die direkt am Augustusplatz stehen und mich dann fragen, wo denn die Mensa sei. IMMER DEM POMMESFETTGERUCH NACH, möchte ich schreien, aber dann setze ich sie doch in eine beliebige Tram und sage „Noch sechs Stationen fahren, dann müsstet ihr sie eigentlich sehen.“

Aber es gibt doch eine gute Sache am Herbst. Und damit meine ich nicht gemütliche Teeabende mit einem Buch in der Hand oder Kerzenschein oder Kürbissuppen (Ok, das auch ein bisschen) Das Beste am Herbst ist, dass tausende Wespen und Fruchtfliegen einen grausamen Kältetod sterben.
Und während ich diesen Text in meiner kalten Küche geschrieben habe, aß ich zitternd Eis. Denn: Fickt dich das System, dann ficke es zurück!

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Good News Weekly 04/16

Letzte Woche konnte die Good News Weekly leider nicht erscheinen. Dafür diese Woche wieder, voll mit guter Musik und schönen Geschichten.

Inland

Das neue Album von „Die Höchste Eisenbahn“ wurde am Freitag veröffentlicht. (Jaja, auch das von den Beginnern, aber das habe ich angehört und fand es einfach nur furchtbar anstrengend.) Und noch viel schöner: Zu ihrem neuen Album sind sie auch auf Deutschlandtour, das solltet ihr euch nicht entgehen lassen. Hier ein wunderschönes Musikvideo der Band:

 

In dem bayrischen Dorf Zapfendorf wollte ein Paar essen gehen – und landete in einem Flüchtlingsheim. Herzlich bedient wurden die beiden dennoch. Die schöne Geschichte kann man hier nachlesen.

 

Weltweit

Junge Menschen haben weltweit größtenteils liberale Ansichten. Zumindest laut dieser Studie. Das lässt doch ein bisschen hoffen, dass nicht alle Arschlöcher sind.

Eine Mutter verkleidet ihr schlafendes Baby und stellt die Fotos auf Instagram. So einfach, aber so schön. Vielleicht muss ihr mir mal eines der Kinder von Bekannten ausleihen und das auch machen. Hier ist zum Beispiel eines als Pikachu, über den Instagramlink kann man sich noch viel mehr angucken.

Hey babygirl, let me take a pik at chu. #pokemon

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Persönliches

Im Fitnessstudio passierte letzte Woche das hier:

Außerdem bin ich die kommende Woche viel auf Bühnen unterwegs, unter anderem in Berlin und anschließend in Thüringen. Termine gibt’s hier, kommt doch mal vorbei.

Good News Weekly – 03/2016

Lasst uns mal ehrlich sein: Es ist sehr schwierig sich durch die Nachrichtenmeldungen zu wühlen und gute Nachrichten zu finden. Ich bin mir immer noch sicher, dass es sie gibt, aber in deutschen Medien wird wohl zu selten darüber berichtet. Wieso auch? Gibt ja keine Klicks. Dennoch, hier meine guten Nachrichten der Woche. Ein paar lassen sich doch immer wieder finden.

 

Inland

In den Leipziger Zoo sind zwei neue Löwenmännchen eingezogen. Hooray.

Und noch mehr tierisches: In der Berliner Bahhofsmission sorgt ein kleiner Mops für viel Freude. Mehr dazu kann man bei ze.tt nachlesen.

 

Ich selbst schaue keine Olympiaveranstaltungen, weil ich genug damit beschäftigt bin mich selbst zum Sport zu motivieren. Aber die Deutsche Bahn hat ein tolles Angebot. Für jede gewonnene Goldmedaille eines/einer deutschen AthletIn gibt es 5€ Rabatt. Heute wären das dann 10€ bei einer Fahrt ab 39,99€. Hier kann man jeden Tag nachschauen, wie viel Rabatt es gibt und wie der Code lautet.

In einem Dorf an der Mosel wurde ein Jurastudent Weinkönigin. In der luftigen Toga scheint er sich offensichtlich wohlzufühlen, doch warum wird er nicht einfach Weinkönig, sondern gleich zum Weingott erhoben?

 

Ausland

Apropos Olympia. Diese Story über einen Riesenfan von Michael Phelps fand ich sehr schön. Da hat man jahrelang ein Idol und dann besiegt man dieses nach hartem Training in einem olympischen Wettkampf. Schön, wenn Träume wahr werden.

Julia wies mich auf diese tolle Sache hin. Motherboard sammelt Daten und zeigt in ihren Charts, welche Dinge sich in den letzten Jahren verbessert haben.

 

Persönliches

Die zweite Hausarbeit von dreien ist fertig. Jetzt fehlt nur noch eine und ich komm vielleicht mal ein bisschen zu Entspannung. Da ich mit der Hausarbeit beschäftigt war ist auch sonst nichts weiter passiert. Spannendes Studentenleben, jaja.

Good News Weekly – 02/16

Eine weitere Woche voll mit guten Dingen ist passiert. Hier meine Fundstücke der ersten Augustwoche.

Inland

In Hamburg rettete ein Neunjähriger seinen neugeborenen Bruder vor einer Frau, die das Baby einfach mitnehmen wollte.  Kleinster Held der Woche!

 

Ein Start-up in Berlin ermöglicht es Flüchtlingen, die programmieren können, selbst Unternehmen zu gründen oder sich für Jobs zu qualifizieren. Gelernt wird dabei an der ReDi-School. Bisher sind dabei drei Projekte entstanden:

  • Let’s integrate ermöglicht Treffen zwischen Geflüchteten und Einheimischen
  • Bureaucrazy hilft beim deutschen Bürokratiwahnsinn und
  • Jasmin ist ein syrischer Cateringservice.

Bei zeit.de berichteten Geflüchtete, dass das Projekt ihnen vor allem Selbstbewusstsein und eine Beschäftigung gebe. Bald soll es in weiteren Städten realisiert werden.Großartig, mehr davon!

 

Ausland

Jaja, schon wieder Pokémon Go. Aber die Geschichte aus den USA lässt doch noch an das Gute im Menschen glauben, ich muss sie einfach mit euch teilen.

 

Europaweit sinkt der Verbrauch von Plastiktüten. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für die Umwelt. Oder so ähnlich.

 

Andrea schickte mir via Facebook dieses Video von badenden Bären in Kalifornien. Leider keine picknickenden, aber badende sind auch schon ziemlich cool.

 

Und zu guter Letzt noch was zum Schmunzeln. Ein Gartenzwerg wurde gestohlen und nach 8 Monaten Rundreise wieder zurückgebracht. Da hat wohl jemand zu oft „Die fabelhafte Welt der Amélie“ geschaut. (Das Video ist vom 28.07.2016, aber da ich es erst diese Woche gesehen habe gehört es auch in diese Woche rein.)

 

Persönliches

Diese Rubrik fiel mir diese Woche etwas schwer, da am Mittwochabend mein (Stief)uropa gestorben ist, der mehr Opa war als Uropa. Aber es ist schön zu sehen, wie die Familie zusammenhält und alle füreinander da sind und sich um Oma kümmern.

Am Dienstag habe ich auch noch bei meinem Lieblingspodcast „Grimmig & Gögge“ mitgemacht. Juchee! Ich warte wöchentlich auf die neue Folge und dieses Mal bin ich dabei. Wir reden über alles und nichts und am Ende gibt es noch die Top 3 der Ausgehgetränke. Anhören kann man das alles hier.

Good News Weekly – 01/16

Da ist sie, die erste Ausgabe der „Good News Weekly“. Alles zur Idee könnt ihr hier nachlesen. Ich habe das Internet durchforstet, mir Kategorien ausgedacht (die sich wahrscheinlich auch nochmal ändern werden) und präsentiere hier die guten Nachrichten der letzten Woche. Diese Woche habe ich sie alleine gesammelt, weswegen sie vielleicht ein wenig subjektiv wirken und noch nicht breit gefächert sein könnten. Sie ist auch ein bisschen kurz ausgefallen, aber ich hoffe, dass sich bei dem/der/das ein oder anderen ein Lächeln auf dem Gesicht finden lässt.

 

Inland

Wir alle kennen das. Zu lauter Sex der NachbarInnen kann manchmal echt stören. Ich wohne in einem Haus voller RentnerInnen und höre die Nachbarin nur schräg lachen und ab und zu mal husten. Gegenüber im Haus wird jeden Tag zur selben Zeit Adele angemacht, da kann das Liebesleben auch nicht so gut verlaufen. Doch in Erlangen machten keine Menschen zu laute Geräusche, sondern Igel. Sie lösten sogar einen Polizeieinsatz aus. Nachzulesen ist das alle auf der Seite derstandard.at .

 

Am Donnerstag stolperte ich über diesen Artikel auf ze.tt , es geht um inklusive Wohngemeinschaften in Deutschland. Etwa 30 gibt es davon, sieben in München. Hier leben Menschen mit und ohne (sogenannter geistiger) Behinderung in einer WG zusammen. Und ich sage bewusst leben und nicht nur wohnen. Ich finde es großartig, dass endlich alternative Wohnmöglichkeiten abseits von Wohnheimen oder betreutem Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung in Gang gebracht werden und wünsche mir noch viel mehr solche Projekte.

 

Ausland

Ich habe keine Ahnung, wer diese Sportlerin ist, aber folgender Tweet wurde mir heute Morgen in die Timeline gespült und ich habe mich einfach sehr darüber gefreut. Es ist schön, wenn Ziele erreicht werden. Wobei meine Ziele so kleine sind wie „Aufstehen, obwohl Ferien sind“ (Was ich die letzten Tage auch immer geschafft habe).

 

Im Iran halfen Männer ihren Ehefrauen oder Frauen aus der Familie, indem sie Stealthy Freedom Kampagne, die schon seit 2004 existiert, unterstützen. Frauen im Iran sind dazu gezwungen ein Kopftuch zu tragen, sie dürfen nicht frei entscheiden ob sie es tragen wollen oder nicht. Männer zeigten sich solidarisch, indem sie Fotos von sich mit Kopftuch machten, während die Frau neben ihm keines trägt. Mehr Infos gibt es auf der oben verlinkten Facebookseite oder unter dem Hashtag #meninhijab .

#مردان_باحجاب #MenInHijab اجبار در هر شكلي هرگز حس خوبي براي يك انسان نيست. من خودم از اين همه اجبار و گشت ارشاد براي اينكه بخواهند به زور همسرم رو با حجاب كنند بيزارم. مردان زيادي در ايران براي حق انتخاب زنان شان ارزش قائل هستند و يالثاراتي ها و صاحبان تفكري كه به مردان مدافع حق انتخاب پوشش زنان نسيت ديوث و بي غيرت مي دهند نماد و نماينده همه مردان ايراني نسيتند. آنها شرم جامعه ي ما هستند نگذاريم بر ما مسلط شوند

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Medien

Es gibt den ersten Trailer für die vier neuen Folgen von Gilmore Girls. Endlich. Ich hatte ab der ersten Sekunde Gänsehaut. Und ein Releasedate. Markiert euch den 25. November fett im Kalender, kauft Pizza und Eis und freut euch! Und bis dahin: Schaut euch einfach täglich den Trailer an:

 

Man kann ja von Pokémon Go halten, was man möchte. Aber es holt Menschen aus ihren Wohnungen raus und ich habe seitdem bestimmt schon mit fünf fremden Menschen geredet. Das folgende Video ist zwar vom 30.06.2016, aber hey, Pokémon und Poetry Slam kommen nie aus der Mode.

 

Persönliches

In meinem Bekanntenkreis wurde ein gesundes Baby geboren, so wie wahrscheinlich noch viel mehr Babys in dieser Woche geboren worden sind. Das ist doch mal ein Grund zur Freude! Herzlich Willkommen, kleiner F.

Außerdem ist meine erste schriftliche Arbeit von dreien in diesen Semesterferien fertig. Auch das ist ein Grund zum Feiern. Allen StudentInnen, die das hier lesen: Haltet durch, geht zwischendurch mal an den See und freut euch über eure Erfolge!

The Good News Weekly

Semesterferien sind eine wunderbare Zeit, um all die Dinge zu tun, für die man während des Semesters keine Zeit hat. An den See fahren. Dieses eine Buch endlich lesen. Die Nächte durchmachen. Stricken lernen. Oder Einrad fahren. Den Kleiderschrank ausmisten. In den Urlaub fahren. Wenn man Geld hat. Und wenn man kein Geld hat: Endlich mal wieder alle 7 Staffeln Gilmore Girls gucken und einfach ein bisschen in Stars Hollow abtauchen.

Und genau das mach ich. Und bevor jetzt jemand behaupten kann, dass es Zeitverschwendung sei: Nein. Soeben hatte ich eine Schnapsidee. Und ich finde sie sehr gut. Aber von vorne.

Lorelai Gilmore (wer die Gilmore Girls nicht kennt: Shame on you!) sagte eben, also in der sechsten Folge der sechsten Staffel ungefähr folgendes nachdem sie die Zeitung gelesen hat:

There’s nothing remotely positive going around in the world. […] I’m starting my own [paper]: The Good News Daily.

Die Staffel spielt im Jahr 2006 und zehn Jahre später kann man dasselbe berichten. Keine guten Nachrichten, jeden Tag Terror und Amok und hastenichtgesehen. Wie ich schon im letzten Text erwähnte: Wir können alle eine Pause brauchen. Oder zumindest mal schöne Dinge mitbekommen. Ich bin mir sicher, dass tagtäglich mindestens genau so viele gute wie schlechte Dinge passieren. Nur gehen die unter bei all den Eilmeldungen.

Deswegen möchte ich hier auf dem Blog eine neue Rubrik starten:

The Good News Weekly

Die Idee ist nicht neu. Abgesehen von Lorelai hatten die Idee vor allem englischsprachige Seiten wie z.B. die Huffington Post. Aber das Rad neu erfinden wird eh immer schwieriger, vor allem im Internet, und darum geht es mir auch gar nicht. Es geht mir auch gar nicht darum alles schön zu reden, aber wir müssen alle aufpassen uns nicht von einem Haufen Scheiße überrollen zu lassen. Und genau das passiert gerade in allen Timelines, in den Kommentaren und in den Köpfen. Beinahe jeder fühlt sich überfordert oder bekommt Angst und verzweifelt.

Hier jetzt der Plan: Ich möchte gute, positive oder auch lustige  Nachrichten über die Woche sammeln und jeden Sonntag um 20 Uhr, pünktlich zur Tagesschau, veröffentlichen. So einen kleinen Lichtblick. Dafür brauche ich Hilfe. Von euch am besten. Wenn ihr über eine Nachricht stolpert, in denen Bären zusammen picknicken oder eine Mutter ihr verlorenes Kind findet oder es neue Details zur neuen Staffel der Gilmore Girls gibt: Dann her damit! Ich werde alles sammeln und hier veröffentlichen. Und natürlich auch selbst danach suchen, aber je mehr mitmachen, desto mehr vielfältige schöne Dinge kommen zusammen.

Also. Haltet Ausschau, schickt mir Dinge per Mail oder über meine Facebookseite. Ich geh jetzt erstmal meine Pushmeldungen der Tagesschauapp abschalten.

 

 

Fick dich, 2016 – Ein Halbjahresrückblick

Am Freitag war der Grand Slam of Saxony, die Säschsische Meisterschaft im Poetry Slam. Im Finale hat es mit diesem Text nicht für einen Sieg gereicht, aber ich möchte ihn mit euch teilen. Weil er nicht aktueller sein kann als momentan.

 

2015 war schon ein Scheißjahr. Menschen ertranken auf dem Mittelmeer, Merkel sagte „Wir schaffen das“ und schaffte doch nichts, in Paris kam es zu mehreren Terroranschlägen gleichzeitig, es gibt immer noch keine Hoverboards und die Serie Hannibal wurde abgesetzt.

In der Silvesternacht kam es in Köln vielfach zu sexuellen Übergriffen und es scheint mir, als hätte 2015 all sein schlechtes Karma auf 2016 abgewichst.

Aber 2016. Ich sags euch, 2016 wird noch ein ausgewachsenes Arschloch. So ein Arschloch, das als Abiturient noch Erstklässler auf dem Schulhof verprügelt und sie mit dem Kopf nach vorne in die Toiletten stülpt.

Diesem Jahr habe ich nur eines zu sagen:

FICK DICH 2016!

Dieses Jahr ist wie eine nie endende Staffel Game of Thrones: Fast alle Lieblingscharaktere sterben. David Bowie, Roger Willemsen, Peter Lustig, Prince, Muhammad Ali, Bud Spencer und am schlimmsten Alan Rickman.

Alan Rickman wäre dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Donald Trump ist dieses Jahr 70 Jahre alt geworden. Meine Theorie ist ja, dass der Tod betrunken war und auf seiner Liste stand „jemand aus dem Geburtsjahr 1946“ und damit eigentlich Trump gemeint war

FICK DICH 2016!

Dieses Jahr ist wie eine nie endende Staffel Game of Thrones: Menschen attackieren andere Menschen und alle sterben.

Im Internet las ich folgenden Kommentar „Wer spoilert ist schlimmer als Hitler“.

Nein. Einfach nein.

Schlimm ist, dass ständig Flüchtlingsunterkünfte brennen wie Kings Landing in der letzten Folge.

Schlimm ist, dass es Pegida immer noch gibt.

Schlimm ist, dass LKWs in Menschengruppen reinfahren und wöchentlich von Bombenangriffen berichtet wird.

Schlimm ist, dass man das alles innerhalb von einem Tag wieder vergisst und beim nächsten Mal wieder geschockt ist.

FICK DICH 2016!

Dieses Jahr ist eine nie endende Staffel Game of Thrones: Irgendwie gewinnen immer die irren Arschlöcher mit blonden Haaren.

Niemand hätte gedacht, dass die Briten aus der EU aussteigen wollen. Und dann kam der Brexit und jetzt ist Boris Johnson, der Frisurenzwilling von Donald Trump, Außenminister. Little Britain war keine Comedysendung, Little Britain wollte uns auf dieses Jahr vorbereiten.

Die Briten wollen wieder zurück zum Alten. Nationalstolz in einer globalisierten Welt ist Schwachsinn. Es ist als würde Großbritannien versuchen eine VHS Kassette in den Blurayplayer zu stecken. Das kann nicht funktionieren.

Noch immer fallen Menschen auf Patriotismus rein. Als hätten wir nichts gelernt.

FICK DICH 2016!

Dieses Jahr ist eine nie endende Staffel Game of Thrones: Menschen spielen ein Spiel um den Thron, in diesem Fall der EM-Pokal, und Frauen werden vergewaltigt.

Zwei Dinge gingen mir persönlich dieses Jahr besonders auf die Nerven:

Erstens:

Die Fußball EM, bei der ich zehnmal erklären musste, warum ich keine Lust auf Fußball habe und nicht für Deutschland bin. Dieses Jahr war ich etwa fünfmal beim Public Viewing, weil das die einzige Möglichkeit war Freunde überhaupt noch zu treffen und ich kann jetzt mit absoluter Gewissheit sagen: Es ist schön, wenn ihr so viel Spaß dabei habt, aber ich fühle noch immer rein gar nichts wenn Deutschland ein Tor schießt. Ich fühle vielleicht was, wenn ich diesen isländischen Fußballer mit dem Bart und den Tattoos sehe, aber das hat rein gar nichts mit Fußball zu tun.

Und die zweite Sache: der Fall um Gina Lisa, bei dem klar wurde, dass selbst ein „Nein!“ oder „Ich will das nicht!“ auf Band nicht ausreichen, um eine Vergewaltigung zu beweisen. Und sie ist nur eine von so vielen.

FICK DICH 2016

Aber hey, 2016 dieses Jahr immerhin beschlossen, dass das Wort „Nein“ auch wirklich „Nein“ bedeutet. Und wem das immer noch unklar ist, hier eine kurze Erklärung:

Stell dir mal vor, es geht nicht um Sex, sondern um EM Public Viewing.

Wenn du jemanden fragst „Hast du Lust mit zum Public Viewing zu kommen?“ und die andere Person antwortet „Ja, auf jeden Fall.“, dann kann’s losgehen.

Wenn der oder die andere aber sagt „Hm, weiß noch nicht.“, kannst du ihm oder ihr zwar sagen, wo du Fußball gucken willst, es kann aber trotzdem sein, dass die Person nicht kommt.

Das ist ok.

Nur weil du die Person eingeladen hast, muss sie nicht kommen. Vielleicht will sie auch einfach alleine zu Hause bleiben. Du hast kein Recht darauf, sie zu überreden oder sogar dazu zu zwingen mit dir zum Public Viewing zu gehen.

Wenn der oder die andere aber sagt „Nein, ich habe keine Lust auf Public Viewing.“, dann geh alleine oder mit anderen Menschen, die Lust darauf haben, Fußball gucken. Sei nicht wütend deswegen.

Wenn die andere Person „Ja“ sagt und später dann doch nicht mehr will ist das auch ok. Menschen ändern ihre Meinung.

Wenn die andere Person bewusstlos ist, dann hilft es ihr nicht, wenn du sie mit zum Public Viewing nimmst. Bewusstlose Menschen wollen kein Fußballspiel sehen, bewusstlose Menschen brauchen Hilfe. Bring die Person in die stabile Seitenlage und ruf den Notarzt an.

Vielleicht hat die Person aber auch „Ja“ gesagt, aber bis du dich entschieden hast, in welcher Kneipe du Fußball gucken willst, ist sie eingeschlafen (beim Mittagsschlaf oder so). Lass die Person in Ruhe schlafen und geh alleine oder mit anderen Menschen, die ein EM-Spiel gucken wollen, zum Public Viewing. Auch schlafende Menschen wollen kein Fußballspiel gucken, schlafende Menschen wollen schlafen.

Wenn jemand letzte Woche mit dir beim Spiel Island gegen Portugal war, heißt das nicht, dass er diese Woche wieder will. Das Argument „Aber du wolltest doch letzte Woche.“ zählt nicht.

Eigentlich ganz einfach, oder? Und immer noch gibt es Menschen, die das nicht verstehen und Opfer zu Tätern machen wollen.

Also:

FICK DICH 2016!

Am Liebsten würde ich 2016 den Netzstecker ziehen, zehn Sekunden warten und wieder einstecken. Aber das funktioniert nicht.

2016, du hast noch viel Verbesserungspotenzial. Aber auch noch fast ein halbes Jahr Zeit. Immerhin laufen bei Legida nur noch eine Handvoll Nazis mit. Und ich bekomme ab Oktober um die 50€ mehr Bafög. Das ist ein guter Anfang. Hier ein paar weitere Vorschläge:

Iss mal n Snickers.

Menschen mit schlecht sitzenden blonden Frisuren dürfen keine Wahlen gewinnen.

Wenn du noch ein paar berühmte Personen sterben lassen willst, nimm doch Mario Barth. Oder ein paar Nazis. Und wie schon mal erwähnt: Donald Trump.

Oder ruh dich einfach mal aus von den ganzen Toden und Terroranschlägen. Ich weiß, dass wir alle eine Pause bräuchten.

Und zu guter Letzt ein ultimativer Rat:

FICK DICH!

2066

Seit Oktober 2015 habe ich mit sehr guten KollegInnen und gleichzeitig Freunden die Lesebühne Kunstloses Brot in Leipzig. Jedes Mal bekommen wir vom Publikum ein Thema vorgegeben, im April war es Essen. Folgender Text ist dabei entstanden.

Ich fahre Bahn. Bahnfahren ist sehr schön, wenn der Zug nicht zu spät kommt, man keine Anschlusszüge verpasst, die Klimaanlage genau richtig eingestellt ist, Kinder nicht anwesend oder eingeschlafen sind und MitfahrerInnen nur geruchsneutrale Dinge essen. Bahnfahren ist also nie schön.

Damit sich niemand in der Bahn neben mich setzt habe ich mir ein paar Taktiken antrainiert: Kurz bevor der Zug an einem neuen Bahnhof hält pupse ich und packe mein Leberwurstbrot aus. Somit laufen etwa 70% der Einsteigenden an mir vorbei. Die anderen 30% haben einen Schnupfen, höchstwahrscheinlich von der bahninternen Klimaanlage. Für diese Menschen schmatze ich beim Essen richtig laut oder pfeife wie die Frau mit der Augenklappe aus Kill Bill. Die letzten 10%, die resistent bleiben, haben Kopfhörer auf oder sind taub vom Kindergeschrei oder zu lauten Bahnbremsen. Denen gucke ich einfach sehr lange und intensiv böse in die Augen bis sie verunsichert weiter gehen.

Manchmal stelle ich mich auch schlafend, doch das führt meistens dazu, dass ich wirklich einschlafe und eine Stunde später von Kleinfamilien oder Junggesellinenabschieden umzingelt bin. So wie jetzt. Da macht man nur kurz, verkatert vom letzten Slamabend, die Augen zu, zack wird man von lautem Gekreische, knallenden Sektkorken und einem knurrenden Magen geweckt. Schlaftrunken und so verplant, wie man es eben kurz nach dem Aufwachen ist, versuche ich mich zu orientieren und schaue mit zusammen gekniffenen Augen auf die Bahnanzeige. In fünf Minuten muss ich aussteigen. Außerdem steht da „26.04.2066“. Haha, witzig deutsche Bahn, 50 Jahre in die Zukunft gereist, na klar. Wenn das stimmt, gibt es ja auch bestimmt WLAN für alle. Ich schaue auf mein Smartphone und schalte das WLAN ein. Es verbindet sich sofort mit dem Hotspot der Deutschen Bahn. Ich verwirrt und brauche dringend einen Schluck Alkohol. Im Rausgehen klaue ich die Sektflasche des Junggeselinnenabschieds, die gerade kichernd eine Tüte Gummipenisse vernascht. Wenn die immer so lachen sobald sie einen Penis im Mund haben wünsche ich dem zukünftigen Ehemann viel Spaß.

Ich steige aus und nehme einen großen Schluck Sekt. Bäh. Es ist Rotkäppchensekt, das Beck’s der Qualitätsschaumweine.

Ich würde gerne einen Schluck Wasser trinken, um den Rotkäppchengeschmack aus meinem Mund zu kriegen, finde die Wasserflasche aber nicht, und nehme noch einen Schluck Sekt. Irgendwann gewöhnt man sich daran, ich spreche aus Erfahrung.

Ich stehe hier mit meiner Sektflasche und meinem „Riots not diets“-Pullover am Gleis und bemerke, dass irgendwas komisch ist. Um mich herum haben alle Menschen ausschließlich Sportklamotten an und in der Hand einen Proteinshake. Ob die FIBO von Köln nach Leipzig verlegt wurde? Ich fühle mich wie meine zwei Nummern zu kleine Abnehmmotivationsjeans, die ich mir vor zwei Jahren gekauft habe. Unpassend.

Wie auf Befehl knurrt mein Magen lauthals und die Fitnessmodels schauen mich kopfschüttelnd und missbilligend an. Ein paar tuscheln schon: „Ist das Alkohol? Woher hat sie den? Weiß die nicht, dass das illegal ist?!“ Ich stelle die Sektflasche vorsichtig ab und versuche mich unauffällig davon zu schleichen, trete aber natürlich gegen die Flasche und werfe sie und mich mit einem ohrenbetäubenden Krach um. Sie zerspringt in tausend kleine Teile und sofort kommt ein Roboter angefahren und saugt sie mit seinem Arm auf. Moment. Ein Roboter? Mit großen Augen starre ich ihn an.

Langsam stehe ich auf und schaue mich um. Er ist nicht der einzige Roboter und ausnahmslos alle Menschen laufen im Joggingtempo an mir vorbei oder joggen im Stehen während sie auf den Zug warten. In den ankommenden, hochmodernen ICEs entdecke ich Laufbänder und Crosstrainer und diese Kraftgeräte, die aussehen wie Foltergeräte. Sitze gibt es nicht.

Entweder vertrage ich nichts mehr und Rotkäppchensekt auf leeren Magen war eine eher weniger gute Idee oder ich träume noch. Ich zwicke mich in den Oberarm und sofort bildet sich dort ein blauer Fleck. In allen anderen Texten funktioniert das, dass man dann aufwacht und sich alle Irritationen auflösen und alle lachen, weil das ja so kreativ ist, was ein schönes Stilmittel, haha, nur ein Traum. Hier nicht. Ich stehe immer noch hier und spreche die nächste vorbeijoggende Person an, wobei ich mich an ihr Tempo anpassen muss.

„Entschuldigung, welcher Tag ist heute?“, keuche ich.

Der durchtrainierte Mann schaut mich angewidert an, hält sich die Nase zu und sagt „Der 26. April.“

Er läuft schneller, er will mich offensichtlich loswerden. Mit meiner letzten Kraft sprinte ich ihm hinterher und schnaufe „Welches Jahr?“.

„206­­­­6!“ ruft er, wirft mir einen letzten verachtenden Blick zu und klettert dann an der Kletterwand an der Westseite des Hauptbahnhofs runter zum Ausgang. Natürlich gibt es keine Rolltreppen mehr.

„Danke!“, versuche ich hinterherzurufen, muss mich jedoch vor lauter Anstrengung übergeben, woraufhin wieder einer dieser Putzroboter angefahren. Ich muss mich hinsetzen. In meinem Kopf ist großes Chaos und ich versuche mich an alle wichtigen Informationen aus „Zurück in die Zukunft“ zu erinnern, damit ich jetzt ja nichts falsch mache. Die Jogger ignorieren mich mittlerweile und nutzen mich als Hindernis für ihren Hindernislauf. Nachdem ich etwa eine Stunde wimmernd und mit Schnappatmung auf dem Boden gesessen bin und überlegt habe, was ich jetzt tue, krieche ich nun im Schneckentempo zu einem Laden, der aussieht als würde er Essen verkaufen. Wichtige Entscheidungen sollten nur mit einem vollen Magen getroffen werden.

„Herzlich willkommen bei McSuperfood. Was kann ich für Sie tun?“, begrüßt mich der Empfangsroboter.

„Ich hätte gerne einen Burger mit Pommes.“

„Gerne. Wir haben folgende Patties zur Auswahl: Schwarze Bohnen – Soja – Seitan oder Tofu. Dazu gedünstete Kohlrabipommes mit Magerquark.“

„Was ist mit Fleisch?“

„Fleisch gibt es nicht mehr.“

„Hä?“

„Das heißt nicht hä, das heißt ‚Wie bitte?‘“

Der Roboter beginnt so langsam wie meine Mutter zu klingen.

„Wie bitte?“, entgegne ich genervt.

„Fleischkonsum ist seit der Size Zero Diktatur gesetzlich verboten. Wer dagegen verstößt wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren bestraft.“

Ich muss mich dringend über die neuen Zustände in diesem Land informieren. Hinter mir in der Schlange joggen schon genervte Menschen auf der Stelle. Ich bestelle lieber.

„Ahja. Äh. Dann das mit den Bohnen bitte.“

„Bitte wählen Sie Ihre Bezahlart.“

„Äh, Euro?“

„Sie können mit Schritten oder mit Kalorien bezahlen. Halten Sie bitte Ihr Fitnessarmband hoch. Wenn Sie 10.000 Schritte gegangen sind bekommen Sie einen Smoothie Ihrer Wahl gratis dazu.“

„Ich hab aber keins!“

Die Menschen hinter mir atmen scharf und geschockt ein. Ein paar sind so geschockt, dass sie vergessen auf der Stelle weiter zu joggen. Der Mann hinter mir erbarmt sich meiner und hält sein Armband an den Roboter.

„Danke für Ihre Bestellung. Sie haben für heute noch 800 Kalorien zur Verfügung. Holen Sie sich ihr Essen am Ende der Trainingseinheit ab.“

„Halt, was? Welche Trainingseinheit?

Der Mann mit dem Fitnessarmband zeigt wortlos nach rechts. Wahrscheinlich halten mich mittlerweile alle für geistig beschränkt oder denken, ich war seit meiner Geburt im Keller eingesperrt. Auf der rechten Seite sehe ich ein großes Tor auf dem „Start“ steht, daneben eine Anleitungstafel. Um zu meinem Essen zu kommen, muss ich wohl den Militärhindernislauf durchqueren, damit ich dann im optimalen Verbrennungsmodus die Nahrung zu mir nehme.

So hatte ich mir das mit der Zukunft nicht vorgestellt, eher so wie bei Wall-E, wo man sich gar nicht mehr bewegt und Roboter alles für einen erledigen. Mein Magen knurrt lauter als zuvor und wohl oder übel muss ich mich jetzt durch den Parcour quälen. Nach einer halben Stunde wurde ich von zwanzig sportlichen Menschen überholt, aber ich habe es geschafft. Verschwitzt und mit hochrotem Kopf komme ich schweratmend, aber stolz an der Essensausgabe an. Mein Essen ist kalt.

„Mein Essen ist kalt!“, beschwere ich mich.

Ein Schild blinkt auf. „Wer länger als zehn Minuten für den Parcour braucht hat kein Recht auf Reklamation.“

Ich seufze, nehme meinen Teller und setze mich auf eins der Kraftgeräte im Speisesaal, Stühle und Tische wurden wohl gemeinsam mit Fleischkonsum verboten. Noch nie hat Essen so gut geschmeckt wie dieser Burger, aber wahrscheinlich auch nur, weil ich ihn mir hart verdient habe. Verdammt. Nach ein paar Stunden hier klinge ich schon fast wie diese Fitnessmenschen.

Ich hole mein Handy hervor. Das WLAN ist immer noch an und offensichtlich gibt es nun überall für alle WLAN. Immerhin etwas Gutes hat die Zukunft. Ich brauche Stunden, um mich durch die Geschehnisse der letzten 50 Jahre zu lesen, unter anderem auch, weil ich immer mal wieder ein paar Übungen durchführen muss, damit ich nicht rausgeschmissen werde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das sogenannte Superfood immer populärer wurde und Fitnessstudios expandierten. Fast Food Ketten wie McDonalds und BurgerKing mussten schließen, weil ihr Ruf immer schlechter wurde und sich immer mehr Menschen der Sekte „Dein Körper ist ein Tempel“ anschlossen. Schließlich gründeten diese Menschen eine Partei und mithilfe von Hetzkampagnen und Populismus kamen diese 2040­­­ an die Macht. Wer kann schon was Schlechtes gegen Fitness und Gesundheit sagen? Der Erfinder des Fitnessprogramms „Size Zero“ und Gründer der eben genannten Sekte Julian Zietlow stellte sich schließlich als wahrer Diktator heraus und so langsam schwappte der Fitnesswahn auch in die anderen Länder über und wurde weltweit anerkannt. Er setzte die Zuckersteuer durch und diese war so hoch, dass alle Hersteller auf Zucker verzichteten und nach und nach alle Lebensmittel „clean“ wurden.

Als weltweite Währung einigte man sich auf Schrittzahlen und verbrannte Kalorien, die mit einem Fitnessarmband gemessen werden. Der reichste Mensch der Welt ist nicht mehr Bill Gates, sondern James Park, der Erfinder der Fitbit Aktivitätstracker.

Menschen mit einem Körperfettanteil über 15% werden so lange in Trainingslager geschickt bis sie die idealen Werte haben oder eben vor Erschöpfung sterben. Laut Parteiprogramm soll damit die natürliche Auslesefunktion unterstützt werden. 2050 bildete sich eine revolutionäre Untergrundbewegung namens „Riots not diets“, die aber schnell aufflog und verboten wurde.

Ich muss schlucken, schaue auf meinen Pullover und drehe ihn schnell auf links. Das ist keine Zukunft für mich. Entweder werde ich bald in ein Traningslager gesteckt und sterbe oder noch schlimmer, werde dort so wie die joggenden Wahnsinnigen da draußen, oder man identifiziert mich als ein „Riots not diets“-Mitglied und ich muss mir stundenlang YouTube-Videos von Fitnessmädchen zur Strafe angucken bis ich ­so viele Gehirnzellen verloren habe, dass ich nicht mehr sprechen kann. Wahrscheinlich haben die ersten gesetzestreuen Jogger schon längst die zuständigen Behörden benachrichtig, dass eine wilde dicke Frau im „Riots not diets“-Pullover am Bahnhof rumrennt und sich wie eine Wahnsinnige aufführt.

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist schon spät und auch an den Gleisen ist langsam Ruhe eingekehrt. Ich husche leise zu den stehenden Zügen in der Wartungshalle, ein offensichtlich älterer ICE hat offene Türen. Es gibt noch gepolsterte Sitze. Noch nie saß ich auf einer bequemeren Sitzgelegenheit. In Embyronalstellung rolle ich mich auf zwei Sitzen zusammen und hoffe, dass wenigstens das zweite stilistische Mittel „Einschlafen und da aufwachen, wo man sein will“ funktioniert.

Von Zugrattern und lautem Gegacker werde ich wach. Es riecht nach Sekt, billigem Parfüm und Leberwurstbrötchen. Ich bekomme Hoffnung, traue mich aber erst nach ein paar Minuten die Augen zu öffnen. Mein Blick fällt erst auf betrunkene Mittdreißigerinnen in zu engen pinkfarbenen T-Shirts, dann auf die Datumsanzeige. Es ist der „26.04.2016“ und ich schreie freudig auf. Ob es jetzt das erste stilistische Mittel „Es war alles nur ein Traum“ oder das zweite „Einschlafen und da aufwachen, wo man sein will“ gewirkt hat ist mir egal. In fünf Minuten muss ich aussteigen und überlege kurz, ob ich nach diesem Ausflug in die Zukunft die Flasche Sekt der Junggesellinnen klauen möchte. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann das: Rotkäppchensekt ist nie eine gute Idee.

Heimatlos

Der Blog wird heute 5 Jahre alt und liegt seit August brach. Zeit das zu ändern. Ich möchte wieder mehr bloggen. Wie oft und wie regelmäßig kann ich nicht sagen und ich möchte nichts versprechen, was ich eh nicht halten kann. Studium, Lesebühne, Slams und dann auch noch ab und zu Privatleben sind sehr einnehmend. Aber zumindest eins will ich versprechen: Es wird keine 8 Monate mehr bis zum nächsten Post dauern. 

Heimatlos – Frittenbude

Ich habe keine Heimat.

Ich war 12 Jahre Stadtkind, dann 7 Jahre Dorfkind, dann die Weiße in Indien und bin jetzt wieder Stadtkind. In meinem Leben bin ich schon elfmal umgezogen. Im Schnitt also etwa alle zwei Jahre.

Als ich in der zweiten Klasse war hat es im Dachboden über unserer Stadtwohnung gebrannt. All meine Barbies sind geschmolzen, mein Meerschweinchen starb. Ich war damals mit meinen Großeltern im Urlaub und als wir bei ihnen im Haus ankamen drückte mir mein Onkel eine Klappkiste in die Hand und meinte gefühlvoll „Bei euch hats gebrannt, hier hast du den Rest aus deinem Kinderzimmer.“

Meine alleinerziehende Mutter und ich besaßen nur noch ein paar Mullsäcke voll mit Zeug, das wir wochenlang mit Febreze einsprühten bis es nicht mehr stank. In zehn Tagen zogen wir mit diesen Müllsäcken dreimal um. Meine Grundschule veranstaltete einen Spendenflohmarkt. Die Großstadtanonymität war in diesen Wochen kaum zu spüren. Unsere neuen Nachbarn lernten wir aber trotzdem nie kennen.

Ich habe keine Heimat.

Und das ist ok so.

Ich wuchs in der Stadt auf. Nur Mama und ich in unserer kleinen gemütlichen Zweizimmerwohnung. In den Ferien besuchte ich viele Ferienaktionen von Museen oder Vereinen und lernte dort alles Mögliche. Als der vierte Harry Potter Band erschien verwandelte sich die Nebenstraße der Haupteinkaufsmeile in die Winkelgasse. Ich kaufte Zauberstäbe und Bücher und war für eine Weile das glücklichste Mädchen der Welt.

Alle zehn Minuten fuhr eine Straßenbahn. Oder ein Bus. Zu meiner weiterführenden Schule fuhr ich eine halbe Stunde. Es war eine internationale Gesamtschule und ich bin heute froh, dass Mama dafür sorgte, dass ich verschiedene Kulturen als Gewinn und nicht als Defizit sehe. Dass ich weltoffen bin. Weil es einfach normal für mich war. Genauso normal wie die Tatsache, dass Mama und ich alleine waren und ich Papa nur ab und zu sah. Das war meine Definition von Familie und in der Stadt gab es so viele davon.

Das Stadtleben war voll mit Aktivitäten und Diversität und Kultur und Anonymität. Ich mochte es da.

Aber: Ich habe keine Heimat.

Und das ist ok so.

Ich kenne auch das Dorfleben. Orte, an denen jedes Dorf auf –bach endet und die Menschen, je weiter es in den Odenwald ging, unverständliche Worte von sich gaben. An meinem ersten Tag im Dorf fragten mich fünf Kinder im Bus „Wem ghörschn duuu?“ und es dauerte Wochen bis ich endlich verstanden hatte, dass sie nicht von Kirschen geredet hatten, sondern wissen wollten zu welcher Familie ich gehöre. Nach sieben Jahren hatte ich das Prinzip der Akkomodation verstanden und beherrschte fünf Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Standarddeutsch und Odenwälderisch.

Auf dem Dorf gibt es genau ein Familienbild: Vater, Mutter, Kind. Mit Stiefvater, Mutter, Stiefschwester, Halbbruder und mir waren wir zusammen mit dem schwulen Pärchen wahre Exoten und ich persönlich fühlte mich selbst nach sieben Jahren noch manchmal nur als die Zugezogene, obwohl wir eigentlich voll integriert in alle möglichen Dorfaktivitäten waren.

Aber dafür weiß ich wie ein heller Sternenhimmel aussieht, wenn man sich nachts im Sommer auf den Feldweg legt und einfach nur staunend gucken kann. Ich weiß wie es ist, wenn dich jeder kennt und grüßt. Und wehe du grüßt nicht zurück, noch bevor du zu Hause bist wissen deine Eltern „Das Kind hat nicht gegrüßt!“. Ich weiß wie es ist zur illegalen Schlachterin zu gehen und den Erwachsenen zuzuschauen, wie sie sich mit selbstgebrannten Schnaps betrinken. Ich weiß, wie frische Milch vom Bauernhof schmeckt und ich weiß, wie verschüttete Milch auf dem Feldweg aussieht, weil der gigantische Bärenhund einen mal wieder vom Hof gejagt hat. In den seltenen Momenten, in denen ich das Dorf wieder betrete, flackert doch ein wohliges Heimatgefühl auf, so für ein paar Minuten. Sieben Jahre machen sich doch irgendwo bemerkbar.

Ich weiß wie es ist nicht mobil zu sein.

Wir hatten damals genau vier Bushaltestellen und das war schon Luxus. Wochentags fuhr alle Stunde ein Bus, am Wochenende nur einer um Punkt 12 Uhr, aber danach wurden die Haltestellen ja auch von den coolen Kids besetzt, die ihre älteren Geschwister überredet hatten ihnen Biermixgetränke zu kaufen. Billige Becks“bier“mischgetränke, das ist der Geschmack der Dorfjugend.

Heute weiß ich: Becks ist kein Bier. Becks ist eine widerliche Plörre mit bierähnlichem Geschmack, die Jugendlichen als Bier verkauft wird, damit sie sich langsam an den Geschmack gewöhnen und sobald sie aus der Pubertät raus sind auf richtiges Bier umsteigen können.

Manche bleiben für immer in der Becksphase stecken. Denkt bei der nächsten Party dran: Wenn ihr einen ausgewachsenen Menschen mit Becks in der Hand seht ist es wahrscheinlich ein verlorenes Dorfkind, das sich noch nicht in der Stadt zurechtfindet. Drückt ihm oder ihr ein richtiges Bier in die Hand und erklärt die fabelhaften Möglichkeiten eines funktionierenden öffentlichen Nahverkehrs. Wobei funktionierend bei der LVB übertrieben wäre. Sagen wir: Eines existierenden Nahverkehrs.

Morgens hatte ich die Wahl zwischen drei Bussen zur Schule. Einer war eine halbe Stunde zu früh da, der andere eine viertel Stunde vor Schulbeginn, der letzte fuhr einen langen Schwenker über die Hauptschule. Nirgends war die soziale Auslesefunktion des deutschen Bildungssystems so offensichtlich wie in diesem Bus, an keinem anderen Ort konnte ich meinen Schimpfwortwortschatz so stark erweitern. Es gab eine Fifty-Fifty-Chance mit dem Hauptschulbus pünktlich anzukommen, dafür konnte man morgens aber auch eine halbe Stunde länger schlafen. Einmal kam ich zu spät zur ersten Stunde, weil der Busfahrer mitten im Wald hielt, weil er pinkeln musste. Der Lehrer glaubte mir nicht. Ich hätte mir ja nicht mal selbst geglaubt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre.

In meiner Stufe gab es genau einen Jungen mit Migrationshintergrund, er selbst taufte sich der „Quotentürke“. Er war der einzige, der im Biounterricht sofort verstand, was Mitochondrien sind. Ab diesem Zeitpunkt erklärte er allen diskriminierenden Lehrer*innen, dass er später mal Doktor wird. Heute studiert er irgendwas auf Lehramt. Und Menschen, die mit mir Abitur gemacht haben hetzen über Flüchtlinge.

Weil Diversität ein Fremdwort ist, weil man es nicht anders kennt, weil Blickwinkel fehlen, weil der Suppentellerrand zu hoch ist und jeder dann doch lieber sein eigenes Süppchen kocht. Weil es auf dem Dorf schon ein Skandal ist, wenn der gutbürgerliche Mann eine von den Asiatinnen da geheiratet hat.

Ich habe keine Heimat. Weil ich mich weder in der Stadt, noch auf dem Dorf mit den Menschen identifizieren kann, obwohl mich beides doch zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ich weiß nicht, wie es ist seine Heimat zu verlieren, weil ich noch nie so wirklich eine hatte. Oder weil sie vielleicht verteilt ist. 25% sind in der Stadt, in der ich aufwuchs, 10% auf dem Dorf, 10% sind irgendwo in Indien gelandet, Leipzig nimmt auch immer mehr ein und bestimmt 30% sind auf verschiedene Menschen verteilt. Vielleicht habe ich doch eine Heimat. Und vielleicht trifft „Home is where your heart ist“ doch irgendwie zu.