Seifenblasenträume

Mit herausgestreckter Zungenspitze balancierte sie konzentriert auf der kleinen, schmalen Steinmauer. Vorsichtig setzte sie Fuß vor Fuß, wie eine kleine Ballerina. Die Arme waren engelsgleich weit ausgestreckt um das Gleichgewicht zu halten. Die Haare wehten ihr ins Gesicht, der Blick war entschlossen und die Augen glänzten. Jemand pustete Seifenblasen, die an ihrer kleinen Stupsnase platzten.

Sie brachten sie für einen kurzen Moment aus der Fassung, sie schwankte, sie stolperte und plumpste auf den harten Betonboden. Schürfte sich das Knie auf, war kurz davor zu weinen, doch dann fing wieder jemand an Seifenblasen zu pusten und sie lächelte ihr Spiegelbild, das sie in ihnen sah, an und hüpfte ihnen hinterher. Die Welt, die kurz vorher ins Stolpern geraten war, war wieder in Ordnung. Nicht nur in Ordnung, sondern schön.

Etwa 15 Jahre später saß sie im Schneidersitz auf einem anderen Stück Erde. Die Haare wehten im Wind, der Blick war wehmütig und die Augen stumpf. Vor ihr, auf der anderen Straßenseite, eine hohe Steinmauer. Etwas undefinierbares faszinierte sie daran. Die Steinmauer erinnerte sie an ihre betonierte Zukunft, an ein Gefängnis, an sonst nichts. Kein Freiheitsgefühl, keine Kindheitserinnerungen. Wie ausgelöscht.

Sie wünschte sich, dass das Leben anders wäre. Nicht so. Sie wusste nicht wie, sie kannte es ja nur so. Aber es sollte anders sein. Die Leere musste gefüllt werden. Mit irgendwas. Das Leben hatte sie enttäuscht. Menschen hatten sie enttäuscht. Verletzt, zerbrochen und mit leeren Händen saß sie da. Sie zog die Beine an den Körper ran, so nah es ging. Sie wollte sich spüren, sich selbst zusammen halten, bevor sie endgültig zerbrechen würde. Das Herz klopfte leise. Böse Gedanken und vernichtende Wortfetzen andere wirbelten wie ein Tornado durch ihren Kopf und zerstörten das letzte Stück Hoffnung, dass sich in einem kleinen Winkel ängstlich verkrochen hatte.

Sie fühlte sich verlassen, allein, einsam. An ihr huschten die Autos wie nächtliche Schatten vorbei, die hektischen Menschen ignorierten das traurige Mädchen. Sie hatten keine Zeit, niemand hatte mehr Zeit. Weder für sie, noch für sich, noch für Umarmungen.

Das Mädchen wartete. Die ganze Nacht lang starrte sie auf die Steinmauer ihr gegenüber. Dann stand sie auf. Sie ignorierte die hupenden Autos, als sie die Straße überquerte, vielleicht hörte sie sie auch wirklich nicht. Sie stieg auf die Mauer und fing an zu balancieren. Unter ihr der tosende Fluß. Die Arme hingen schlaff an der Seite, der Blick irrte umher auf der Suche nach jemanden, der sie retten würden. Doch die Menschen eilten weiter an ihr vorbei, sie war ja nur ein Mädchen, dass spielerisch auf einer Mauer balancierte.

Sie schloss die Augen. Atmete die frische Nachtluft ein, saugte die ohrenbetäubende Stille auf, sah Seifenblasen und spürte wie sie an ihrer Haut zerplatzten. Es war der Regen, doch das wusste sie nicht, sie wollte es nicht mehr wissen. Nichts mehr wollte sie wissen.

Die Arme engelsgleich ausgestreckt ließ sie sich fallen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s