Momenterzählung

Die Musik war laut. Der Bass bestimmte den Herzschlag meines Herzens. Ausnahmsweise pochte es regelmäßig. Ich legte mich auf den Boden, mitten im Konzert. Es war mir egal, was die anderen Leute um mich herum dachten. Was du von mir dachtest. Ich wollte mich spüren, wollte die Musik spüren, nicht nur hören. Der Bass vibrierte auf dem Boden, bebte in mir. Herzbeben. Die Hände waren auf dem kalten Boden, saugten die Melodie auf.

Du hast mich komisch angeschaut. Selbst mit meinen geschlossenen Augen spürte ich deinen bohrenden Blick. Doch ich lächelte nur und eine Weile später lagst du neben mir. Mitten im Konzert. Inmitten von mehr als 2000 Menschen. Du nahmst meine Hand in deine Hand. Aus dem Herzbeben wurde ein Herzsturm, ich fühlte deine Haut an meiner, die Musik überall und genau dieser Moment war perfekt.

Zusammen gingen wir raus aus der Konzerthalle, die Hände noch ineinander verschlungen. Wir schwiegen, überrascht von der Entwicklung des Abends, die unsere mutigen Herzen verursacht hatten. Und weil sich keiner traute, diese Anreihung von perfekten Momenten zu unterbrechen. In der Nähe war ein Park. Freudig zog ich dich dort hin, du konntest nicht anders als mir verdutzt zu folgen. Ich zog meine Schuhe aus und fing an zu hüpfen. Ich weiß nicht warum, es war in diesem Moment einfach da, dieses Schmetterlingschwebefreiheitsgefühl. Du hast gelacht, dich an meiner Freude gefreut, jede meiner Bewegungen beobachtet.

Mit dem Zug fuhren wir heim. Ich an deiner Schulter angelehnt. Du hast meine Locken gezwirbelt. Kein Wort verließ unsere Lippen. Noch immer trauten wir uns nicht. Die Nacht hatte ihren Schleier um uns gelegt und uns vernebelt.

Vor meinem Haus legten wir uns auf den warmen Betonboden. Der Himmel war klar, die Sterne leuchteten. Mein Kopf lag auf deiner Brust, ich konnte deinen Herzschlag spüren. Noch konnte ich fliehen, unsere Lippen hatten sich noch nicht berührt, es war noch nicht zu spät, noch war ich nicht süchtig nach dir und deiner Nähe, noch wollte ich nicht jede Minute in deine Augen sehen, noch brauchte ich dich nicht. Und doch gewann mein Herz den Kampf gegen die ängstlichen Gedanken. Vielleicht hast du gespürt, was los mit mir war, ich weiß es nicht, aber du hast endlich gesprochen.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist das jetzt hier?“

„Das ist das Jetzt und für den Moment gut.“

„Und wenn ich mehr als nur ein paar Momente mit dir will?“

„Dann sollten wir es wagen. Zusammen der Welt entgegen treten…“

„Bist du dir sicher?“

„Für den Moment: Ja.“

Mehr konnte ich ihm nicht versprechen. Und das wusste er. Aber für den Moment war auch er glücklich. Und das war es, was zählte: Der Moment.

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3 Gedanken zu “Momenterzählung

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