Und dazwischen nur die Hecke…

Voller Hoffnung saß sie da. An der Hecke, an der sie sich bisher jede Nacht getroffen hatten in den letzten Wochen und an der sie sich heute wieder treffen wollten. Wie jede Nacht hatte sie Angst, dass er nicht kommen würde. Dass er jemanden getroffen hatte. Jemanden besseren. Die meterhohe Hecke begrenzte auf ihrer Seite einen großen Garten mit einem kleinen Teich voller Goldfische, säuberlichen Blumenbeeten, die nach der Farbe sortiert angepflanzt waren, und einem großen, ihrer Meinung nach viel zu protzigen Springbrunnen. Was auf der anderen Seite war, wusste sie nicht.

Vor ein paar Wochen hatten sie angefangen. Diese nächtlichen Treffen. In einer angenehm warmen Nacht, in der sie mal wieder, wie so oft in letzter Zeit, nicht schlafen konnte, hatte sie sich am Elternzimmer vorbei in den Garten geschlichen. Wie ein Nachtgespenst ist sie durch die Nacht geschlichen, hatte mit den Händen sanft über die Blumen gestrichen und sich schließlich im Teich die Hände gesäubert. m Mondschein hatte sie argwöhnisch ihr Spiegelbild betrachtet: Tiefdunkle Augenringe umrundeten ihre blauen, müden Augen, das einst lockige, füllige Haar fiel in müden Wellen schlaff herunter, die Haut war blass, doch nicht elfenbeinfarben, sondern eher tapetenähnlich grauweiß. Erschöpft hatte sie sich in ihrem Nachthemd an die Hecke gesetzt und die Augen geschlossen, als sie seine Stimme das erste Mal hörte. Sie klang weich, liebevoll, gleichzeitig doch aber rau und männlich und ihr schwaches Herz fing wie wild an zu klopfen. Er musste ganz nah sein, konnte sie doch in diesem Moment auch seine unruhigen Schritte hören, die im Kies hin und her eilten. Anscheinend hatte er Streit mit jemanden. Wütend hatte er das Gespräch beendet und sich genau hinter sie fallen gelassen, die Hecke zwischen ihnen. Sie konnte ihn atmen hören, laut und unregelmäßig.

Mit ihrer leisen , zarten Stimme, die sie so selten benutzte, hatte sie vorsichtig ein gebrochenes „Hallo!“ in die Luft geflüstert und konnte nun hören, wie er schnell, vielleicht sogar panisch herumwirbelte.

„Wer da?“, hatte er laut zurück geflüstert, mit der Stimme, in die sie sich gleich verliebt hatte.

„Ich. Nur ich.“, hauchte sie zurück. Ihr Herz klopfte unregelmäßig, laut gegen ihre Brust.

„Was machst du hier?“

„Versuchen zu leben, atmen, das Gras unter meinen nackten Füßen spüren.“

„Aha. Machst du das jede Nacht so?“

„Nein. Nur heute. Zum Glück heute.“

„Warum zum Glück heute?“

„Weil ich so deiner Stimme lauschen konnte.“

„Du belauschst mich also? Großartig, als ob der Tag nicht schon gut genug gelaufen wäre, werde ich auch noch nachts in meinem eigenen Garten belauscht.“

„Warum war dein Tag denn so gut?“

„Das war Ironie, meine Liebe.“, antwortete er mit einem bitteren Ton.

Ihr Herz stockte. Er hatte sie „meine Liebe“ genannt. Bis jetzt hatte das nur ihr Vater zu ihr gesagt. Bis jetzt hatte sie auch noch nicht viel Kontakt mit Menschen gehabt, sie kannte nur ihr Haus, den Garten und das große, ungemütliche Krankenhaus, in dem sie viele Monate ihres Lebens verbracht hatte. Plötzlich hatte er immer weiter geredet, konnte nicht mehr aufhören. Und sie, sie hatte einfach nur zugehört, hatte jedes seiner Worte aufgesaugt. Über den Streit mit seinen Eltern, die Trennung von seiner Freundin, sein kaputtes Auto und sein kaputtes Herz.

Sie musste an ihr eigenes kaputtes Herz denken, das zwar nicht von jemand anderem gebrochen worden war, aber das schon ihr Leben lang nicht funktionieren wollte. Sie hatte kein dringendes Bedürfnis gespürt, es ihm zu erzählen, sie genoss es einfach nur seiner Stimme zu lauschen. Stundenlang waren sie so da gesessen, bis der Himmel hell geworden war und er geschwiegen hatte.

„Wie heißt du eigentlich?“, hatte er schließlich gefragt, um das Schweigen zu brechen.

„Helena. Und du?“ Das wollte sie schon die ganze Nacht wissen. Wenn sie schon von einem Geischtslosen träumen musste, dann nicht auch noch von einem Namenlosen.

„David.“

„Ich muss gehen, bevor meine Eltern aufwachen…“

„Und morgen Nacht kommst du wieder hierher, dann bist du mit Erzählen dran, ja?“

Ihr Herz klopfte. Stärker als sonst, sie war es nicht mehr gewohnt es so zu spüren. Sie nickte, bemerkte dann, dass er es nicht sehen konnte und flüsterte ihm ein „Ja“ entgegen. Mit federnden, leichtfüßigen Schritten lief sie zurück in ihr Gefängnis, zurück in ihr Bett, zurück in die Realität.

Am Frühstückstisch hatten sie und ihre Eltern sich, wie so oft in letzter Zeit, nichts zu sagen. Es war ein unausgesprochenes Schweigeabkommen, mit denen beide Parteien einverstanden waren. Ab und zu linste der Vater mit seiner Brille über den Rand seiner Tageszeitung zu Helena hinüber, die verträumt und müde in ihrem Müsli herum rührte. Er war alt geworden, durch seine schwarzen Haare leuchteten die ersten grauen Strähnen und die Augen sahen müde aus. Nicht etwa müde aufgrund von Schlafmangel, es war eher eine Art Lebensmüdigkeit, als hätte er schon lange aufgegeben. Helenas Mutter saß wie jeden Tag adrett gekleidet und perfekt frisiert und geschminkt da und trank, den kleinen Finger abgespreizt und die roten Lippen gespitzt, ihren Kaffee.

„Vergiss deine Medikamente nicht, Schätzchen.“, bemerkte sie in einem strengen Tonfall. Wie sollte Helena die Medikamente vergessen, nach lebenslanger Alltagsroutine. Zuerst die kleine rote Pille, dann die blaue, dann drei Tropfen der ekligen, nach Kanalabwasser (zumindestens stellte sie sich so Kanalabwasser vor) schmeckenden, braunen Flüssigkeit. Jeden Tag. Wie viel Pillen sie wohl schon in ihrem Leben geschluckt hatte? Sie wusste es nicht, auf jeden Fall waren es zu viele.

Vor ihren Eltern schaffte sie es immer wieder, ihr Geheimnis zu bewahren. Jede Nacht trafen sie sich, sie und David, immer an der gleichen Stelle. Wenn sie sich nichts zu erzählen hatte, las er ihr vor. Selbstgeschriebene Kurzgeschichten, sie war die erste, die sie hören durfte. Sie hörte ihm so gern zu, könnte den ganzen Tag nichts anderes tun, die ganze Nacht nicht.

Nur ihr plötzliches Strahlen, dieses Funkeln, dass sie seit den geheimen Treffen an der Hecke hatte, fiel ihnen auf, doch sie schoben es auf das neue Kindermädchen und beschlossen, dass sie sie für eine Weile behalten würden.

Und jetzt saß Helena da. Schon eine halbe Stunde war er zu spät. Hatte sie gestern was falsches gesagt? Hatte sie ihn verärgert? Gestern hatten sie ein Loch in der Hecke entdeckt, ein kleines Loch, doch sie hatte sein Auge sehen können, ein strahlendes, grünes Auge. Und das erste Mal seit Wochen hatten sie geschwiegen und sich gegenseitig in die Augen geschaut. Doch während sie geschwiegen hatten, hatten sie sich mehr erzählt als die letzten Nächten, ihre Augen hatten für sie gesprochen. Es hatte sich angefühlt, als wären sie sich nackt gegenüber gestanden, doch genauso war es ja auch, ihre Seelen waren durch den Augenkontakt splitterfasernackt entblößt. Einer von beiden hatte diesen besonderen Moment zerstört, aus Furcht, doch sie konnte sich nicht mehr erinnern, wer von ihnen es getan hatte.

Sie legte sich hin, müde vom Warten, nichtsahnend, dass ihr Herz zu schwach war (sie hatte ihre Medikamente vor lauter Müdigkeit und Lebenslust schon zu lange nicht mehr genommen) und eine halbe Stunde später mit Schlagen aufhören würde.

David rannte. Er rannte so schnell er konnte, war er sich doch bewusst, dass er schon längst zu spät war. Er kannte das Mädchen mit der zarten, elfenhaften Stimme und dem blauen Auge noch nicht lange, doch gleichzeitig besser als all seine Freunde. Heute war er besonders aufgeregt, er wollte sie abseits der Hecke treffen, wollte mit ihr raus an den Strand fahren und barfuß im Sand laufen und den Wellen horchen, mit ihr tanzen bis zum Morgengrauen und sie, wenn sie wollte, küssen. Sein Herz hämmerte heftig gegen seine Brust bei dem Gedanken und er lief noch schneller.

Es kam nie zu dem Kuss. Bis heute weiß David nicht, was mit Helena passiert ist, traute er sich doch nie zu ihren strengen Eltern, von denen sie immer erzählt hatte.

Heute ist David 35, verheiratet und hat zwei Kinder, doch vergessen konnte er das blaue Auge und die leise, vorsichtige Stimme nie.

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5 Gedanken zu “Und dazwischen nur die Hecke…

  1. Ach meine liebe, du schreibst so wundervoll.
    Was für eine schöne, traurige Geschichte. Ich bin ganz begeistert! <3

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