Der Hinflug

7.09.2011 – Der Hinflug

1. Stunde: Checke im Flieger zuallererst das Filmprogramm. Fluch der Karibik 4, Wasser für die Elefanten, Scrubs, Glee, Thor, Desperate Houswives: Läuft.

Neben mir ein indischer Mann, faltet die Hände vor dem Start wie zum Gebet. Oder er schläft einfach nur. Ich lausche den Gesprächen der Stewards und Stewardessen im Hintergrund. Irgendjemand hat seinen letzten Flug und deswegen wird in Chennai dann „richtig abgefeiert“. Uninteressant. Ich mache mir „Wasser für die Elefanten“ an, warte auf den Ablfug, will mich von meiner Nervosität ablenken. Aus dem Fenster gucken kann ich nicht, sitze ja im Mittelgang. Ganz hinten. Nur mein Bauch nervt, der fühlt sich nämlich flau an und schlecht ist mir auch. Schieb es auf die Aufregung.

2. Stunde: Schaue immer noch Wasser für die Elefanten. Der Inder neben mir wacht irgendwann auf und spricht mich mit seinem gebrochenen Englisch an. Ich verstehe kein Wort und bekomme gleich Panik, dass das jetzt 7 Monate so weiter geht. Ich glaub, er wollte einen Stift von mir, zumindestens hab ich ihm einfach mit einem Lächeln im Gesicht einen in die Hand gedrückt. Interessiert und ich glaube auch amüsiert beobachtet er die Kussszenen im Film. „This is not possible in Indian movies, you know?“ Ich verstehe ihn besser. Den Stift hat er trotzdem behalten. Hm.

Is this the evil one?“, fragt er mich, als der Zirkusdirektor auf dem Bildschirm erscheint. „Yes!“, sage ich. „And this is the good guy?“, fragt er, als Robert Pattinson mit seinem scheiß schiefen Grinsen auf dem Bildschirm erscheint. Ich bejahe wieder, er hat das Grundprinzip des Films verstanden, Gut gegen Böse.

Gegen 13:00 Uhr bzw. nach indischer Zeit 16:30 Uhr kommt das Mittagessen. Hühnchengedöns in Honigmatsche mit Gemüse oder sowas ähnlichem. Immerhin gibt’s einen Brownie dazu.

3. Stunde: Ich will schlafen, fange aber an zu weinen. Adele ist vielleicht nicht die richtige Musik zum Schlafen, wenn man die Liebsten zu Hause lässt. Lasse die Augen geschlossen, in der Hoffnung, dass es niemand bemerkt. Bringt nichts, es ziehen immer mehr Bilder durch den Kopf, von ihm. Sehnsucht und Angst kommen hoch. Es kommen immer mehr Tränen, da helfen auch geschlossene Augen nicht mehr. Der Inder, dessen Namen ich vergessen habe (Oh mein Gott, wird das jetzt immer so gehen? Ich muss mir doch die Namen merken können!!!) fragt natürlich nach, sobald ich die Augen öffne. „Why are you crying, little girl?“

Family, boyfriend, can’t see them for 7 months.“ Zumindestens glaube ich, dass das der Grund dafür ist. Mehr kann ich nicht sagen, weil ich schon den Wasserfall in mir hochkommen spüre. Er stutzt, versucht mich dann aber aufzuheitern: „Oh no, I think it’s just because of the bad food.“ Ich muss schmunzeln.

Noch 6 Stunden. Wie kann man in so einer kurzen Zeit eigentlich noch fühlen? Ich mache mir Scrubs an, schlafen kann ich jetzt eh knicken. Es ist die Folge, in der ein Tagtraum mit Einhörnern vorkommt. Ich muss an Twitter denken, dann an ihn. Stoppe den Gedankengang, spüre, wie das Herz schwer wird.

4. Stunde: Ich geh aufs Klo. Frage mich, wie es möglich sein soll in so einem engen Raum Sex zu haben, wenn man nicht gerade Zirkusartist ist (Ja, der Film hat seine Spuren hinterlassen!). Beschließe, dass Sex auf der Flugzeugtoilette nur ein Gerücht ist bis mir jemand das Gegenteil beweist. Bemerke erst jetzt, wie bescheuert zweideutig das klingt. Kicher vor mich hin. Halten mich ja eh schon alle für bescheuert im Flieger. Den Rest der Zeit verbringe ich mit Glee, die Folge mit der Gehörlosenschule vor den Sectionals.

5. Stunde: Glee bringt mich zum Weinen. WAS ZUR HÖLLE IST LOS MIT MIR?!? Der Steward schaut mich besorgt an, ich deute auf den Bildschirm, der gerade zeigt wie Jugendliche auf Hockern sitzen und „True Colours“ singen. Hört er natürlich nicht, weiß also auch nicht WIE schön das klingt. Immerhin guckt er mich jetzt nicht mehr besorgt an, sondern verwirrt. Ziel erreicht.

Schlafversuch 2 wird gestartet.

6. + 7. Stunde: Versuch 2 verlief mehr oder weniger erfolgreich. Prägend waren die im Halbschlaf ausgeführten Ellenbogen- und Kniekämpfe mit dem indischen Sitznachbarn, wer sich beim Schlafen breiter machen konnte. Er hat gewonnen und ich kuschelte mich so eng wie möglich in meine Flugzeugdecke. Highlight: Der Streit eines Stewards mit einem betrunkenem Inder. Hatte wohl ein oder zwei Cognac zu viel der Gute.

8. Stunde: Fluch der Karibik 4 ist langweilig, nach 40 Minuten stoppe ich. Ich habe keine Lust mehr, möchte endlich landen. Ich zappe mich durch Musik, Catoons, Filme und Serien. Unruhe in mir. Mein Fuß fängt, ohne mich zu fragen, an zu hibbeln und ich merke, wie ich nervös werde.

9.Stunde: Kurz vor der Landung werden die Jalousien endlich wieder hochgezogen. Ich erhasche meinen ersten Blick auf das Land, in dem ich jetzt 7 Monate wohnen werde. Es ist Nacht, aber Indien leuchtet. Nicht nur orange, sondern in vielen Farben, es blinkt, ist farbenfroh und wirkt selbst von hier oben lebendig. Mein Herz klopft schneller. Das Flugzeug landet. Die einzigen, die für den Kapitän klatschen, sind ich und der dunkelhaarige Steward. Hab mal gelesen, dass man das so macht. Die anderen 200 Passagiere anscheinend nicht. Ich steige aus dem Flugzeug und fange sofort an zu schwitzen. Es ist Mitternacht, es hat fast 30°C und es ist schwül.

In Chennai, Wartezeit von 6 Stunden:

Ich muss aufs Klo, dringend (3 Kaffee waren vielleicht doch ein wenig viel?) und ich will aufs Klo, bevor ich meinen großen Reiserucksack hole. Zum Glück hab ich Tempos eingepackt, denn das indische Klo ist ein Keramikloch im Boden und daneben steht ein Becher (Übrigens: Das erste Foto, das ich in Indien gemacht habe, war diese Toilette. Bevor ich drauf war!), in den man Wasser füllen kann, um abzuspülen und sich,ähm, die Hände reinigen kann. Entdecke natürlich erst nach meinem umständlichen (Nein, es gibt hier an dieser Stelle keine tollpatschigen Details…) die eine westliche Toilette im Raum. Mit Klopapier. Mit Spülung. Typisch ich.

Hole meinen Rucksack ab und verlasse den Arrival Bereich Richtung Domestic Departure. Es ist 1 Uhr morgens und mein Anschlussflieger geht um 6:50 Uhr. Hoffe Internet zu finden, finde aber keins. Schon hier bin ich ein wenig erschlagen: Überall hupende Taxis, viele Menschen (und mit viel mein ich so richtig viel!), Hitze und die wenigen Weißen, die gerade noch um mich herum waren sind verschwunden. Hier bin ich die Fremde, die anders Aussehende. Doch anders, als die Deutschen, starren die Inder einen nicht blöd, sondern freundlich an. Mit einem Lächeln auf den Lippen und in den Augen. Scheine orientierungslos zu wirken (Bin ich auch.), denn schon werde ich angesprochen, wo ich denn hin muss und mir wird der Weg gezeigt. Ich lächel, bin froh, den Mann und sein indisches Englisch verstanden zu haben.

Finde einen Sitzplatz im Warteraum Chennai. Pluspunkt: Ein Riesenventilator. Das erste Lied, dass mein MP3-Player in Indien abspielt: Lattenmessen von Kettcar. Ich fange an, meine Eindrücke aufzuschreiben, möchte alles festhalten. Plötzlich höre ich seine Stimme in meinen Kopfhörern. Ich hatte ganz vergessen, dass ich irgendwann mal ein paar seiner Audioboos runtergeladen habe. Vielleicht setzt mein Herz deswegen einen Moment aus, wegen der Überraschung, vielleicht aber auch nur aus Freude. Ich muss lächeln, ist er doch für diese eine kurze Minute bei mir, hier in Indien, auch wenn er gerade mehr fast 11.000 Kilometer entfernt in seinem Zimmer sitzt. Ich fühle mich wohl, geborgen mit seiner Stimme hier und habe endlich mal das Gefühl, dass alles gut werden kann.

Die Wartezeit geht schneller um, als gedacht. Der erste Blogeintrag wird abgetippt, ich spiele Schach und Solität am Netbook, lese mein Lieblingsbuch „Zwei an einem Tag“ und höre Musik. Nach dem Check-In geh ich auf Handynetzsuche. Werde fündig mit „AirTel“. SMS von Mama: „Mach mal Piep!“. Ich schreibe zurück: „Piep!“. Sollte als Lebenszeichen reichen. „Pass auf dich auf. Hdl.“ Ja, wer soll denn sonst auf mich aufpassen hier? Komme mir auf einmal so erwachsen vor. Schaue in den Spiegel. Sehe zwar so scheiße aus, wie man nur nach 9 Stunden Flug aussehen kann, aber ich sehe auch älter aus. Bilde ich mir zumindestens ein.

Endlich 6:10 Uhr „It’s Boarding Time“ mit Jet Airways. Ist wie Ryan Air, nur noch kleiner und enger. Es läuft Musik, die eher zu einem Softporno der 80er passen würde, als hier ins Flugzeug. Egal, ich hab meinen MP3-Player mit Bosse, Chase & Status, Auletta, Mumford & Sons und co. Das übertönt nicht nur die Musik, sondern auch den hustenden und Nasenrotz bis ins Hirn raufziehenden Mann neben mir.

Ich freue mich auf meine Mitvolontärin Magda, die schon seit einer Woche da ist. Und auf meine Chefs, Shamila und Suyambu. Darauf, dass es jetzt los geht. Endlich nach einem halben Jahr Vorbereitung bin ich in Indien.

Alle weiteren Infos ueber Indien und Fotos gibts es bald hier: http://ilinthiyaa.wordpress.com 

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Ein Gedanke zu “Der Hinflug

  1. Um ehrlich zu sein hat mich dieser Bericht gerade ein wenig erschlagen. Und gerührt.
    Ich freu mich das du uns an deiner aufregenden Reise teilhaben lässt.
    Konnte mich in alle Situationen hineinversetzten. Kann mir gut vorstellen wie du dich gefühlt hast.

    Ich wünsche dir viel Kraft um mit aufkommenden Sehnsuchtschüben umgehen zu können. Und ich wünsche dir viele tolle Erlebnisse in diesem tollen Land. Doch ich bin sicher, das du sie haben wirst.

    Fühl dich gedrückt und geherzt.
    S. <3

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