Nicht mehr ich

Seit zwei Monaten bin ich jetzt schon in Indien. In diesem verrückten, bunten, wunderschönen, riesigen, überwältigenden, immer wieder überraschenden, manchmal auch stinkenden, erschreckenden, zum Verrücktwerden ungerechten Land. Es bleibt kein Tag, an dem ich nichts Neues entdecke, sei es etwas wunderbares oder etwas, dass mich fast verzweifeln lässt.

Ich entdecke auch neue Seiten an mir. Die vorher noch nicht da waren. Und ich merke, wie ich andere Seiten an mir verliere. Seiten, die ich an mir mochte, die jetzt wie ausgelöscht sind, als wären sie nie dagewesen. Dieses Land verändert mich, die Umstände hier, die Menschen hier und die Menschen in Deutschland. Alles verändert sich und ich stehe mittendrin und mache mit. Ob ich will oder nicht.

Meine Freunde kennen mich als immer fröhlich, immer lachend, immer gute Laune verbreitend. Seit ein paar Wochen bin ich in mich gekehrt, ernst geworden, nachdenklich. Dieses Land schafft mich. Die Ungerechtigkeiten in diesem Land schaffen mich. Indien schafft mich. Alles ist möglich in Indien, doch aufgrund der Umstände ist es keinem erlaubt sein eigenes Potential zu nutzen. Alles sind eingeschränkt, meine indischen Freunde, Mitte 20, sagen mir, sie wollen mit 40 tot sein. Auch wenn sie Kinder haben. Es gibt keine Perspektiven für sie, keinen Lebensgrund. Das macht mich traurig, lässt mich an die tausend Chancen denken, die ich in meinem Land habe. Und daran, wo ich mit 40 stehen möchte.

Ich fange an, an meinem Glauben zu zweifeln. Der mich bis jetzt durch alles getragen hat, durch das, was mir mein Großvater angetan hat, durch Schmerzen, durch Krankheiten, durch Schuldgefühle, einfach durch alles. Nur durch Indien scheint er mich nicht zu tragen, scheint Gott mich nicht zu tragen, falls es den überhaupt gibt, hier entdecke ich jedenfalls nicht viel von ihm. Menschen verhungern auf der Straße, überall Leprakranke, verkrüppelte Menschen, Menschen, die sich durchs Leben kämpfen, jeden Tag von Neuem. Verdreckte Straßen. Eine kaputte Welt ist das. Ich möchte nicht an meinem Glauben zweifeln, ich tu es trotzdem. Weil Zweifel manchmal stärker sind als alles andere.

Ich denke hier mehr nach, als mir gut tut. Über alles. Über dieses Land, über Deutschland, meine Familie, meine Freunde, meine Gefühle, mein Herz, mein Sein, was ich will.

Was ich nie wollte war es Masken tragen zu müssen. Hier habe ich gelernt, wann man welche Maske aufsetzen muss, damit die Leute einen in Ruhe lassen, nicht mehr nachfragen, ob man denn noch traurig ist. Masken sind zwar keine Dauerlösung, aber sie bewahren einen. Sie sind ein Schutz. Ein Schutz, den ich hier brauche. Den ich nie haben wollte, aber jetzt doch benutze.

Ich bin noch fähig zu lieben, keine Sorge. Vor allem die Kinder. Weil sie Liebe brauchen. Und sie mir meistens tausendfach wieder zurück geben. Wurdet ihr schon mal, nachdem ihr mit einem elfjährigen Downie ausgelassen getanzt habt, von ihm so fest umarmt, dass euch die Luft weggeblieben ist? Und ihr von seinem Lachen angesteckt wurdet, dass euch der Bauch am Ende weh tat? Es gibt fast nichts schöneres, als ein behindertes Kind zum Lachen zu bringen, Tränen wegzuwischen und zu umarmen. Und vor allem: Umarmt zu werden.

Ich bin hier nicht unglücklich, ich habe meine glücklichen Momente. Ich liebe dieses Land und allein deswegen will ich helfen, will was verändern, aber ich weiß nicht WIE. Wahrscheinlich ist es das, was mich so fertig macht. Was mich so ernst macht. Ich bin nicht traurig, ich bin nicht unglücklich, ich trauere niemandem nach oder sonst was: Ich bin einfach nur ernst und nachdenklich. So wie Menschen eben manchmal sind.

Ich kann lachen, viel lachen, immer noch. Aber nicht mehr so oft. Nicht über jeden Scheiß. Genauso, wie ich mich nicht mehr über jede Kleinigkeit aufrege, mein Luxusverständnis langsam ablege und mein Konsumverhalten senke. Ich werde geduldig, nehme mir ein gutes Buch mit, wenn ein Meeting ansteht, weil das sowieso nicht pünktlich anfangen wird. Ich kann verhandeln, ich kann mich auf Tamil mit den Leuten unterhalten, ich lerne, mit Einschränkungen klar zu kommen. Nicht mit der Freiheit leben zu können, die ich in Deutschland habe.

Ich lerne viel dazu, viel über mich und über andere. Und verliere gleichzeitig so viel. Meinen Glauben, Freunde, meinen Optimismus. Manchmal hab ich das Gefühl ich kann nicht mehr, dass es mich zerreißt, aber immer nur ganz kurz, für nicht mehr als 5 Minuten.

Ich bin stark. Ich schaffe das. Nur wie ich raus komme aus diesem Land, wie ich am 1. April aus dem Flugzeug aussteigen werde, aus diesen tausenden von Erlebnisse, das kann ich nicht sagen. (Nur, dass ich wahrscheinlich einiges an Gewicht verloren habe, wenn das hier so weiter geht…) Ich will meine gute Laune behalten, meine positiven Gedanken, die viel zu selten da sind, und hoffe, dass das wieder kommt. So dauerhaft. So wie vorher.

Ein kleines bisschen habe ich auch Angst vor den nächsten 5 Monaten. Weil da noch mehr passieren wird und weil ich mich noch mehr verändern werde. Und ich weiß nicht, ob mir die Richtung gefällt. Ich weiß nur, dass ich mich am Ende und auch jetzt so akzeptieren muss wie ich bin. Weil ich eh nichts dagegen tun kann. Weil ich am Ende eine andere Marsha sein werde. Und nicht mehr ich.

Advertisements

2 Gedanken zu “Nicht mehr ich

  1. Also ich finds ja ganz interessant für ein paar Monate in einem fremden Land zu wohnen. Aber da stellt sich immer die Frage ‚Wieso‘? Also für mich ist die Entscheidung schwer, man ändert ja sein ganzes gewohntes Leben…

    1. Weil ich raus aus meiner Komfortzone wollte. Die Entscheidung war schwer, aber ich weiß, dass ich hier was bewirken kann. Zumindestens in meiner Arbeit mit den behinderten Kindern. Weil ich meinen Horizont erweitern wollte. Weil das gewohnte Leben meistens schlechter ist als gedacht. Ich habe die Veränderungen geahnt, trotzdem überfordert es mich. Es gibt genug Gründe für so ein Auslandsaufenthalt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s