See im Zimmer

3:37 am.
Ich wache auf, geweckt von einem furchterregendem, heulendem Wind. Draußen tobt ein Sturm, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich stehe auf, will nur mal kurz aus dem Fenster schauen, doch erst als meine Füße den Boden berühre bemerke ich den kleinen See, der sich in unserem Hostelzimmer gebildet hat, etwa 5cm tief. Ich wecke die anderen drei, die sich so wie ich auf eine Woche voller Sonne und Entspannung gefreut hatten.

Schon morgen waren wir in der Touristeninformation vor dem Zyklon gewarnt worden. So richtig ernst genommen haben wir das alle nicht. Warum, weiß ich nicht. Mit einem kleinen Unwetter hatten wir gerechntet, waren abends sogar noch gemütlich Pizza essen. Wahrscheinlich hat ganz Pondicherry nicht mit einem so vernichtenden Wirbelsturm gerechnet,

So schnell wir möglich packen wir unsere triefenden Sachen auf Stühle, Tische und in den Schrank. Können uns noch nichtmal unterhalten, weil der Wind mit 80 km/h (Wie wir später in der Zeitung lesen.) gegen unser Fenster peitscht und der Regen so laut prasselt, wie ich es noch nie gehört habe. Ich gehe ins Bad, wo der Wind mich noch lauter anbrüllt. Habe Angst. Harmlos klingt anders. Lege mich wieder ins Bett. Keine von uns kann mehr schlafen, haben wir doch alle die Angst, dass das Dach gleich runtergefegt wird oder der Baum vor dem Hostel in unser Zimmer kracht. Ein lauter Knall, Scheppern. Ich zucke zusammen. Kurz darauf klirrt etwas. Ein Fenster? Blumentöpfe? Ich fange an zu beten, weiß nicht, was ich sonst hätte machen können. Ich hasse es, mich hilflos zu fühlen. Nichts tun zu können.
Angst, wie ich sie bisher nur selten in meinem Leben erfahren habe ergreift mich. Fange an mich zu sehnen. Nach starken Armen, die mich so fest halten, wie es nur geht. Die mir die Angst wegnehmen. Und auch das hasse ich.

Irgendwie habe ich es geschafft einzuschlafen. Der Sturm hat es geschafft mich in meine Träume zu begleiten. Es gibt Dinge, die man nie im Leben vergessen wird. Der brüllende, laute, wilde Wirbelsturm gehört sicherlich dazu.
Wir wachen morgens auf. Zwar immer noch ohne Strom, Licht und mit Wasser im Zimmer, aber alle wohlbehütet. Das Hostel steht auch noch. Mit einem Schrubber schieben wir das Wasser nach und nach in den Abfluss im Bad.
Gegen Mittag treiben uns Hunger, Durst und Neugier raus. Noch immer regnet es. Draußen sieht es viel schlimmer aus, als ich es mir je hätte vorstellen können. Solche Bilder hatte ich bis jetzt nur in der Zeitung gesehen, jetzt bin ich mittendrin: Entwurzelte Bäume, die teilweise in Häuser gekracht sind. Umgenietete Strommasten und Stromleitungen, die in Pfützen hängen. Shopsigns, auf der ganzen Straße verteilt.

Mit der Rikscha fahren wir zur nächsten Bäckerei, in der Hoffnung, dass sie offen hat. Hat sie. Und voll ist sie auch. Voller Menschen, die sich mit allem Essen eindecken, dass sie kriegen können. Wir auch.
Begeben uns an die Strandpromenade. Auf dem Weg dorthin kommen wir an dem Park vorbei, in dem wir an unserem ersten Tag herumgeschlendert und auf Bäume geklettert sind. Das geht jetzt nicht mehr. Mehr als die Hälfte der Bäume ist zerstört, die Palmen haben Kokosnüsse und Palmenblätter verloren.

Wie ein richtig aufgewühltes Meer aussieht, weiß ich erst jetzt. Die Wellen sind so hoch wie nie, letzte Nacht waren sie wahrscheinlich noch viel höher. Die Straßen überschwemmt, die kleinen süßen Bambusstrandhütten kaputt. Auch das Restaurant „Le Café“, direkt am Meer, ist zerstört. Die Pizzeria, in der wir gestern Abend noch gegessen hatten: Zerstört.

Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Um die kleinen, wenigen Kioske, die noch offen haben drängen sich die Menschen. Das Trinkasser wird rationiert, niemand weiß wie lange dieser Zustand anhalten wird. Vor uns steht ein Mann. Durchnässt, frierend und zitternd. Wir geben ihm Brot. Er nimmt es an, guckt es nur erstaunt an. „Sapadu!“ (Iss!) sage ich, er versteht und beißt rein. Ich frage mich, wie lange er wohl schon auf der Straße lebt und wie seine letzte Nacht wohl war, so ohne Bett, auf das man sich vor der Nässe verstecken konnte.

An unserem zweiten Tag sind wir mit dem Fahrrad durch kleine, indische Dörfer gefahren. Wie es da aussieht, will ich wahrscheinlich gar nicht wissen. In den Zeitungen steht, dass der Sturm schlimmere Verwüstungen hinterlassen hat als der Tsunami 2004. Und das gerade 7 Jahre später, zwei Tage vor Silvester. Ich schäme mich dafür, dass ich mich, wenn auch nur eine Minute, über drei nassen Klamotten aufgeregt habe. Während da draußen Tausende obdachlos geworden sind. Nichts mehr haben.

Schon einen Tag später scheint die Sonne wieder und das Meer ist so türkis und schön, als wäre nie etwas gewesen. Die Straßen werden frei geräumt, die meisten Läden haben wieder geöffnet und wir können am 31. in Ruhe Silvester feiern. Dem Tourismus-Pondicherry wird es schon nächtste Woche wieder blendend gehen. Wie schnell das bei dem Rest sein wird… Keine Ahnung.

Die anderen haben das ganze als Abenteuer bezeichnet. Ich sehe es als Katastrophe. Nicht für mich, sondern für die, die kein Zuhause mehr haben, kein Dach mehr überm Kopf, deren ganze Existenz zerstört wurde. Es wirkt fast so, als hätten die anderen schon alles vergessen oder leicht abgetan. Ich habe es nicht vergessen. Und werde es wahrscheinlich auch nicht vergessen.

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