Träumerin sucht Träumer

 

Ich lebe in meiner eigenen Welt und wohne dort in einem großen Zirkuszelt gewebt aus Gedankenfäden und Fantasieseide, sanft verziert mit Traumgespinsten.

 

Es ist ein Ort, an dem niemand fällt und niemand weint. An dem es keine Inlandsgrenzen gibt, sondern das Gesetz der Freiheit gilt. An dem alles so ist wie es auf den ersten Blick scheint. An dem ich mit meinem Lächeln das Glück kaufen kann, nichts unbezahlbar ist und der Hass niemanden von innen zerfrisst.

 

Wir beide tanzen dort barfuß am Sandstrand zur Musik des Wellenrauschens. Lassen uns von Musen küssen, die Hand in Hand auf Wolken schweben, während wir selbst Hand in Hand, Mund auf Mund und Herz an Herz zusammen einfach nur das Leben leben. Es ist ein Rausch, doch wir lassen uns vom Nichtalltag berauschen, die Entfernung ist zum Greifen nah und du bist da, hier bei mir, direkt neben mir, mehr brauch ich nicht, also, bitte, verlass mich nicht.

 

Ich bin nicht blöd, ich bin Träumerin, verschmelze mit Gefühlen und versinke in Gedankenranken, tagelang. Kann mich nicht fangen, falle und lande weich gebettet auf Wolkenwellen. Mein Herz und ich schweben über dem Boden der Tatsachen, und zusammen lachen wir über Kopfmenschen, die mit den Füßen fest auf ihm kleben und kaum voran kommen, während wir durch mindestens sieben Himmel fliegen und uns in der Unendlichkeit der Sterne verlieren, die uns dabei ihre Geschichten erzählen.

 

Aber ich, ich lebe in meiner eigenen Welt, lasse manchmal Menschen rein in mein Zirkustraumzelt, die dann bewundernd staunen und eine Weile verweilen oder mitleidsvoll lächelnd die Manege verlassen, anfangen mich und die tänzelnden, bunten Wahnideen dort zu hassen oder schlimmer noch: Zu belächeln.

 

Es sind nicht viele geblieben, manche hat die Angst vertrieben, andere blieben da, um mich und meine Welt lieben zu lernen.

 

Auf einem großen Plakat steht geschrieben „Träumerin sucht Träumer“, doch fanden sich bis jetzt nur Realisten voller Rationalität, verkopft und herzlos, die die Herzlücken und Wünsche nicht füllen konnten, Entfernung zu Distanz machten, sich in anderen Welten rumtrieben und mich schließlich verließen.

 

Am Ende sitze ich immer alleine in meiner Welt, weil jeder wieder in seine eigene will oder in die da draußen.

 

Die da draußen, in der niemand für niemanden Zeit hat und jeder sein eigenes Ding macht. In der die Wahrheit auf der Straße liegt und sie jeder mit Füßen tritt. Das Glück unerreichbar an der nächsten Straßenecke sitzt und schweigt, alle wild mit den Armen rudernd nach Hilfe schreien, aber jeder taub ist. Die Welt, in der die Freiheit beschränkt ist, Entfernung zu unüberwindbarem Hindernis wird und in der niemand in, sondern nur auf den Menschen schaut. Die Welt, die voller wahren Lügen und verlogenen Wahrheiten ist, Vertrauen gebrochen zwischen zersplitterten, schwarzen Herzen liegt und verlorene Seelen auf verzweifelter Suche durch die Gassen irren.

 

Ich selbst balanciere an der Grenze zwischen meiner Welt und der da draußen, schwanke zwischen Lüge und Wahrheit, Liebe und Hass, Farbig und Grau, Lächeln und Weinen, Wissensdurst und Liebeshunger, zwischen innen und außen. Verliere mein inneres Gleichgewicht und kippe mal hier hin, mal dort hin. Es ist kein hier und kein da, denn immer ist irgendjemand da, der mich versucht rauszureißen aus meiner Welt und dem was mir gefällt und es ist ihm egal, was alles an Träumen und Hoffnungen an der grauen, massentauglichen Außenweltsmauer zerschellt.

 

Meine Sorgen schließ ich nicht in den Keller ein, ich bind sie an fliegende Luftballons, die in Bäumen hängen bleiben oder überm Meer zerplatzen. Verstecke mich in Poesie und hinter Mauern, die ich aus Worten baue, während ich mich manchmal traue und über meinen eigenen Tellerrand schaue, mit der Nasenspitze voraus. Weigere mich, dem roten Faden zu folgen und laufe dem weißen Kaninchen hinterher, das mich in noch fernere, unbekannte Welten führt.

 

In meiner Welt spricht das Herz, während der Kopf zusammen mit der Vernunft in der Ecke mit dem Maulkorb sitzt. Ich wohne im Heißluftballon und wache morgens mit dem Kopf in den Wolken auf und bin nachts auf Sternenjagd.

 

In der Welt da draußen verliere ich meistens. Ich verliere meinen Kopf, noch schlimmer mein Herz, den Boden unter den Füßen, die Nerven, den Halt und die Fassung. In Kombination mit Alkohol manchmal sogar meine Würde und mein Erinnerungsvermögen.

 

Der rote Faden wird mir, ohne mich zu fragen, in die Hand gedrückt und meine Begleiter Verantwortung und Druck sorgen dafür, dass ich ihm folge. Weil man es im Leben zu was bringen muss, weil man ja was GSCHEITS lernen muss. Jeder sagt mir „Du solltest“ und jeder einzelne meint damit „Du musst.“. Doch ich hab keine Lust auf den Boden der Tatsachen, denn wer da fest hängt, kommt niemals hoch hinaus.

 

Manchmal, wenn ich ganz viel Glück habe, passiert es mir, dass sich alles im Sand verläuft, der rote Faden vom weißen Kaninchen abgeknabbert wird und ich wieder zurück kann, sei es auch nur für ein paar Stunden. Ein paar Stunden, die ich zum Leben leben nutze.

 

Ich will nicht viel, nur meine Welt gegen die da draußen tauschen oder wenigstens ein paar Menschen, die sich in meiner Welt wohlfühlen und ihre gegen meine tauschen und bei mir bleiben. Bei mir bleiben und mich nicht nur aushalten, sondern lieben. Mit ihren Ideen an meiner kleinen Welt weiterbauen. Mir helfen meine Welt mit nach draußen zu bringen.

 

Denn, auch wenn ich es nicht will: Ich kann mich nicht immer verstecken, muss mich auch nach draußen wagen. Und mit jedem Schritt eine Spur von meiner Welt in der Realität lassen. In der Hoffnung, dass ihr jemand folgen wird und sich zu mir verläuft.

 

Weil: Ich lebe zwar in meiner eigenen Welt, aber möchte nicht alleine bleiben, sondern vielleicht für eine kleine Ewigkeit zu zweit dort verweilen. 


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2 Gedanken zu “Träumerin sucht Träumer

  1. Hallo du!
    Ich möchte erstmal nicht behaupten das ich genau nachempfinde was du da schreibst und fühlst. Jeder Träumer hat seine eigene Gründe für sich zu bleiben, abzutauchen und es sich da gut oder auch nicht so gut gehen zu lassen. Aber mit einem hast du recht: auch wir müssen raus! Nicht nur für uns ich glaube in manchen Dingen haben viele von uns eine Stärke sei es Mitfühlen, Aufrütteln oder eine Form der Nähe geben wie es heute leider kaum noch gekannt und erkannt wird. Ich hoffe du hast einen starken Freundeskreis der aus echten (nicht realen sondern die wissen das Fühlen der einzige Weg ist um Grenzen zu überwinden und geniale Welten auch miteinander erschaffen kann) Menschen besteht der mitträumen kann und es verzeiht wenn du mal ein paar Tage abtauchst. Außerdem wünsche ich dir noch eine gefühlvolle Träumerei und das du dabei dich und dein Leben noch meistern kannst, habe da manchmal noch Probleme. Aber naja Fühle weiter und lass dir das von keinem Funktionsmenschen kaputt machen. Lieben Gruß Micha

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