Lebensaufgabe

Wer mich kennt bzw. mich schon eine Weile liest, weiß, dass ich in Indien als Freiwillige an einer Schule für geistig behinderte Kinder  gearbeitet habe. Und seitdem brennt mein Herz für diese Kinder.

Schon immer hab ich gerne mit Kindern gearbeitet, war auf Kinderfreizeiten im Mitarbeiterteam und habe Kindergruppen geleitet. Doch die Arbeit mit behinderten Kindern hat für mich noch einmal eine ganz andere Faszination.

So wie jeder Mensch einzigartig ist, ist auch jedes behinderte Kind einzigartig. Jeder Autist hat seine eigenen Ticks und nicht nur einmal hätte ich unheimlich gerne, nur für ein paar Minuten, in Allans (einem Autisten) Kopf geschaut, als er selig lächelnd auf der Schaukel saß. Oder in den Kopf von Sidan, der keine kleinen Kinder mochte und jedes Mal regelrecht durchgedreht ist. Wieso lösten Jüngere so eine Aggression in ihm aus? Warum mögen die meisten Autisten keine großen Gruppen? Wieso sehen Downies (so nenne ich liebevoll Kinder mit Down Syndrome, das ist keineswegs abwertend gemeint!) überall auf der Welt ähnlich aus im Gesicht?

Ich arbeite unheimlich gerne mit diesen Kindern. Vor allem aber mit Downies. Sie sind direkt und ehrlich, wovon sich viele Menschen mal eine Scheibe von abschneiden können. Hier eines meiner Lieblingszitate aus einem Gespräch mit einer jungen Downiefrau:

„Du mit deiner Brust da.“

„Was ist mit meiner Brust?“

„Die sieht schick aus.“

Ich musste mein Lachen wirklich zurück halten und sie grinste nur frech vor sich hin. Nicht so zum Lachen war die Aussage einer anderen: „Mein Vater ist Säufer. Der kümmert sich nicht um mich. Aber mein Stiefvater ist gut, der macht das besser.“ In einem neutralen Ton sprach sie offen und ehrlich über ihren Alkoholikervater. Wie Betreuer waren alle ein bisschen betroffen, sie lachte eine Sekunde später wieder.

Die indisch-englische Bezeichnung für „behindert“ finde ich übrigens weitaus schöner: mentally challenged, für mich frei übersetzt „geistig herausgefordert“. Ich hatte in Indien viel Zeit, die Kinder zu beobachten und auch Möglichkeiten mit ihnen Dinge auszuprobieren. Ein Junge, Praban, hatte sich immer wild im Kreis gedreht und gebissen. Total ruhig und zufrieden wurde er, wenn ich ihm vorgesungen und die Hand massiert habe. Ein komplett anderer Mensch.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, noch etwas anderes zu machen, als mit Behinderten zu arbeiten. Es macht mir eine riesige Freude und fällt mir sehr leicht. Deswegen habe ich mich auch für das Studium „Sonderpädagogik auf Lehramt“ beworben, was viele Menschen sehr beeindruckend finden, für mich aber total normal ist. Oft höre ich Sätze wie „Wow, ich könnte das ja nicht!“ oder „Bewundernswert, dass es noch Menschen gibt, die sich dafür aufopfern.“. HALLO?!? WAS IST DENN DAS FÜR EINE AUSSAGE? Niemand opfert sich auf. Ganz schnell stelle ich dann klar: Für mich sind behinderte Kinder wie normale, nur eben mit ganz besonderen Ticks und speziellen Eigenarten.

Momentan betreue ich dreimal die Woche einen mehrfach behinderten Jungen. Er ist 9 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, wird nur über eine Sonde ernährt und kann nicht sprechen. Dafür aber umso mehr lächeln. Ich muss zugeben, ich bin ein wenig verliebt in Jonas, mit seinen großen Rehaugen, mit denen er mich immer ganz bewusst anschaut und dann breit grinst. Das einzige, was er bewegen kann, sind seine Arme und wenn er einen seiner Laute von sich gibt, würde ich gerne wissen, was er mir sagen will.

In anderthalb Wochen geht es auf für zwei Wochen auf eine Freizeit für behinderte junge Erwachsen. Das wird sicherlich anstrengend, aber ich freu mich auf diese herausfordernde Zeit und neue Erfahrungen. Und bis dahin ist dann hoffentlich auch die Unizusage da.

(Verzeiht dieses Wortsatzdurcheinander, aber das musste mal einfach raus.)

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Ein Gedanke zu “Lebensaufgabe

  1. Hallo.
    Seit einiger Zeit folge ich dir auf Twitter.
    Du bist mir sympathisch.
    Nach diesem Blog noch mehr.😉
    Ich finde es toll, dass du dich ehrenamtlich und später mal beruflich um die „mentally challenged“ kümmerst.
    Man könnte auf jeden Fall mehr für seine Mitmenschen tun, wenn man sich mal umhört.
    Danke für diesen Text.
    Liebe Grüße von Christiane

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