Vom Mädchen, das wunschlos unglücklich war

Es war einmal ein kleines Mädchen, voller Wünsche und Träume.

Mit 6 Jahren wollte sie Prinzessin werden. Sie hatte zu viele Disneyfilme gesehen und jeden Sonntag mit ihrer Mutter eingekuschelt die alten, prunkvollen Sonntagsmärchen angeschaut. Ihr Lieblingsmärchen war „Das Aschenbrödel“, weil die Prinzessin so wunderschön war und aber auch viel herumtollen konnte wie ein großer Junge. Sie zog sich Kleider an, setzte sich die viel zu großen Hüte von ihrer Mutter auf und stöckelte in hohen Schuhen durch die Wohnung bis sich die alten, grummeligen Nachbarn mit dem bellenden Hund unter ihnen wegen des Lärms beschwerten. Doch dann starb Lady Di, eine echte Prinzessin und das kleine Mädchen wollte nicht mehr Prinzessin werden, weil das bedeuten würde, dass sie jung sterben müsse. Und außerdem sagte ihr jeder, dass sie dafür eh viel zu dick sei und viel zu wilde Haare habe.

Mit 8 Jahren wollte sie Tänzerin werden. Auf großen Bühnen stehen und tanzen. Also besuchte sie die Tanzschule, doch da sagte man ihr, dass sie zwei linke Füße habe. Auch nach mehrmaligen Überprüfen dieser Aussage kam sie zu dem Schluss, dass dem nicht so ist und blieb trotzdem im Tanzkurs. Doch auch diesen Traum begrub sie schnell neben dem ersten, als sie bei der ersten Aufführung über ihre eigenen Füße stolperte, in die Folie, mit denen sie herumwirbelten, fiel und dabei drei andere Mädchen mitriss, wovon eines Nasenbluten bekam und damit dem ganzen Auftritt noch eine besondere farbliche Note gab.

Mit 9 Jahren wollte sie Rosen züchten. Weil sie schön waren. Mehr Gründe brauchte es doch nicht für diesen Wunsch, denn was könnte es schließlich  schöneres geben, als diese Welt ein bisschen zu verschönern? Doch jede Pflanze verdorrte und ihr Gesicht wurde immer trauriger. Ihre Mutter warf die Pflanzen mit dem Kommentar fort, dass ihr Daumen nun mal nicht grün sein, sondern pechschwarz.

Wenige Jahre später saß sie im Garten, vor sich die 3 Gräber ihrer begrabenen Träumen, mit den zwei linken Füßen, einer wilden roten Haarmähne, ein paar wunderschönen Kilos zu viel auf den Rippen und einem schwarzen Daumen. Sie hatte keine Träume und Wünsche mehr, die Menschen machten sie traurig, weil sie anscheinend nichts konnte, außer dazusitzen und Trübsal zu blasen.

Da kam ein älterer Mann vorbei, sah das traurige Mädchen auf den Treppenstufen sitzen und setzte sich zu ihr. Erstaunt schaute sie ihn an und er reichte ihr mit zittrigen Fingern und einem faltigen Lächeln im Gesicht ein Notizbuch und einen Stift.

„Versuch es. Schreib alles auf, was dir durch den Kopf geht.“

Mit einem wissenden Grinsen verabschiedete er sich nickend und stolperte mit seinem Krückstock davon.

Das Mädchen jedoch fing an zu schreiben und konnte nie mehr aufhören.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann habt ihr bestimmt schon ein Buch von ihr gelesen. Oder sie schreibt sich immer noch die Finger wund.

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2 Gedanken zu “Vom Mädchen, das wunschlos unglücklich war

  1. Schöner Text.
    Ich hab auch eher einen“verwelkenden“ statt einem grünen Daumen. Hab es jetzt aufgegeben, Pflanzen zu kaufen und sie nach 2 Wochen in der Mülltonne zu beerdigen.
    Mache einen Job, der zwar nicht reich, aber Spaß macht. Meistens zumindest.
    Man sollte sich immer treu bleiben.

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