Bahnbegegnung

Es war von Anfang an Schicksal.

Sie, nach einer durchtanzten Nacht, stand morgens um 5 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle. Sie fror, rieb die Hände aneinander, bereute es, keine Handschuhe dabei zu haben, aber wozu auch im Semptember? So wie jeder Mensch, der sich irgendwie warm halten will hüpfte sie hin und her, von einem Fuß auf den anderen. Ein Akt, der im Grunde genommen überhaupt nichts bringt, aber wenigstens so tut als ob die Muskeln aktiviert werden und wärmen würden.

Eine Straßenbahn fährt an. Hoffnungsvoll schaut sie auf die Nummer, doch es war die falsche. Also noch weiterfrieren. Die Bahn hielt an, direkt gegenüber von ihr, etwa einen Meter entfernt öffnete sich die Tür. In der Bahn standen zwei junge Männer, einer davon äußerst attraktiv, er fiel ihr sofort ins Auge. Blond, groß, sportlich würde es die Allgemeinheit nennen, ein aufmerksamer Blick, der sich sofort an sie heftete. Sein Kumpel redete auf ihn ein, er nickte beiläufig, aber hatte nur noch Augen für sie.

Er schaute ihr in die Augen, sie ihm. Sekundenlang, intensiv. Sie wusste nicht, ob sie vielleicht zu viel getrunken hatte und sich das nur einbildete. Mehrere starke Herzschläge später schauten sie sich immer noch an. Die Bahn fuhr nicht an, schien auf irgendwas zu warten. Sie wurde nervös, schluckte einmal und senkte den Blick zu Boden, nestelte an ihren Kopfhörern rum, die sich natürlich ineinander verwickelt hatten und hörte Musik. Die ersten Klänge von „Mumford & Sons“ erschallten, sie wagte es wieder nach oben zu schauen. Die Bahn stand immer noch da – warum eigentlich? – und auch sein Blick war immer noch der gleiche.

Rausspringen oder nicht? Er überlegte hin und her. Das Mädchen da draußen gefiel ihm, es war anders als diese Partyschlampen in High Heels und Shorts bei Temperaturen unter 10 Grad. Sie war hübsch und diese Augen. Die würde er sich gerne von nahem anschauen, schon auf die Entfernung strahlten sie. Warum schaut sie denn jetzt runter? Vielleicht hat er sich das alles ja auch nur eingebildet. Alkohol, du Täuschungsmittel! Da, sie schaute wieder hoch, ein bisschen unsicher und nervös. Soll ich jetzt lächeln oder nicht?

Sein Blick war nicht zu deuten, irgendwas zwischen Neugier und Tatendrang. Spring raus, dachte sie. Noch immer dieses ewige Anschauen, ja mittlerweile konnte man es sogar fast Anstarren nennen. Aber eins von der angenehmen Sorte, von der schmeichelnden. Und dazu dieses immerwährende Herzklopfen.

Raus oder drin bleiben? Die nächste Bahn würde erst in einer halben Stunde fahren und was, wenn sie sich nichts zu sagen hätten und nur dieser eine Moment magisch ist? Was, wenn das alles nur Einbildung ist und da nur Herzklopfen ist, wegen der Aufregung und nicht, weil sie besonders ist? Doch, das muss sie sein. So wie sie da steht, selbstbewusst und doch unsicher, mit dem Fuß ein kleines bisschen zur Musik wippend, fast ein Lächeln auf dem Lippen. Sie hat schöne Lippen, auch die würde er gerne mal von näherem betrachten. Nur diese strenge Frisur passte nicht zu ihr. Offen, sollte sie die Haare tragen, diese Locken stehen ihr bestimmt fabelhaft. Na gut, ich wage es, war sein letzter Gedanke, bevor im selben Moment im dem die Tür anfing zu piepsen, er einen Fuß bewegte, um auszusteigen, aber schlussendlich hinter der Tür gefangen war.

Was überlegt er noch? Komm raus, stell dich neben mir, sag mir deinen Namen, erzähl mir alles über dich! Da! Er bewegt sich, er kommt raus. Gerade wollte sie lächeln, ihn anlächeln, ihm Mut machen, da schloss sich die Tür.

Hinter der geschlossenen Tür stand er, traurig, mit gesenkten Schulter, enttäuscht und verärgert über sich selbst.

Vor der Tür stand sie, traurig, mit gesenkten Schultern, enttäuscht und doch wollte sie jede Sekunde Blickwechsel mit ihm genießen. Noch durch die Tür hindurch schauten sie sich an, eindringlich. intensiv. Wie Seelenstriptease. Wie Robyn und Ted bei How I met your Mother, als sie sich durch den Raum sekundenlang angestarrt hatten.

Die Bahn fuhr an und erst als die Bahn um die Kurve bog, wandte er den Blick von ihr, die der Bahn hinterherschaute und den Hals reckte um ihn möglichst lange im Blickwinkel zu haben, ab – es blieb ihm ja auch nichts anderes übrig – und versuchte seinem Kumpel zuzuhören, dem wohl alles, was gerade – mit ihm – passiert ist entgangen ist. Sein Freund redete irgendwas von „geilen Mädels“ und „Titten“, doch er konnte nur noch an das Mädchen von der Haltestelle denken, mit den intelligenten blauen Augen. Es waren vielleicht nur 2 Minuten gewesen, doch irgendwas hatte sich in ihm verändert.

„Mist, Mist, Mist“, schimpfte sie leise vor sich hin. Das war dann wohl eine dieser ungewöhnlichen Chancen im Leben gewesen und sowohl er als auch sie hatten es versaut. In einer Stadt mit einer halben Millionen Einwohnern würden sie sich wahrscheinlich nie wieder sehen. Außer es soll so sein. Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass es sowas wie Schicksal gab und dass sie sich nochmal sehen würden. Irgendwann.

(Fortsetzung folgt. Irgendwann.)

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2 Gedanken zu “Bahnbegegnung

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