Krustgedanken

Menschen sagen mir, dass ich ja so reif bin für mein Alter. So vernünftig, so erwachsen. Im ersten Moment habe ich den Drang zu widersprechen, im zweiten denke ich mir: Stimmt. Andere 20-Jährige scheinen als einziges Gesprächsthema Mode, Shopping, den neusten Frappucino bei Starbucks oder den gut aussehenden blonden Kerl aus dem Seminar zu haben. Vielleicht ecke ich deswegen an. Weil mich das alles einen Scheiß interessiert. 

„Warum bistn du so ernst?“, fragen sie mich, wenn ich nicht darüber lachen kann, dass bei der „Sendung mit der Maus“ letzte Woche das Thema Tod ja sooo lustig behandelt wurde. Wie gerne hätte ich damit geantwortet, dass ich vor etwas mehr als einem Jahr, in Indien, diese Jungenleiche auf dem Bett habe liegen sehen. Ein kleiner, körperlicher, behinderter Junge, der da wie schlafend, in seinem Schlafanzug der letzten Nacht,  im Bett lag. Daneben die Mutter, die versuchte den leblosen Körper zum Spielen zu animieren, den Ball in seine Hand drückte. Er griff nicht zu. Wie denn auch? Er war ja tot. Als das auch die Mutter verstand brach sie in das fürchterlichste Heulen aus, dass ich je in meinem Leben gehört habe. So klingen zerbrechende Herzen. Zum Haare aufstellen. Überall. Grausig.

Vielleicht bin ich ja so „reif“ und „vernünftig“ aus genau diesen Gründen. Weil ich unvorstellbares Leid gesehen haben, ein halbes Jahr in einem fremden Land wie Indien auf meinen eigenen Beinen stehen musste, von einem Tag auf den anderen. Weil ich gelernt habe, dass wir griesgrämigen Deutschen absolut keinen wirklichen Grund haben mies drauf zu sein. Und es manchmal einfach nur wegen des Wetters sind. Weil wir eine fucking Einstellung zum Leben haben.

Weil Leben eigentlich kostbar ist. Wertvoll. Was besonderes. Und im Grunde genommen wunderschön. Leben ist, was du draus machst.

Auch wegen anderen Dingen, die mir in meiner Vergangenheit passiert sind, bin ich so, wie ich bin. Verschlossen, vorsichtig, ängstlich, misstrauisch. Erstmal rantasten, sich ein Bild machen, dann voll einsteigen. Ich habe gleichzeitig ein naives kindliches Vertrauen in Menschen, aber eben auch ein Urmisstrauen. 

Ich bin wie ich bin. Und wenn ich nun mal nicht wie die anderen bin ist das wohl umso besser.

(Aus : Abendlicher, bunt zusammen gewürfelter Gedankenkrust, der unbedingt mal rausmusste.)

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3 Gedanken zu “Krustgedanken

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