Erfahrungsbericht [1]

Eine Geschichte über Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen. Oder kurz: Eine Geschichte über Menschen mit wunderbaren, faszinierenden, unterhaltsamen, traurigen Specialeffects. (Szenen einer Sommerfreizeit mit 14 Behinderten, bei der ich Mitarbeiterin war.)

  1. F., ein etwa 50 Jahre alter Mann, 1,90 groß und sehr schwer, ist shizophren.„Trink nicht so viel Milch, wir brauchen doch morgen früh auch noch.“

    „Halte die Gosch, du aldes Arschloch, du bist doch der Trinker von uns drein.“

    Erst erschrecke ich, merke, dass er nicht mich meint, da er mich nicht direkt anschaut, sondern jemanden links von mir. Nur ist da niemand.

    „Was? Ich bin der Säufer? Ich trink nur Milch, du den ganzen Tag Whiskey… Christoph, du Lusche, halt dich da raus.“

    Ich bekomme Angst und flüchte. Überforderung ist gar kein Ausdruck.

  2. Kurzes Gespräch mit einer Downie-Frau. Sie:„Deine Brüste. Hihi.“

    „Was ist mit denen?“

    „Die sehen schick aus.“

    Ich lache. Ich mag diesen Job doch irgendwie sehr.

  3. Es ist 7:00 Uhr. Ich werde geweckt von einem immer lauter werdenden „Marsaaaaaaa. Marsaaaa.“ gepaart mit Klopfen. Ich stehe auf, schlurfe schlaftrunken zur Tür. Davor steht B., 57, Downie. Sie strahlt mich mit ihrem zahnlosen Grinsen an und umarmt mich. „Marsaaaaa. Mei Freundin.“. Böse sein kann ich ihr dabei nicht. Dann knufft sie mich in die Seite „Alde Hex‘ du!“. „HEY!“ Sie lacht ihr Hexenlachen und schlurft wie eine müde 3-Jährige in die Küche. „K…K…KAFFEE!“, ruft sie wie eine Drogensüchtige auf Entzug aus. „Aber nur eine Tasse.“ „A..aaa…aaber ich mag doch Kaffee auch soo gerne.“, sagt sie mit einem geübten Hundeblick. „Na gut.“, sage ich und schreibe danach koffeinfreien Kaffee auf die Einkaufsliste.
  4. Ich füttere K., der im Rollstuhl sitzt. Er kann sich nicht bewegen, aber immerhin kann er noch Kaubewegungen ausführen und schlucken. Achja, und „Ja“ und „Nein“ sagen. Aber irgendwie ist es auch ganz schön mal zu schweigen und nichts zu sagen, sage ich zu ihm. Er sagt „Ja!“ und nickt dabei bestätigend mit dem Kopf.
  5. T. liebt S., S. T. vielleicht ein bisschen. Man weiß es nicht so genau, auf jeden Fall sind sie Freund und Freundin. Aber eher so Freund und Freundin, wie man es eben in der 5. Klasse war. Wenn er sie voll redet, sagt sie ihm ganz direkt „Halt du mol die Gosch, du gehsch mir uff die Nerve! Es reicht jetzt auch mal.“ und er hält den Mund. Auf dem Jahrmarkt lässt sie sich von ihm auf mehrere Fahrten Autoscooter einladen, auf einmal macht es ihr nichts mehr aus, dass er so viel redet. Ich denke mir, dass ich mir in Sachen Beziehung wohl noch einiges an Verhaltensmustern abschauen kann. Die macht das schon richtig so.
  6. Fahren mit einer kleinen Gruppe zum Nürburgring. F. steht staunend da, starrt auf die Rennbahn und schreit, aufgeregt wie ein kleines Kind: „DA! Zwei blaue Elefanten. Aber der mit den roten Socken ist schneller, als der mit den pinken.“ Ich lächle. So viel Fanatasie hätte ich manchmal auch gerne.
  7. Si. Noch eine Downiefrau, 56 Jahre alt. Das Gute: Man weiß immer wo sie ist. Denn sie brummt. Ständig. Ohne es zu merken. [Brummgeräusch] „Aaaah, da ist Si.!“ Der Essens- und Aktivitätenplan muss immer aktuell sein, sonst kriegt sie die Krise. Alles muss seine Ordnung haben und wenn man sie um etwas bittet sagt sie nur „Jaaaajaaaa.“ und macht eine abwertende Handgeste. Wie ein kleines Kind, aber herzallerliebst.
  8. B. und F. unterhalten sich. Da B. das Gedächtnis eines Neugeborenen hatte fragte sie jeden Tag jeden „Wie heißt du?“. Außer mich. Mich liebte sie. Heiß und innig. Also konnte sie sich auch meinen Namen merken. Nur eben in den verschiedensten Variationen, Mozart war nur eine davon.„Wie heißt duu?“, fragte sie F.

    „Ich bin der F., das kleine Schlossgespenst.

    „Ach, du spinnst doch.“

  9. Und dann wäre da noch A. die in etwa so alt ist wie meine Mutter und der ich jetzt plötzlich Anweisungen geben soll. Komisches Gefühl. Wenn sie ein Geräusch zu sehr nervt, rastet sie aus und schlägt um sich. Dass sind dann die Momente, in denen ich Angst habe mit meinem Studium die falsche Wahl getroffen zu haben. Wenn dann aber andere Freizeitteilnehmer zu ihr laufen, sie beruhigen, bin ich mir wieder sicher, dass das alles so richtig ist. Wenn sich alle um jeden kümmern, dann kann doch fast nichts mehr schief gehen, denke ich mir.
  10. Ich bin wieder bei K.. Wir sitzen am Frühstückstisch. Auf einmal ruft er laut heraus. „MUSLI!“. Ich erstarre, frage nach, ob er denn Müsli essen will und er ruft laut raus: „Ja! MÜSLI!“. Es ist zwar nur ein neues Wort, dazu noch so was wie Müsli, aber es war ein neues Wort und ich bin ein bisschen stolz auf ihn. Als er dann auch noch „Kaffee!“ ausruft, B. miteinstimmt und nach „K…K…Kaffee“ fragt, muss ich lachen. Vor Glück. Da kann er 50 Jahre lang nicht mehr als „Ja!“ und „Nein“ sagen und ausgerechnet ich unerfahrenes Ding hole da neue Wörter aus ihm raus. Jetzt bin ich nicht nur stolz auf ihn, sondern auch auf mich.
  11. Die Freizeit ist zu Ende. B. weicht mir den ganzen Tag nicht von der Seite, sie hat mich ja auch gerne und als ich mich von ihr verabschieden muss kullern kleine Tränchen aus ihren Augen. Ich bin froh, wieder zu Hause sein, wo es ein bisschen normal zugeht, wo niemand um 7:00 Uhr morgens vor meiner Tür steht und mich weckt und nicht fünf Teilnehmer morgens von mir Frühstück wollen.
  12. 7:00 Uhr. Mein sechsjähriger Bruder reißt die Tür auf und hüpft auf mir rum, als wäre ich ein Trampolin. Schlaftrunken wanke ich in die Küche „K..K..Kaaaaffeee.“ Dieser Beruf scheint wohl abzufärben. Mist.
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