Kolibriherz

Der Zug ratterte über die Gleise.
Er tippelte nervös mit seinen Fingern auf dem Kästchen, das vor ihm lag. Es war ein besonderes Kästchen, auch wenn es von außen braun und unscheinbar aussah. Ja, manche Menschen schienen es gar nicht wahrzunehmen, unverständlich für Jan.

Verträumt schaute er auf die verschneite Landschaft, die am Zug vorbei rasen zu schien. Er lächelte, seine Augen leuchteten und er schnappte sich Papier und Stift, schrieb mit konzentriert herausgestreckter Zunge etwas auf und steckte den Zettel blitzschnell, damit auch ja niemand etwas bemerken würde, in das braune Kästchen. Nicht, dass irgendjemand auf Jan achtete, sie alle waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Da war die blonde Frau, mit strengem Dutt, einer Brille. Vor ihr stand ein MacBook, in der Hand hielt sie ihr iPhone und sie wusste gar nicht, wohin sie zuerst blicken sollte. In der Bluse sah sie sehr streng aus, der Blick war gehetzt. „Arme Frau.“, dachte sich Jan. „Wann sie wohl das letzte Mal gelebt hat?“
Dann fiel ihm wieder was ein, er schrieb es auf einen Zettel und steckte ihn in das Kästchen. Es war sein ein und alles und manchmal hatte er das Gefühl, dass Menschen im Stillen über ihn und sein Kästchen lachten.

Früher hatte Jan ein kleines Segelflugzeug. Natürlich kein Richtiges, dafür hatte seine Mutter kein Geld. Ein Modellflugzeug, dass er mit seinem Vater gebaut hatte lange bevor dieser an einem Herzinfarkt gestorben war. Wenn seine Mutter in ihrem Zimmer bei laut aufgedrehter Musik weinte und dachte, dass ihr kleiner Jan sie nicht hören konnte, saß er an die Wand gelehnt und ließ sein Segelflugzeug durch sein Zimmer sausen.

It’s the heart afraid of breaking
That never learns to dance
It’s the dream afraid of waking that never takes the chance
It’s the one who won’t be taken
Who cannot seem to give
And the soul afraid of dying that never learns to live

Bette Midlers Stimme schien die ganze leere Wohnung zu füllen. The Rose, in Endlosschleife. Bei Jan prägten sich die Songzeilen so tief ins Herz rein, dass sie in Zeiten der Trauer und Einsamkeit Trostspender und Herzensfüller waren.
Immer und immer wieder knallte das Segelflugzeug an die Fensterscheibe gegenüber. Er hörte erst auf, als die Anlage runter gedreht wurde und seine Mutter erst ihr Zimmer verließ und dann seines betrat, mit verquollenen Augen verloren dastand und sich ein müdes Lächeln abrang. Es war wohl die traurigste Zeit seines kurzen, jungen Lebens.

Die andere Frau gegenüber löste verbissen ein Kreuzworträtsel. Sie war alt, und das soll keine Beleidigung sein. Man sah es an ihren Lachfalten im Gesicht, an den hängenden Mundwinkeln und den Altersflecken, an ihren langsamen, bedachten Bewegungen und an der Art, wie sie ihre Brille hochschob. Und sie verbreitete im ganzen Abteil einen Geruch, wie ihn nur alte Menschen haben können. All das brachte Jan zu der Erkenntnis, dass sie alt sei. Er betrachtete sie genauer. Da er so durchschnittlich aussah wie sein Name es war, fiel es nicht auf, wenn er seine Mitmenschen beobachtete. Niemand achtete auf ihn und vielleicht achtete er genau deswegen auf alle.
Sie schien sehr traurig zu sein und an dem Rätsel zu verzweifeln. „Die Arme“, dachte er sich. „Früher hat ihr bestimmt ihr Mann geholfen. Sie saßen zusammen auf der Veranda, Hand in Hand, und um ihr altes Hirn zu beanspruchen lösten sie jeden Tag Punkt 15 Uhr ein Kreuzworträtsel. Sie waren die perfekte Ergänzung füreinander.“
Jan malte sich liebend gerne Geschichten zu fremden Menschen aus und, ohne es zu wissen, traf er beinahe jedes Mal ins Schwarze. So auch dieses Mal. Die alte Dame hieß Annegret, war seit einem Jahr Witwe, hatte eine Woche lang ihren Sohn und dessen Familie besucht und war jetzt auf dem Heimweg in ein leerstehendes Haus, in dem sie alles an ihren verstorbenen Mann erinnerte. Wenn man die Liebe seines Lebens verliert, dann bleibt einem nicht mehr viel, denn es gibt keine Zweite, gepflegte sie immer zu sagen. Ein halbes Jahr später traf sie im Wartezimmer ihres Arztes einen alten Schulkameraden und erlebte ihren zweiten Frühling. Aber das konnte ja zu diesem Zeitpunkt keiner ahnen.

Während der Zugfahrt füllte sich das Kästchen mit noch mehr Zettelchen, mal standen ganze Sätze darauf, mal nur ein Wort. Irgendwann war das Kästchen voll und Jan klebte es zu. Auch das bemerkte keiner, obwohl es doch auffallen müsste, wenn einer einen Klebestift und Paketband herausholt.

Jan war schon immer unauffällig. Einmal, in seiner Schulzeit, kam es sogar vor, dass eine Lehrerin vergaß ihm eine Note zu geben und es erst bemerkte, als die Mutter sie direkt darauf ansprach. Zu einem anderen Zeitpunkt schlich er sich an Kaufhausdetektiven vorbei und wusste endlich, wie er seiner Mutter helfen konnte. Diese, tief in Trauer versunken, wunderte sich nicht über die Geschenke oder Sonstiges, lächelte ihn stattdessen gezwungen an und strubbelte ihm lieblos durch die Haare.

Das Rattern des Zuges wurde langsam, die Bremsen quietschten, verbreiteten einen ekelhaften Bremsgeruch und schließlich blieb der Zug ganz stehen. Jan zog seine schwarze Jacke an, nahm sein braunes Kästchen behutsam in beide Hände und verließ den Zug. Gleis 8 stand da, aber niemand stand für ihn da. Niemand wartete auf ihn. Das machte ihm nichts aus, er hatte ein Ziel. Vom Bahnhof aus fuhr er in die Innenstadt, dort eilte er gemächlich an all den grauen, traurigen Gesichtern vorbei und hätte ihnen am Liebsten ein Lächeln ins Gesicht gemalt. Das ging leider nicht, vor Allem nicht bei so vielen Graumenschen. Also lächelte er einfach selbst. Die Wenigen, die aus ihrem Schleier hervor kamen und tatsächlich einen Blick auf den seltsamen, jungen, lächelnden Mann mit dem Kästchen warfen, mussten schmunzeln, manche sogar lächeln. Jan hatte an diesem Tag heraus gefunden, wie man Menschen ein Lächeln ins Gesicht malt.

Vor einem kleinen Blumenladen hielt er mit zitternden Händen und Wackelpudding in den Knien. Er erhaschte einen Blick auf sie, schon ein Jahr lang hatte er sie nicht gesehen, schön wie eine Libelle war sie. Fortgeschickt hatte sie ihn, hatte den merkwürdigen Mann nicht verstanden, der so verliebt in sie gewesen war, dass es sie überfordert hatte.
Er kratzte all den Mut, den er hatte, aus all seinen Ecken und Poren und wo auch immer sich Mut so zu versteckte zusammen und betrat den Blumenladen. Ein Klingeln ertönte über der Ladentür, er zuckte zusammen, das Kästchen fiel herunter. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Sein Kopf wurde zinnoberrot, so viel Aufmerksamkeit war er nicht gewohnt. Auch sie schaute ihn jetzt an, erst fragend, dann verwundert, dann peinlich berührt. Schnell wandten sich die anderen Kunden wieder ihren Orchideen, Rosen und Tulpen zu und hatten den merkwürdigen Mann schon bald vergessen.
Nur sie schaute ihn noch an, mit ihren Kakaoaugen, und tatsächlich bildeten ihre Himbeerlippen ein sanftes Lächeln. Sie hatte Jan schon immer gemocht und seit sie ihn aus Angst vor Gefühlen fortgeschickt hatte, wurden eben jene noch größer. Vermisst hatte sie ihn.
Für ihn war sie immer diejenige gewesen, die ihn wahrgenommen hat. Bei der er nicht untergegangen ist, bei der er einfach sein konnte. Schüchtern stand er jetzt vor ihr, stellte das Kästchen auf die Ladentheke und flüsterte: „Du hast immer gesagt, dass du mich nicht verstehst. Dass ich mich vor dir verschließe. Hier hast du meine Gedanken, gesammelt auf Papier.“ Schnurstracks, mit klopfendem Kolibriherz, verließ er den Laden, ging in der Masse unter und verschwand.
Und sie? Sie konnte nicht hinterher, aber verwundert den Kopf schütteln. So wie ihre Chefin, die sie schon tadelnd anschaute. Die Kunden wollten ja bedient werden. Und überhaupt, wer war dieser Mann, dass er hier einfach so hereinspaziert kam?

„Jan.“, flüsterte sie. „Mein Jan.“

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3 Gedanken zu “Kolibriherz

  1. Leider hat die Franzy (@trueffi) mich auf dich gehetzt ;) Jetzt schreibe ich dir einen Kommentar zu deinem Text. Ich finde ihn klasse. Das Thema geht sehr nahe und ist auch gefühlvoll umgesetzt. Klar, es gibt hier und da ein paar Kanten, die man noch glätten könnte. Aber die gibt es ja bei jedem und überall. Ich war vor allem sehr überrascht, als klar wurde, dass Jan nun ein erwachsener Mann ist. Das war für diese Art Text zu viel Überraschungsmoment. Das kann mehrere Ursachen haben. Die erste wäre, ich habe nicht aufmerksam genug gelesen. Davon gehe ich bei mir immer aus :-)
    Aber es kann auch sein, dass dieses Detail entweder vergessen wurde, bzw. vorher nicht deutlich genug herausgearbeitet war. Mach dir selber ein Bild, ob es stört oder nicht. Vielleicht liege ich ja trotzdem falsch.

    Das tut der herzerfüllten Geschichte zwar keinen Abbruch, war aber eine kalte Dusche für mich.

    Ich werde deinen Weblog bei mir verlinken, wenn ich das darf. Deine Geschichten sollten mehr Leute lesen.

    1. DANKE!
      Genau das habe ich mir gewünscht. Konstruktive Kritik, nicht das übliche „Oh wie schön“ (über das ich mich natürlich auch immer wieder freue). Solche Kommentare helfen mir, denn ich selbst habe nicht genug Abstand zu meinen Geschichten und auch meistens nicht die Geduld dafür, sie hinreichend auszuarbeiten. Daran muss ich arbeiten, gewöhnlich schreibe ich Geschichten wie diese in einem Rutsch runter.
      Natürlich darfst du den Blog verlinken, da freue ich mich sehr drüber!

  2. Das geht mir in meinem Weblog genauso. Viele Texte sind in 20 Minuten geschrieben und ich bin zu ungeduldig, die noch mal zu überarbeiten ^^ Das ist manchmal gar nicht gut, aber hey, es ist ein Weblog und kein Buch auf teurem Papier.
    Das Weblog ist für die Seele. Befreiendes Schreiben von Dingen, die die Rübe platzen lassen und hässliche Flecken an die Wände malen.

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