Lernen lernen

Es ist Prüfungsphase. In einer Woche schreibe ich die ersten Klausuren. Doch statt zu lernen liege ich in Embryonalstellung in meinem Bett, wippe vor und zurück und denke: „OH MEIN GOTT, ich muss noch so viel lernen, das schaff ich nie, wie soll ich das denn alles in meinem Kopf kriegen, nie nie nie im Leben schaff ich das, ich werde überall durchfallen und dann muss ich die Uni verlassen und mir einen Job suchen und arbeiten. Was wohl besser ist: Burger braten, Sandwiches belegen oder Klos putzen? Was meine Eltern wohl dazu sagen werden? Und die Gesellschaft? Man wird mich verachten und ausstoßen und ich muss mich in Jaqueline oder Chantal umbenennen, um dann mein Geld mit RTL II – Nachmittagsproduktionen zu verdienen, die nehmen bestimmt jeden.

Meine Zukunftsgedanken werden unterbrochen. Es klopft.

„Ich kann nicht, ich lerne.“, versuche ich meine Mitbewohnerin abzuwimmeln, doch sie kennt mich zu gut und weiß, dass ich lüge.
Ich hab dir Kaffee gemacht!
Na gut, komm rein.“, murmle ich und setze mich für sie sogar auf. Mit Kaffee kriegt man mich immer rum und wer weiß, vielleicht gibt mir das ja einen Motivationsschub.

Nachdem ich mich anderthalb Stunden mit meiner Mitbewohnerin „nur mal kurz“ unterhalten habe, denk ich mir:„Jetzt könntest du aber auch mal was Sinnvolles tun.“ und schmeiß‘ erst mal den kompletten Inhalt meines Kleiderschrankes aufs Bett, um dann alles wieder ordentlich nach Farbe sortiert einzuräumen oder zum Altkleidercontainer zu bringen.
Danach ist das Bücherregal dran. Das letzte Mal habe ich die Bücher in der Februarlernphase abgestaubt und sie sehen schon ziemlich mitgenommen aus. Ich streichle jedem einzelnen zärtlich über den Rücken und murmle leise „Es tut mir so Leid, ich vernachlässige euch nie wieder so.“ und sortiere sie dann nach Genre und Alphabet wieder ein.
Als nächstes widme ich mich dem selten genutzten Fernseher. Nachdem er vollkommen staubfrei ist, ist das Bild auch wieder klar. Erstaunlich, diese Technik heutzutage.
Nach zwei weiteren Stunden ist das Bett frisch bezogen, die Wäsche in der Waschmaschine, der Boden gesaugt und gewischt, der Müll runter gebracht, das Geschirr trotz (!) vorhandener Spülmaschine mit der Hand abgespült, die Fenster geputzt und ich habe nichts mehr, was mich vom Lernen abhalten könnte.

Da sitze ich nun, an meinem Schreibtisch. Vor mir ein Stapel Texte, die ich für Bildungswissenschaft lesen muss. Etwa 400 Seiten. Für nur eine Klausur. Diese Universität mit ihren Vorlesungen und Seminaren und ihren Prüfungen stört mein entspanntest Studentenleben erheblich. Ich fange lustlos mit einem Text an, in dem irgendwas übers Lernen lernen steht und denke mir „Aha. Das könnte hilfreich sein.“, stutze aber etwas bei folgendem Satz: „Die Forschung kann bislang nicht erklären, wie das allgemein gehen soll, dass man besser lernt, wenn man lernt und wie man lernt,, um umzulernen, damit man besser lernt, egal, was man lernt.“ Ich beschließe, dass ich eine Pause vom Lernen brauche und hol mir einen Kaffee.
Der nächste Text heißt „Was Lehrer tun können, wenn Schüler Probleme haben“. Ich lese „Lehrer senden dem Schüler Botschaften, die ihm mitteilen, dass sein Verhalten unannehmbar ist.“ Auf der Straße fängt ein Kind zu schreien an, ich versuche es zu ignorieren und lese weiter. „Der Lehrer möchte also, dass der Schüler sich ändert, dass er sich so verhält, als habe er kein Problem.“ Das Kind weint immer noch, doch jetzt eine Oktave höher und viel lauter. Das will doch bestimmt nur seinen Willen durchsetzen und hat gar kein Problem und will nur nerven, denke ich. „In unserem Kursus nennen wir das die Sprache der Nicht-Annahme.“ Das Kind kreischt nun regelrecht. „Obwohl diese Sprache oft angebracht ist, hilft sie in keinem Fall weiter.“ Das Kind schreit jetzt direkt vor meinem Fenster. Ich gehe ans Fenster, sehe das puterrote, mit Tränen benetzte Gesicht und schreie aus dem ersten Stock runter: „HÖR AUF ZU HEULEN! DAS LEBEN HÄLT NOCH VIEL SCHLIMMERE DINGE FÜR DICH BEREIT, ALSO KRIEG DICH MAL WIEDER EIN!“ Ich schließe das Fenster und denke mir: „Ja, ich werde mal eine super Pädagogin.

Da fällt mein Blick auf die Pfandflaschen. „Ohja, die könnte man auch mal wieder wegbringen.“ und schwupps – schon sitze ich auf dem Fahrrad, bepackt mit Tüten voller Pfandflaschen. Auf dem Rückweg kommt eine Mutter mit ihrem etwa 10-Jährigen Mädchen von links auf dem Fahrrad angefahren. Rechts vor Links, denke ich mir, und fahre weiter, wobei das Mädchen mich rotzfrech anschaut und einfach weiter fährt, wobei es fast zum Zusammenstoß kommt. Die Mutter hat angehalten, kennt die Verkehrsregeln also, hat aber wohl vergessen, diese an ihre Tochter weiterzuleiten und diese zurückzuhalten, und schreit mir trotzdem hinterher: „MAN KÖNNTE JA MAL AUF EIN KLEINES KIND RÜCKSICHT NEHMEN.“ Ich schreie zurück: „MAN KÖNNTE SEINEM ZEHN JAHRE ALTEN KIND JA AUCH MAL WAS BEIBRINGEN!“ Und wieder denke ich mir: „Ich werde mal eine super Pädagogin.

Zu Hause gehe ich aufs Klo. Mein Blick fällt auf die Liste mit mittelhochdeutschen Verben, die ich alle konjugieren muss und ich murmle sie leise vor mich hin. „rîten, rîte, reit, riten, geritten. Biegen, büge, bouc, bugen, gebogen. Heizen, heize, hiez, hiezen, geheizen.
Da sitze ich doch tatsächlich auf dem Klo und sage mittelhochdeutsche Verben auf. Die Lernphase tut mir nicht gut, denke ich mir, lege mich wieder in Embryonalstellung ins Bett und verzweifel den Rest des Tages weiter vor mich hin.

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Ein Gedanke zu “Lernen lernen

  1. „Die Forschung kann bislang nicht erklären, wie das allgemein gehen soll, dass man besser lernt, wenn man lernt und wie man lernt,, um umzulernen, damit man besser lernt, egal, was man lernt“ … definitiv nicht ohne Kaffee lernbar.

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