Und plötzlich Realität

Eigentlich sollte ich jetzt lernen oder so tun als ob, aber mir geht ein Erlebnis vom heutigen Tag nicht mehr aus dem Kopf.

Heute Nachmittag bin ich mit meinem Babysitterkind Bus gefahren. Das ist jetzt an und für sich nichts besonderes, das macht jeder ab und zu mal. Wir fuhren auch nur eine Station. Aber trotzdem lassen mich diese paar Minuten nicht mehr los. Schon als wir uns hinsetzten fiel mir die verzweifelt aussehende Frau mit strähnigem Haar, tiefliegenden dunklen Augenringen und dem Riesenverband am linken Arm auf. Neben ihr ein Junge, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, der geradeaus ins Leere starrte und sich an seine löchrige Tasche klammerte. Sie fiel wohl jedem Fahrgast auf, schrie sie doch in ihr überdimensionales Smartphone, während sie gleichzeitig versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken.

Sätze wie „Ich war bei der Polizei“, „Du wolltest doch reden und hast angerufen, also lass uns jetzt reden!“, „DANN LASS UNS DOCH GLEICH SCHLUSS MACHEN!“ und „ICH BIN KEINE SCHLAMPE, DU ARSCH! TSCHÜSS!“ waren nur unschwer zu verstehen. Der Blick des Jungen neben ihr wurde immer leerer, er schien abzuschalten. Ich wusste nicht wohin mit meinem Blick, lagen doch schon genug vorurteilsvolle, abwertende Blicke des Spießbürgertums auf ihr.

„Weißt du, da ruft der Penner mich an und will, dass ich die Anzeige zurück nehme. Nur, damit der Arsch wieder mit dem Messer auf mich einstechen kann! Aber nicht mit mir, ich lass mich doch nicht abstechen.“, schrie sie beinahe schon mit wirrem Umherblicken zu dem Kind neben ihr. „Mama, ich hab Angst.“, sagte der Junge leise, doch sie zeterte weiter vor sich hin. Wahrscheinlich fühlte sie sich in die Ecke gedrängt und wollte eigentlich nur allen anderen Fahrgästen ihr Verhalten erklären.

In dem Moment mussten wir aussteigen und ich wollte noch was sagen, wusste nicht was und lächelte sie stattdessen an. Ich hätte so viel mehr tun können, aber nicht mit dem Babysitterkind für das ich doch verantwortlich war und das ich sicher nach Hause bringen musste.

Wer mich kennt, weiß, dass ich Sonderpädagogik unter anderem mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“ studiere. Wir lernen theoretisch, aus welchen Familien und aus welchem sozialen Umfeld die Kinder kommen. Reden theoretisch darüber, wie man solchen Familien aus bestimmten Millieus helfen kann, wie wir die verhaltensauffälligen Kinder „retten“, fördern können. Und dann – BUMMS – ist da die Realität. Mit einer Mutter, die von ihrem Freund mit dem Messer verletzt wird, und einem Kind, dass all das aufgeladen bekommt und mittragen muss. Ein echtes RTL-Nachmittagsprogramm, nur ohne Schauspieler, sondern mit realen Personen. Und leider auch mit echten Menschen, die nur Verachtung, statt angebrachter Empathie und Fürsorge für diese Frau übrig haben. Menschen, die bei so einer Szene die Augen verdrehen und den Kopf schütteln. Die alles nur noch schlimmer für die Frau machen, sie in die Ecke drängen und in Schubladen stecken. WAS IST DENN DA NUR KAPUTT? Ich versteh das einfach nicht, wie man so kaltherzig durch die Welt gehen kann. Aber ich bin ja auch einer dieser bösen Gutmenschen oder Weltverbesserer. Was auch immer falsch daran sein soll, anderen helfen zu wollen oder mal ein bisschen empathisch zu denken und zu handeln.

Ich konnte der Frau und ihrem Kind nicht helfen. Weil es der falsche Zeitpunkt war, ich noch nicht genug weiß, ich überfordert war von diesem realen Leid, von dem man in seiner eigenen Seifenblase doch nur zu großen Abstand hat. Aber ich will Menschen mit Problemen helfen, den Kindern Unterstützung geben, wo sie sie von der Familie nicht bekommen. Ich will helfen, ich will wenigstens kleine Welten verbessern. Und ich weiß, dass ich oft scheitern werde, aber das hindert mich nicht am Versuch.

Und wahrscheinlich habe ich heute durch diese paar Minuten mehr gelernt, als in den letzten Tagen an meinem Schreibtisch. Weil die Welt da draußen ist. Und man wahrscheinlich nie auf alles, was einen erwartet, vorbereitet sein kann.

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3 Gedanken zu “Und plötzlich Realität

  1. Allein dass Du Dir Gedanken machst und Dir die Zeit nimmst das Erlebte beim Schreiben erneut in Dir arbeiten zu lassen ist schon GOLD wert.
    Mit Deinem Lächeln zu der Frau hast Du bestimmt schon geholfen. Lächeln ist nie falsch.

    Bleib wie Du bist… die Realität braucht Menschen wie Dich. <3

  2. Nehmen wir an, Du wärst nicht in Begleitung des Babysitterkindes gewesen. Nehmen wir weiter an, Du hättest viel Zeit gehabt.

    Ich schätze, wenn Du die Frau angesprochen hättest, hätte sie unwirsch reagiert und etwas ähnliches wie „Kümmern Sie sich um ihren eigenen Dreck!“ geblafft. Es liegt den Menschen nicht, schnell vom Gefühl der Wut und Ablehnung einer Person gegenüber zu Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit anderen, unbeteiligten Personen gegenüber umzuschalten. Man erlebt das oft, wenn Mütter, die in Rage sind, ihre Kinder anmotzen, auch wenn die mit einem ganz normalen und verständlichen Anliegen kommen. Du hättest die Frau erst ansprechen können, sobald sie sich wieder beruhigt hat, dann hätte das funktionieren können. Insofern sind alle Überlegungen, was man hätte sagen können im Grunde Zeitverschwendung. Vielleicht ist die Sprachlosigkeit, wie Du sie erlebt hast, und wie sie vermutlich jeder schon in ähnlichen Situationen erlebt hat, eine unbewußte Reaktion auf genau diesen Umstand: Wer in Rage ist, ist für normale und freundliche Ansprache im Regelfall nicht empfänglich.

    Nun hast Du der Frau zugelächelt und damit wortlos deine Sympathie bekundet. Keine gesellschaftliche Regel gebietet es der Frau auf Dein Lächeln zu reagieren, sie kann es schweigend zur Kenntnis nehmen und ist so vom Konflikt befreit, eine freundliche Reaktion aus einer Stimmung der Wut heraus hervorzubringen. Genau darin liegt die Genialität Deiner Reaktion.

    Du hast einer Frau, die in Rage war, signalisiert, daß sie vielleicht gerade einen Partner verloren haben mag, aber daß sie dennoch nicht alleine ist, daß mindestens Du ihr einen Platz in der Gesellschaft zuerkennst (und wenn sie das von DIR weiß, bleibt die Hoffnung, daß es viele andere gibt, die genauso denken), obwohl sie durch ihr lautes Telefonat, durch das Ausbreiten von Privatem in der Öffentlichkeit, vielleicht sogar auch durch den Gebrauch allgemein geächteter Worte und Formulierungen gegen viele gesellschaftliche Regeln verstoßen hat. Du hast ihr signalisiert: „Andere mögen deswegen über Dir den Stab brechen, aber ich habe nicht vergessen, daß Du ein Mensch bist. Dein ‚Fehlverhalten‘ ist verständlich und insbesondere: menschlich!“ Du hast letztlich durch ein einfaches Lächeln die Würde dieser Frau, die offenbar durch einen Partner aufs Äußerste mißachtet wurde, anerkannt und wiederhergestellt.

    Mir bleibt nur zu bedauern, daß ich keinen Hut besitze, denn es wäre nun angebracht selbigen vor Dir zu ziehen. Deine Reaktion war in den gegebenen Umständen meiner Meinung nach perfekt.

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