Wir sind Herbstblätter

Wir sind Herbstblätter.
Herbstblätter, die sich an bekannten Ästen festklammern, um nicht zu fallen.
Und fallen doch.
Weil Jahreszeiten, Wetter und Wind stärker sind als wir.

Du weißt, dass ich Recht habe.
Wie für Laub gibt es für uns keinen Weg zurück.
Und so liegen wir hier, bei all den anderen und beneiden jene, welche noch hoch erhoben und erhaben am Baumwipfel hängen und mit Windböen tanzen.

Wir sind Herbstblätter.
Raschelnd laut und bunt.
Nach dem Sommer waren wir plötzlich da und niemand wusste was mit uns anzufangen, selbst wir hatten keine Ahnung, was geschieht.
Deswegen werden wir zusammen gekehrt und weggeblasen, von Kinderhänden mit staunenden Augen aufgehoben und herumgewirbelt und verfallen schließlich in unsere Einzelteile.
Machtlos, schwach und wehrlos stehen wir dem gegenüber, was die Welt mit uns macht.

Wir sind wunderschöne Herbstblätter
und werden mit Füßen getreten.
Weil die Welt ignorant ist und Schönheit nicht erkennt, wenn sie direkt vor ihnen steht.
So, wie ich dich nicht erkennen kann, weil du verschwommen lebst, bruchstückhaft Vergangenheitsfetzen wirfst, die ich zusammenkleben muss.
Du bist Spekulation in ihrer reinsten Form, hast weiche Konturen und wirkst doch eiskalt und steinhart.
Du bist der Scheinriese Tur Tur. Unnahbar und einsam. Weil du niemanden an dich ran lässt, weil sich niemand an dich ran traut, liegst du zwischen all den anderen Blättern da und bist doch einsam.
Weil man dich nur Selbstschutz lehrte, hast du dir eine Mauer aus Weltwut, Sarkasmus und Wortwitz gebaut.

Wir sind Herbstblätter.
Auf dem Boden der Tatsachen, doch immerhin haben wir uns oder du hast mich, denn du bist ja nie da.
In fremden Welten gefangen, der Zutritt für mich versperrt, doch

ich kann warten.

Wir sind Herbstblätter.
Bunt, schön und doch kaputt.
Müssen Platz für Neues schaffen und resignieren.
Liegen im Sterben, während sich manch einer an unserer Farbenvielfalt erfreut.

Du weißt, dass ich Recht habe und senkst den Kopf.
Meine linke Hand wärmt sich an der Teetasse, während meine rechte deine wärmt und sie sachte drückt. Du drückst zurück und schaust aus dem Fenster, auf die im Sturm herum wirbelnden Herbstblätter, die für den kurzen Moment lebendiger wirken als die beinahe kahlen Bäume, die sorgenvoll auf den Winter warten.

Wir sind vielleicht doch keine Herbstblätter.
Vielleicht sind wir Bäume, die auch die kältesten Winter überstehen.
„Nah beieinander, wie die Bäume in dem Wald, in dem ich an herbstigen Sonnensonntagen immer mit meinem Vater Kastanien sammeln war.“, flüsterst du und ich hebe den Vergangenheitsfitzel vorsichtig auf und klebe ihn ganz oben in die Ecke mit der Aufschrift:
„Der Tag, an dem wir doch nicht starben“

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