3. Semester [Auftakt]

„Gemeinsam pinkeln gehen, das machste ja auch nicht mit jedem.“, sagt Ixam* und wir nicken bestätigend, weil wir betrunken sind und nicht wissen, warum sie das jetzt eigentlich sagt.
Wir sitzen auf einer WG-Party und trinken Rotwein für 2,39 €, aber immerhin den guten, mit dem Korken. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob er gut ist, aber die Flasche sah mit dem hübschen Etikett so schick aus und das ist für mich Auswahlkriterium Nummer 1: Wenn die Flasche schön ist, kann der Wein nur gut sein.

„Sag mal, ist in den Brownies eigentlich Marihuana drin?“, fragt ein Kerl mit einer unfassbar kreativen und individuellen rot-gelb-grün-schwarzen Mütze.
„Nein, aber mit doppelt Schokolade.“, sag ich.
„Dann ess‘ ich auch keinen.“, sagt er und meint noch: „Ich glaube ja, dass einem die besten Ideen auf dem Klo kommen und dass die Spitzenpolitiker einfach nie genug Zeit haben aufs Klo zu gehen und ein bisschen zu denken.“ und geht.
Schon ist eine politische Diskussion entbrannt, wie das gute, allgemeingebildete Studenten nun mal so tun. Zwischendurch rezitiert jemand ein paar Verse Cindy aus Marzahn und Tim Bendzko, damit wir uns nicht zu gebildet fühlen.

Plötzlich werde ich mit einem Kuscheltier, das aussieht wie Spongebob Schwammkopf, beworfen. Ein komischer Mann mit Pudelmütze zwinkert mir zu, ich werfe Spongebob quer durch den Raum, er wie ein Hund hinterher. Gut. Der ist vorerst beschäftigt.

„Marsha, willst du mich eigentlich heiraten?“, fragt mich Ixam, die gerade in einen meiner selbstgebackenen Brownies gebissen hat. „Aber nur, wenn du mein Kind austrägst und regelmäßig backst. Und damit klar kommst, wenn ich Eiram auch heirate und mit Itan einen saufen gehen.“
Noraa möchte auch mitmachen, aber nur, wenn jeder mit jedem darf. Das findet Ixam auch gut, alle mit ihr, das wäre ja viel zu anstrengend. Er will für die Kindesnamen verantwortlich sein und ausgefuchst und kreativ wie er heute Abend ist, soll der erste Junge „Noraa J.R.“ heißen.
„POLYGAMIE FÜR ALLE!“, schreit jemand irrelevantes und geht.

„Sag mal, ist in den Brownies Marihuana drin?“, fragt mich ein Mädchen mit leerem Blick und langen Rastalocken, die, wenn sie einmal den Kopf heftig drehen würde, jeden einzelnen in diesem Raum schwere Verletzungen hinzufügen könnte.
„NEIN!“, schreie ich passiv-aggressiv und bewerfe sie mit einem Korken. Also theoretisch, praktisch treffe ich leider nur den Spongebobpudelmützenmann, der sich verwirrt umdreht. Ich verstecke mich hinter den Rastalocken und bin unsichtbar für ihn.
Das Mädchen stellt sich als Eva vor, die „Gender studies“ und „ Air Qualitiy Control, Solid Waste and Waste Water Process Engineering“ studiert, weil sie die Welt retten will und Gleichberechtigung voll wichtig findet.
„Aha.“, sage ich und drehe mich weg.

„Und, was willst du vom Leben?“, fragt mich ein Junge mit gegelten Haaren, fast schon möchte ich Kind sagen, der unfassbar grotesk in seinem Hemd und dem Pullover darüber aussieht. „Aha, ein BWL-Student“, denke ich mir.
„Och, Urlaub in Neuseeland wäre mal geil. Oder alle Staffeln ‚Gilmore Girls‘ auf DVD.“, sage ich.
Er schnaubt verächtlich mit der Nase und meint, er wolle reich werden und viele Mitarbeiter haben.
Ich sage „Deine Mutter hat dich wohl nie geliebt.“. Er fängt an zu weinen und rennt weg. Voll ins Schwarze, Treffer versenkt, Mission erfolgreich.

Etwas weiches trifft mich genau auf die Brüste. Einen Meter weiter steht der Mann mit der Pudelmütze und grinst dämlich. Ich habe Spongebob jetzt in meiner Gewalt und gebe ihn erst wieder her, wenn ich vom Spongebobpudelmützenmann einen Becher Wein bekommen habe. Gut, der ist vorerst beschäftigt.

„Sag mal, ist in den Brownies eigentlich Marihuana drin?“, fragt mich ein Mann, der so aussieht, als würde er Afrikanistik studieren.
„JA MANN!“, sage ich.

Zehn Minuten später sind die Brownies leer und alle placebohigh. Idioten, denke ich mir und grinse.

Der Spongebobpudelmützenmann bringt mir Wein, ich gebe ihm Spongebob wieder und der Rest des Abends ist etwas verschwommen. Vielleicht ist noch irgendwas explodiert, sicher bin ich mir da aber nicht. Nur an den letzten klaren Gedanken kann ich mich noch erinnern: „Ach, da könntest du ja mal einen Text drüber schreiben.“

*Namen aus Anonymitätsgründen in umgekehrter Reihenfolge

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