Kleinstadtflimmern

Länger als ein Jahr war ich nicht mehr in dieser Kleinstadt gewesen, die ich etwa 7 Jahre lang im Ausweis und diversen Onlineformularen als „Zuhause“ angegeben haben. Eine Anschrift mitten im Odenwald. Frische Luft, mehr weite Felder als bebaute Flächen und Kühe soweit das Auge reicht. Mein Abitur hab ich hier gemacht. Meine Jugend hier verbracht. Das war  ok, das war ganz nett, hätte aber auch abenteuerreicher und aufregender sein können. Aber alles in allem ok. Ich hatte tolle Freunde und wir wurden kreativ in unserer Wochenendgestaltung. Außerdem konnte ich mich wenigstens auf mein Abi konzentrieren. Wenn ich aus meinem Fenster sah, sah ich entweder Nachbars Katze oder hörte die Nachbarin liebevoll ihre Töchter rufen:“MADEEEEEEEEEEELEINE! JACKELIIIIIIIIN! EEEEEESSEEEEEEN!“. Viel Ablenkung gab es da nicht. Nur Vogelgezwitscher. Andauernd Vogelgezwitscher. Warum können Vögel nicht einfach die Klappe halten?

Ich fahre mit der S-Bahn. Eine Stunde und zwanzig Minuten brauche ich vom Hauptbahnhof Mannheim hierher. Alle 5 Minuten hält die Bahn, die Hälfte der Orte fängt mit „Neckar“ an. Neckargemünd, Neckarzimmern, Neckargerach… Wer auch immer da noch durchblickt: Respekt. Die andere Hälfte der Orte hört mit -bach auf. „Neckarbach“ fände ich wiederum ganz witzig, weil der Neckar ein Fluss ist und der Ortsname sozusagen ein Oymoron wäre. Egal. Ich lese die „Jungle World“, die hier wahrscheinlich niemand kennt, weil alle CDU oder SPD wählen, während neben mir ein stark alkoholisierter und auch stark riechender Mann kurz vorm Einschlafen ist. Armer Mann, mehr als Alkohol bleibt einem hier wohl auch nicht übrig. Deswegen heißt es ja auch, die Dorfjungend sei die schlimmste. Wir hatten ja sonst nichts. Ich falte die Zeitung zusammen, ich war froh, dass ich sie hier überhaupt bekommen habe. Ein kleines Wunder. Draußen rauschen mit Weihnachtsdekoration beleuchtete Doppelhaushälften vorbei, dicht aneinander gereiht. Kleinstadtflimmern, zu dieser Zeit am allerschönsten.

Morgen ist Heiligabend und es scheint Tradition geworden zu sein, dass sich unsere Abiturstufe trifft. Die letzen zwei Jahre hatte ich es verpasst, erst war ich in Indien und das Jahr darauf war mir die Anfahrt zu weit. Ich schein die Einzige von über hundert Menschen zu sein, die es inklusive Familie hier raus geschafft hat. Dieses Jahr bin ich neugierig und wegen meiner besten Freundin hier. So ein bisschen Neugier ist ja doch da: Hat jemand im Lotto gewonnen? Geheiratet? Ist jemand ungewollt schwanger oder stinkreich geworden? Hat XY endlich eine Freundin oder ist doch Single auf Lebzeiten, wie in der Abizeitung vorhergesagt?

Nach einer halben Stunde muss ich feststellen: Es gibt Menschen, die sich in zweieinhalb Jahren tatsächlich nicht weiterentwickeln zu scheinen. Null Veränderung. Am Tisch finden die gleichen Gespräche wie 2011 statt, es werden Oberflächlichkeiten ausgetauscht und das größte Erstaunen scheint mein Umzug in „den Osten“ auszulösen.

„Du wohnsch echt im Oschde? Wie sin die Leut do?“

„Ja. Nett, aufgeschlossen und auch nicht wirklich anders als hier. Leipzig ist ja auch nur ein paar hundert Kilometer von hier entfernt, ne?“

„Ach, in Leipzig wohnsch du? Do isch die Miede billig, odaa? Des hab ich bei „Mieten, Kaufen, Wohnen“ gsehe.“

So viel dazu. Etwa 90 % der Stufe studieren im Umkreis von etwa 70km und das scheint schon eine wahre Grenzüberschreitung zu sein. Aber im „Ländle“ ist ja alles so gut. Überhöhte Mieten, überfüllte Städte, überteuerte Lebenserhaltungskosten und außerdem ist es so gemütlich in der eigenen Komfortzone.  Oh Hilfe, es könnte sich ja was ändern, lieber nicht! Alter Freundeskreis, alte Gewohnheiten, altes Gedankengut. Adieu Entwicklung, du anstrengende Sau!

Nach anderthalb Stunden reicht es uns und meine Freundin und ich gehen, wollen noch jemand anderen besuchen. Es ist „Coming Home“-Party in einer Bar. Also in einer von den zwei einzigen Bars, die es hier gibt. Auf dem Weg dorthin laufen wir durch die Innenstadt. Auch hier hat sich nichts verändert. Die Stadt ist in Stein gemeißelt, unverändert, als hätte man sie in eine Schneekugel gesperrt und von der Außenwelt abgegrenzt. Unbeweglich, selbst wenn man daran schüttelt und rüttelt. Bei der Party scheint die ganze Kleinstadtschickeria versammelt. Überall glitzern Tops, leuchten Lippenstifte und die eingequetschten Brüste der paarungswilligen Weibchen wippen im Takt zur schlechten Elektromusik vom Band. Männer in karierten oder schwarzen Hemden stehen mit Bier rum. Überhaupt stehen hier alle nur so rum. Da sind mir meine abgefuckten Kneipen in Leipzig doch lieber, da kann man aussehen, wie man möchte, sich in Sofas vom Sperrmüll fläzen, und würde wahrscheinlich auch im Jogginganzug nicht auffallen. Ich erkenne Gesichter wieder, die hier vor drei Jahren auch schon so rumstanden. Ob sie die Bar überhaupt schon mal verlassen haben?

Wir finden unsere Bekannte nicht und weil mein Zug erst in einer Stunde kommt, gehen wir spazieren. Am Veranstaltungsort unseres Abiballs vorbei. Das war schon schön, gemütlich, ein grandioser Abend. An Kreativität hat es uns damals nicht gefehlt, nur scheint manch einer sie in den letzten Jahren verloren zu haben. Ertränkt in Kleinstadtidylle und dualem Hochschulstudienstress. Aber macht ihr ruhig mal, in ’nem halben Jahr werdet ihr übernommen, arbeitet Vollzeit und dann ist das Saufgelage nach dem Fußballspiels eures Ortsvereins euer Lebenshighlight. Hoffentlich habt ihr zwischendurch nicht vergessen zu leben. Wir stellen fest, dass aus einem der vielen Chinarestaurants eine Shishabar geworden ist. Bestimmt gab es Proteste des Mittelstands dagegen, bei solch einer Ausgeburt der Hölle. Vielleicht auch nicht, weil es so der Kleinstadt einen Großstadtflair gibt. Wer weiß, auf jeden Fall steht sie da, wie ein kleines Wunder und fehl am Platz wie Al-Qaeda-Witze am 11. September.

Weiter geht es, am Jugendhaus vorbei. Wir denken an die vielen „Rocknächte“, die es hier gab. Mit Bands aus der Region, damals waren wir ganz vorne dabei, bei Pogo und Headbanging. Heute kennen mich die Menschen an der Uni nur noch in Kleid und Strumpfhose, sind erstaunt, wenn ich Jeans trage, und du hast dir deine Dreads abgeschnitten. Immerhin wir haben uns verrändert. Das ist gut so. Das soll so. Und dennoch mögen wir uns noch. Weil wir beide vorwärts gegangen sind.

Am Ende laufen wir noch über das Gelände der Dualen Hochschule. Damals, als die Berufsakademie (BA) den Namen „Duale Hochschule Baden-Württemberg“ bekam, ließ der Bürgermeister in seinem Enthusiasmus am Ortseingang Schilder mit der Betitelung „Willkommen in der Hochschulstadt“ aufstellen. Endlich konnten wir mit den größeren Städten in der Umgebung mithalten, endlich konnten wir auch was bieten. Ein paar Wochen später musste er die Schilder wieder entfernen, ihm wurde gesagt, dass die Duale Hochschule keine richtige Hochschule in diesem Sinne sei. Das ist die wohl peinlichste Episode, aber auch meine Lieblingsepisode, der Stadtgeschichte.

Irgendwann befinde ich mich wieder im Zug nach Mannheim. Es ist der letzte Zug, wieder fahre ich eine Stunde und zwanzig Minuten. Ich frage mich, was die Leute in dieser Kleinstadt hält, und bin froh, dass es mich nicht gehalten hat. Ich habe gute Erinnerungen an diese Stadt, ihre Menschen, ihre Eigenarten. Aber mich würden keine zehn Pferde (oder eher: Kühe) mehr dort halten, ich fühle mich schon nach ein paar Stunden dort eingesperrt. Ich habe dort bereits alles entdeckt, was es zu entdecken gibt, jeden einzelnen Stein umgedreht, kenne diese kleinen Straßen und Gassen in und auswendig. Jetzt ist es an der Zeit, neues zu entdecken. Leipzig und andere Städte. Weil das Leben ein Abenteuer ist und ich nicht stehen bleiben will.

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2 Gedanken zu “Kleinstadtflimmern

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