Definitionszwang

478643_web_R_B_by_Thommy Weiss_pixelio.de

Der Mensch an sich ist ein Gewohnheitstier. Alles muss in geordneten Bahnen verlaufen und bestmöglichst mit einem Etikett versehen werden. Damit man es dann auch in die richtige Schublade passt. Der rote Faden im Leben sollte am Besten in einer geraden Linie verlaufen, ohne Umwege zum Ziel, damit man am Ende erfüllt sterben kann. Punktausende, Klappe zu, Affe tot.

Der Mensch an sich will Definitionen und Erklärungen und Logik. Der Mensch an sich, aber ich nicht. Ich mag das Ungeregelte, das Chaos, das „Ich weiß nicht genau, wo das hin führt oder was das ist, aber lass uns das doch einfach mal machen“ und das Herumirren auf nutzlosen, aber vielleicht wunderschönen, abenteuerreichen Umwegen. Spontaneität lässt sich nicht definieren, sie ist einfach da.

Aber immer wieder ertappen wir uns dabei, wie wir zwanghaft nach Definitionen für Unbekanntes suchen. Zwängen Dinge, die umfangreicher als der Halbriese Hagrid aus Harry Potter sind, in eine XS und finden das gut.  Nicht nur Dinge, sondern auch unerklärliche Ereignisse oder komplexe Gefühle werden in diese Zwangsweste gesteckt und unter einem Etikett im Hirn geparkt.

Zwei Menschen, die sich sehr mögen, müssen doch automatisch ein Paar sein, eine feste Beziehung führen, mit allem drum und dran. Weil das doch normal ist, weil das jeder so macht, weil man doch irgendwie ein Wort für das, was da ist, haben muss, das dann auch jeder Unbeteiligte versteht. Der komplexe Mensche wird degradiert zum „Freund“ oder zur „Freundin“ und wird nur noch als dieser vorgestellt. Vielen reicht diese Info und der Gegenüber bleibt für immer „der Freund von XY“ und das wars.

Im Studium haben wir uns mit Definitionen für „geistige Behinderung“ auseinander gesetzt. Da fängt’s schon an, problematisch zu werden: Was ist der Geist? Es ist nichts greifbares, genauso wenig wie Intelligenz. Es ist komplex, es ist vielfältig, es ist unbeschreiblich und doch gibt es Menschen, die in wenigen Silben versuchen, den Geist zu erklären. Drei Sätze reichen dafür nicht aus, nicht mal drei Seiten oder Kapitel oder Bücher. Am Ende weiß doch niemand, was damit gemeint ist.

Noch eine Definition, die so unnötig wie simpel ist: „Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn der Unterricht gestört ist.“ Ach? Wirklich? Lasst uns mehr Wörter durch sich selbst erklären, das bringt die Welt weiter, ganz bestimmt.

Ich möchte weniger definieren und nicht definiert werden. Natürlich passiert mir das immer wieder, dass ich selbst anfange, andere über ihr Aussehen zu definieren. Wenn wir im Freundeskreis über Kommilitonen reden fallen da ab und zu so Sätze wie „Die mit der Schweinchennase“ oder „Der, der immer zu spät kommt“ oder „Die Komische mit der undefinierten Haarfarbe“. Und dann frage ich mich doch: Wie definieren andere mich? Die mit der roten Mähne? Die Pummelige? Die Poetry Slammerin? Im Endeffekt ist es egal, aber doch irgendwie interessant.

Wir leben in einer Welt, in der alles definiert werden muss  und wird. Sogar der eigene Körper soll definierter aussehen. Alles bekommt einen Namen, damit wir uns auf einer Ebene darüber unterhalten können. Das Wort „Krim-Krise“ fällt und jeder weiß, was gemeint ist. Das ist gut, das erleichtert die Kommunikation, ist in manchen Fällen dennoch einfach unnötig. Weil manchmal ein „Ich bin glücklich, egal, was es ist“ oder „Wir brauchen mehr Krimskams, Firlefanz, Gedöns und Dings“ reicht und viel schöner klingt.

Advertisements

2 Gedanken zu “Definitionszwang

  1. Wie du schon sagst, können Definitionen nicht ausreichen und kein Ding klar von einem anderen abgrenzen. Das macht es so schwierig zu definieren. Im Studium wird es noch deutlicher, egal, welcher Bereich. Aber der Mensch braucht Definitionen um seine Welt zu ordnen. Es ist nicht schön alles in Schubladen zu stecken, doch macht es das Leben viel einfacher. Oder auch nicht… Schon die Frage wann eine Kurzgeschichte aufhört und ein Roman anfängt, kann nicht beantwortet werden.
    Die Natur kennt keine Regeln, sie hält sich an nichts. Durch Definitionen versucht der Mensch sie zu ordnen, doch das heißt nicht, dass sich die Natur dann auch daran hält.

  2. Ja, ich denke auch – wie Tinka Beere -, dass es für uns Menschen ohne Schubladen nicht geht. Denn wir müssen uns nun mal Bilder von der Welt und ihren Inhalten machen. Und die können immer nur begrenzt und subjektiv sein. Anders geht es einfach nicht. Aber das Tolle ist doch, dass diese unsere Bilder immer nur ‚Arbeitshypothesen‘ sind und ständig geändert und modifiziert werden dürfen. So bleibt nichts statisch, sondern alles ist ständig in Bewegung und in Veränderung. So bleibt das Lebens spontan, bunt und ständig voller Überraschungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s