Abseits ist, wenn der Schiri pfeift

Vor drei Jahren hatte ich die große Ehre zu Beginn meiner Slam“karriere“ bei Slam the WM, einer Veranstaltung speziell zur Frauenfußball-WM teilzunehmen. Ich schrieb über Public Viewing und warum ich mit Fußball eigentlich nichts anfangen kann. Das ist bis heute so und wird sich wohl nicht so schnell ändern. Dieses Jahr halte ich mich einfach ganz davon fern, das ist einfach nichts für mich. Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Zujubeln und Bier trinken. Ich mach nur das mit dem Bier trinken, das geht auch ganz gut ohne Fußball.

687682_web_R_B_by_Rudolpho Duba_pixelio.de
Es riecht nach einer Mischung aus figuranalem Fuck, Dixiklos, Alkoholleichen, Schweiß, Zigarettenrauch und Bratfett. Eine weiß-schwarz-rot-goldene Menschenmasse bewegt sich lautstark vor mir und bewegt mich mit, ob ich will oder nicht. Überall um mich herum Tröten, brüllende Menschen, die wahrscheinlich nur so laut brüllen, weil sie schon längst taub von den Vuvuzelas sind. Ein Kleinstadt-DJ spielt schlechte Technomusik, bei der ich nicht weiß ob ich sie in die Kategorie „Scheiße“, „Richtig scheiße“ oder „Ballermannhits“ einordnen soll.

Ja richtig, ich bin beim Public Viewing. Wobei der Begriff an sich schon falsch ist, denn eigentlich bedeutet Public Viewing nichts anderes als das öffentliche Zuschaustellen eines zu Tode gekommenen Menschen, ohne Ausweispapiere. Irgendjemand könnte ihn ja kennen. Auch, wenn ich da jetzt lieber wäre, ich bin bei dem Public Viewing mit Fußball und kleiner Leinwand und viel zu viel betrunkenen Menschen.

Erfolglos versuche ich mich an meine Freunde zu halten, die sich einen Weg nach vorne bahnen. Doch urplötzlich steht vor mir ein Zweimeterriese, eine Art Bodybuilder der eine überdimensionale Fahne hochhält und dabei irritierenderweise mit dem Hintern wackelnd „Schland, oh Schland“ singt. Rechts neben mir ist ein hagerer, kleiner Mann mit roten Haaren der mir die ganze Zeit ADHs-mäßig zuzwinkert. Links neben mir ein sich abschlabberndes Pärchen mit Deutschlandflaggenherzen. WIE SÜSS! Ich möchte fliehen und drehe mich um. Eine Horde betrunkener Halbstarker scheint mich zu umzingeln. Ich bin gefangen. Dankbar nehme ich das Bier entgegen, das mir irgendjemand von der Seite her zustreckt und atme tief durch. Bald fängt das Spiel an. Ich seh zwar nichts, aber wie haben meine Freunde so schön gesagt „Es kommt ja nicht aufs Spiel an, nur auf die tolle Stimmung.“. Ich spüre keine tolle Stimmung. Ich habe keine Ahnung von Fußball. Was mach ich hier?

Die Menge zählt von 10 runter, es geht also los. Bei der Nationalhymne glaube ich den Riesen vor mir Weinen zu sehen, das Pärchen links hat noch nicht mitbekommen, dass es beginnt und der dauerzwinkernde Kobold kommt beängstigenderweise immer näher. Ich hoffe inständig, dass kein Tor fällt, denn ich wollte keine fremden Menschen umarmen.
Es kommt der Anpfiff. Ich schreie laut „Eeeeeeeh, Abseits!“, weil ich mal gelesen habe, dass Abseits ist, wenn der Schiri pfeift. Ist wohl doch nicht so, die Menschen in einem Umkreis von drei Metern schauen mich entsetzt an. Ich möchte wieder fliehen, doch das Rudel Halbstarker versperrt mir immer noch den Weg. Ich habe das Gefühl, dass mein persönlicher Weltuntergang gerade anfängt.

Die erste Halbzeit überlebe ich indem ich das Verhalten der Halbaffen um mich herum Jane-Goodall-mäßig beobachte und anschließend kopiere. Ich prolete rum, wenn sie rumproleten und singe diverse Fußballslogans oder wie auch immer die heißen mit (wie z.B. „Du kannst nach Hause gehen.“), aber das singe ich nur mit, weil ich da hin will, schreie nur noch „Eeeh, Abseits!“, wenn es die anderen auch tun, und buh halt mal irgendwen aus, den ich nicht sehe, weil die Leinwand in der Größe eines großen Flachbildschirms gefühlte 200 Meter von mir entfernt steht und schreie laut  Tooooor und sage so Sachen wie „Jaja, ein gaaaaanz toller Spielzug.“.

Es ist endlich Halbzeitpause. Ich frage mich gerade, was ich eigentlich die letzten 45 Minuten gemacht habe, da dreht sich der Riese vor mir um und mit ihm die ganze Menschenmasse, die mich Richtung Bierwagen schiebt. Die Verkäufer in eben jenem sehen für einen Moment aus wie Rehe, kurz bevor sie von einem Lastwagen überrollt werden, fangen sich aber erstaunlich schnell wieder.
Ich schließe die Augen, lasse mich treiben und finde es auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Ob das jetzt an dem vierten Bier in meiner Hand liegt oder aber an der grandiosen Stimmung, ich fange an mich wohlzufühlen.

Bei der zweiten Halbzeit bin ich voll dabei. Das Proleten fällt mir gar nicht mehr schwer, mittlerweile kann ich auch ganz gut an den Geräuschen abschätzen, was denn jetzt genau auf der Leinwand passiert ist und die Leute um mich herum umarme ich voller Inbrunst, nur weil ein Tor für Deutschland gefallen ist. Dass die so riechen, als hätten sie sich mit nassem Hund eingerieben, ist mir total egal, denn Fußball ist geil, die Stimmung ist geil, absolut alles ist geil!

Am nächsten Tag mache ich voll fieberhafter Begeisterung den Fernseher an. Ich will das Spiel sehen. Nach 5 Minuten schalte ich den Fernseher wieder aus und frage mich, was genau mich gestern daran begeistert hat und schiebe alles auf das Bier. Fußball ist und bleibt ein Geheimnis für mich.

Advertisements

2 Gedanken zu “Abseits ist, wenn der Schiri pfeift

  1. Schön geschrieben! Beim Lesen musste ich auch etwas schmunzeln. Es hat mich etwas an mich selbst erinnert. Vor vielen Jahren konnte ich mit Fussball überhaupt aber auch so gar nichts anfangen. Wenn mir da einer erzählt hätte, dass ich irgendwann mal einen Blog schreibe in dem es hauptsächlich darum geht, dem hätte ich einen Vogel gezeigt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s