Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

„Ich bin echt erstaunt, dass du mit deinem Gewicht die Übungen so gut ausgeführt hast. Auch so im Vergleich mit den anderen hier. Weiter so!“, sagte das Mädchen nach dem Bauch-Beine-Po-Kurs zu mir und zeigte ihr schönstes Zahnpastawerbelächeln. Mir sind allerdings die Gesichtszüge entglitten. Klar, das war sicherlich nett gemeint, ich möchte ihr nichts böses unterstellen. Aber das ist kein Kompliment. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, sang schon Kettcar, und hier ist ihr vermeintliches Kompliment voll nach hinten losgegangen.

1. Sie kennt mein Gewicht nicht. Sie weiß nicht, dass ich bereits 7 Kilo und eine Kleidergröße losgeworden bin und dass ich mich nicht mehr als unsportliches, fettes Wabbelding wahrnehme, sondern als einigermaßen sportliche, nur noch leicht übergewichtige Frau sehe. Es steht ihr auch gar nicht zu, über mein Gewicht zu urteilen. Ob es theoretisch zu viel oder zu wenig ist. Ob es damit eine besondere Leistung ist, wenn man Sportübungen gut macht. Das ist mein Körper, mein Körperempfinden und durch solche Aussagen fühle ich mich für ein paar Momente wieder fett, unbeweglich und fehl am Platz. Und dieses Denken habe ich eigentlich nicht mehr und dafür bin ich sehr dankbar.

2. Sie weiß nicht, dass ich seit Februar mindestens dreimal in der Woche, meistens öfter, Sport mache. Allein diese Woche sind es schon fast 5 Stunden. Mein Körperfettanteil ist laut meiner Analysewaage (die natürlich nicht ganz genau ist, aber durchaus eine Tendenz zeigt) um 6% gesunken, mein Muskelanteil hingegen ist um etwa 2% gestiegen. Ich kenne mittlerweile alle Übungen aus dem Kurs, klar kann ich die ausführen. Ich kann die sogar gut ausführen, ich bin ja nicht das erste Mal da. Der Trainer kennt mittlerweile meinen Namen.

3. Klar, da ist noch genug Fett an mir. Aber unter dem Fett sind Muskeln. Nur weil ich nicht superdefiniert aussehe, heißt das nicht, dass ich nur aus Fett bestehe. Ich habe Kraft aufgebaut und hart an mir gearbeitet, da bin ich stolz drauf. An Liebsten hätte ich ihr dieses krasse Video, von der Pole Dance Frau aus England gezeigt.

4. Mir ist gleich aufgefallen, dass die anderen Mädchen im Kurs alle dünner sind als ich. Das ist nun mal offensichtlich. Deren körperliche Statur sagt aber ebenfalls nichts über ihre sportliche Leistungsfähigkeit aus. Und ich vergleiche mich nicht mit anderen. Ich geh da für mich hin, konzentriere mich auf mich und die Übungen und schau nicht in der Sporthalle rum, wer welche Übungen wie gut macht. Seit ich mich nur noch mit mir vergleiche (also meistens, es gibt Tage, da funktioniert das auch nicht) geht es mir besser. Wie viel Sekunden kann ich den Unterarmstütz länger halten? Hab ich heute mehr Liegestützen als das letzte Mal geschafft? Schaff ich es, heute Intervalle von 10 Minuten zu laufen? (Nachdem ich Anfang Juni nach einer Minute schon tot war.)

Was ich sagen will: Komplimente sind eine schwierige Sache. Sie können so formuliert einfach falsch beim Empfänger ankommen. Sie hätte stattdessen ja auch einfach „Hey, mir ist aufgefallen, dass du die Übungen gut ausgeführt hast“ sagen können. Ich als Mensch. Einfach so. Und die Sache mit dem Gewicht hätte sie einfach ganz weg lassen können und es nicht betonen müssen. Weil es meine Leistung doch nicht besser oder schlechter macht, wenn ich ein paar Kilo mehr habe. Weil ich mehr bin, als mein Gewicht. Weil ich mehr bin, als das, was man auf den ersten Blick sieht. Und weil ich es verdammt nochmal satt habe, dass man zuerst mein Gewicht an mir sieht und erst dann auf den Rest schaut.

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14 Gedanken zu “Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

      1. Wow… ich dachte es müsse om Kursleiter kommen weil dieses „Weiter so!“ und die Beurteilung irgendwie so Lehrermäßig klang. Aber wenn sie auch bloß eine Teilnehmerin ist finde ich es echt ziemlich anmaßend überhaupt auf diese Art zu loben.

  1. Hey, ich finde den Text richtig gut und der spricht mir aus dem Herzen. Auch ich habe abgenommen (vor einem jahr wog ich 92 kg jetzt 60kg) und immer musste ich mir solche „Komplimente“ anhören, ohne das die Leute wissen, wie viel und wie hart ich mich angestrengt habe.

  2. „Es steht ihr auch gar nicht zu, über mein Gewicht zu urteilen. Ob es theoretisch zu viel oder zu wenig ist.“ Komplette Zustimmung!
    Die einzige Sache die ich zu bedenken geben will: Bauch-Beine-Po (also Eigengewichtsübungen) werden schwieriger (da anstrengender) wenn eines mehr wiegt.

    1. Danke! Da ich denselben Kurs auch schon mit 7 Kilo mehr besucht habe, weiß ich das. Es sind ja immerhin Eigengewichtsübungen, aber dadurch habe ich immerhin mehr Gewicht mit dem ich trainieren kann.

      1. Das bedeutet dann aber auch, dass Dir klar ist: Du leistest mehr als die leichteren Kursteilnehmer (bei gleicher Frequenz und Wiederholungsanzahl)

      2. Ich habe nochmals darüber nachgedacht und festgestellt, dass mein Blickwinkel aus dem (Leistungs)sport zu einseitig ist. Und Du schreibst ja auch „Und ich vergleiche mich nicht mit anderen“, was sicher der bessere Weg ist.
        (JFYI: Ich habe 18kg abgenommen, Hauptsächlich in dem ich wieder mit meinem Sport aus meiner Jugend angefangen habe, ohne Wettkampf könnte ich mich aber nicht dazu motivieren.)

  3. Ich weiss nicht mehr woher ich das habe, aber die Idee ist gut, „Man muss Lob auch einfach mal annehmen“.

    Du wurdest gelobt. Punkt. Stör Dich nicht an den Details, jemand wollte etwas nettes zu Dir sagen. Akzeptiere es als Lob, und freue Dich. Akzeptiere die gute Absicht. Es ist kein Schaden entstanden. Das ganze Ärgern über die Details ruiniert nur den Tag – oder auch mehrere. Völlig unnötig.

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