Fettleibigkeit ist schlimmer als Ebola

 

„Das ist aber schon ziemlich ungesund, was du da isst. Wolltest du nicht abnehmen?“, fragt mich meine Bekannte kurz bevor ich in den Big Jalapeno Cheeseburger meiner Lieblingsburgerbude beißen kann. Ich lasse die sich in freudiger Burgererwartungshaltung befindlichen Hände mitsamt Burger sinken.

„Da sind voll die ungesunden Fette drin. Und erst die bösen, leeren Kohlenhydrate in dem Burgerbrötchen da. Hast du eigentlich eine Ahnung, wie viel Kalorien da vor dir liegen?“

Nein, aber sie wird es mir bestimmt gleich verraten.

„Ich verrat’s dir. Bestimmt mehr als 1000. Mit den Pommes dazu hast du locker deinen Tagesbedarf an Kalorien gedeckt.“

Mein Bedarf an lebensvermiesenden Informationen ist auf jeden Fall gedeckt. Ich packe den Burger ein, irgendwie ist mir der Hunger vergangen. Sie verabschiedet sich, nicht ohne mir vorher eine Liste mit Links über Fitness, clean eating, low carb, Veganismus und Abnehmmotivation mit einem gut meinenden Lächeln in die Hand zu drücken, und schwebt in einem Kleidchen Größe 36 davon.

Auf dem Nachhauseweg drücke ich meinen Burger einem Obdachlosen in die Hand, doch selbst er schmeißt ihn weg, weil er nach 18 Uhr nichts mehr isst, das sei ungesund, hat er in der BILD gelesen, aus der er sich einen Hut gebastelt hat. Danach springt er auf, breitet seine Arme aus und schreit „Ich bin ein Flugzeug. Huuuuiiiiiiii.“und rennt weg.

Zuhause lande ich in einem Paralleluniversum: Fitnessblogs und deren Instagramfotos auf denen Frauen zwischen 18 und 25 pro Tag mindestens 3 Mahlzeiten mit den Hashtags #eatcleangetlean, #vitaminbombe, #eatforabs, #fitfood, #healthy, #superhealthy #superawesomehealthy und #fitness posten. Fünf bis sechsmal die Woche kommt dazu noch ein Foto ihres verschwitzten, aber breit grinsendem Gesicht und hochgehaltenen Daumen. „War gerade in der Gym. Man kann alles schaffen, wenn man es nur wirklich will.“ #eatcleantrainmean #trainhard #SweatIsFatCrying

Man könnte meinen an ihnen seien wahre Motivationsgurus verloren gegangen, doch würde ein Hashtag für alle Bilder reichen. #IchBinVielBesserAlsIhrBitchesBewundertMichUndMeineAusdauerAlterBinIchGeil Außerdem fehlt ein #heimlichesseichschokoladeaberdiefotografierichnichtihrnaivenopfer

Mich überfordert dieser ganze Ernährungs- und Fitnesswahn. Als Kind hab ich Nudeln gegessen. Irgendwann wurde daraus Pasta und heute isst man nur noch Kohlenhydrate. Menschen machen Kohlsuppendiäten und tragen währenddessen mehr zur Klimaerwärmung bei als Kühe. Wieder andere zählen Kalorien und verlieren jeden Spaß an Essen. Ernährungsprogramme wie Size Zero verbieten sogar bestimmtes Gemüse und Obst und streichen damit Kohlenhydrate komplett aus dem Programm.

Essen ist für mich ein leidenschaftlicher Genuss und gehört zur Lebensqualität dazu wie ein heißes Bad nach einem langen Tag, ein hervorragendes Buch und eine durchtanzte Nacht. Und manchmal schreit die Seele nach einem Burger. Oder nach Schokolade. Oder nach dem Peanut Butter Cup Eis von Ben & Jerry’s und einem guten Film. Oder eben nach frischem Spinat-Tomaten-Reis mit Fisch. Oder frischem Obst und Gemüse. Ausgewogene Ernährung bedeutet für mich auf meinen Körper zu achten und mir nicht alles im Leben zu verbieten. Ausgewogen leben heißt für mich Sport zu machen, aber auch mal einen Tag ohne schlechtes Gewissen im Bett zu liegen.

Ich bin leicht übergewichtig. Sagt die Waage, sagt der BMI, sagt die Modeindustrie, sagt der Arzt, sagen die Medien. Die sagen auch, das sei nicht in Ordnung so, jeder Mensch sollte Normalgewicht haben. Ich sage: Was zur Hölle ist normal? Und ich plädiere für eine Streichung des Wortes „normal“ aus unserem Wortschatz.

Fettleibigkeit ist die Volkskrankheit Nummer 1. Krankhafte Adipositas ist laut Massenmedien schlimmer als Ebola, Putin, Hitler und Schwiegermütter zusammen. (Ja, ich nenne Hitler und Schwiegermütter in einem Satz)

Die Zeitung „Die Welt“ titelte mit „Europas Kinder sind zu fett und zu faul“. Noch immer glauben Menschen, dass Übergewicht unabdingbar mit Faulheit zusammenhängt. Ich persönlich bin ja der Meinung, dass jeder Mensch an alles glauben darf. Zum Beispiel an Einhörner oder die eine große Liebe. Oder dass er sich nach letzter Nacht wirklich melden wird. Oder eben daran, dass alle Übergewichtigen auf dieser Welt faul sind. Daran glauben heißt jedoch nicht, dass es wahr ist oder jemals eintreten wird.

Spiegel Online veröffentlicht Artikel mit den Überschriften „Deutschland verfettet“ und postet auf Twitter „Wer mit Übergewichtigen isst, futtert selbst mehr. Vielleicht solltet ihr eure Verabredung noch mal überdenken“ mit der Verlinkung zu einem Artikel. Darauffolgend der vielversprechende Artikel über eine Frau, die in 7 Monaten 34 Kilo verlor. 3 Monate davon hat sie sich nur von Eiweißshakes ernährt. Applaus, Applaus, du hast dein Ziel schnell erreicht, aber dafür deinen Körper zerstört. Mit 900 Kalorien am Tag würde jeder abnehmen. Und seinen Stoffwechsel zerstören. Aber das interessiert in dem Fall nicht. Was zählt, ist der Erfolg. Der schnelle Erfolg.

Es gibt Diätwetten im Internet namens Diet Bet oder Fatbet. Menschen wetten mit Geld, dass sie in 4 Wochen einen bestimmten Prozentsatz an Gewicht verlieren und müssen dabei Fotos von sich und der Waage hochladen. Auf der einen Seite wird gegen Essstörungen gewettert und gekämpft, auf der anderen die Sucht nach der Zahl auf der Waage gefördert. Leckt mich doch.

Ich bin dagegen. Ich bin gegen Verteufelung des Übergewichts, gegen Schönheitsideale, gegen die Sucht nach der Zahl auf der Waage, gegen den BMI, gegen Body Shaming. Und gegen Ebola und Hitler, aber das ist eine andere Geschichte. Lasst uns den „Jojo“-Effekt vergessen und stattdessen den „YOLO“-Effekt einführen. Einfach mal ungesunde Dinge essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und mal drauf scheißen, was andere denken.

Ich bin leicht übergewichtig. Bevor ich in den letzten 9 Montagen keine 34, sondern 7 Kilo abgenommen habe war ich übergewichtig. Aber das ist ok. Denn ich bin auch schön. Und intelligent. Und kreativ. Und selbstbewusst. Und das kann mir kein aufgedrückter Stempel dieser Welt nehmen. Und jetzt geh ich erstmal Burger mit Süßkartoffeln essen.

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12 Gedanken zu “Fettleibigkeit ist schlimmer als Ebola

  1. Man zerstört seinen Stoffwechsel nicht. Weder mit 2000 Kalorien, noch mit 900, noch mit 0. Der Grundumsatz sinkt leicht ab wenn man nicht genug Protein isst und dadurch Muskeln abbaut, aber auch das ist dann kein „zerstörter Körper“ oder „kaputter Stoffwechsel“, sondern mit etwas Training und Protein reversibel.

    Nein, nicht jeder muss als oberste Priorität das Normalgewicht haben oder täglich Sport treiben und wasweißich tun um den Superkörper zu haben. Aber genauso falsch finde ich es, dieses „Oooooh, Abnehmen ist gefährlich und bei 900 Kalorien bist du quasisogutwietot und hastdeinenkörpertotalkaputtgemacht“ zu verbreiten. Wenn jemand auf die Art abnehmen will und das auf sinnvolle Art tut (regelmäßige Bluttests, ausreichen Protein und Vitamin) ist es gesund. Wenn ers auf nicht sinnvolle Art tut, dann ist es genausowenig die Sache von anderen, das zu verurteilen wie es die Sache anderer ist, ob du einen Burger isst oder nicht.

    1. Es geht mir nicht darum, das zu verurteilen. Es geht um ein Statement. Und wenn große Zeitschriften wie der Spiegel solche Abnehmerfolge an die große Glocke hängen wird es viele Nachahmer geben, die das eben so nachmachen ohne sich groß zu informieren. Und bei denen dann der Jojo-Effekt eintritt, weil sie sich nicht genau eingelesen haben. Das kann ich nicht befürworten. Ich selbst nehme langsam ab und habe von vielen, die so schnell angenommen haben, gehört, dass es nicht gesund ist. Nirgendwo im obigen Text mache ich eine Aussage „Ooooooh, abnehmen ist gefährlich“. Genau lesen hilft.

    2. Also ich habe meinen Körper ziemlich zerstört, als ich monatelang weniger als 900 kcal zu mir genommen habe. Es hat ewig gedauert, bis ich einigermaßen normal essen konnte, ohne gleich zuzunehmen.

  2. Sehr guter Artikel. Und immer dran denken: Frauen mit leicht erhöhtem BMI sind Adam gesündesten und haben die höchste Lebenserwartung :)

  3. „Mich überfordert dieser ganze Ernährungs- und Fitnesswahn. Als Kind hab ich Nudeln gegessen. Irgendwann wurde daraus Pasta und heute isst man nur noch Kohlenhydrate.“

    Schön auf den Punkt gebracht!! Es nervt mich einfach, dass Essen nicht mehr Essen ist, sondern ne Art Lifestyle. Ich möchte einfach genießen dürfen und Spazieren gehen (nicht walken) und nicht immer überlegen müssen, ob ich jetzt alles richtig mache und was ich der Gesellschaft koste und welches Gesundheitsschwein gerade wieder durch die Medien getrieben wird und was ich nun glauben soll.
    Ich glaube, dass Genuss und Muße an sich gesünder sind, als jegliche Diät oder viel Sport.

  4. Hallo Marsha,

    ich hab dich im Sommer mal auf einem Poetry Slam gesehen und über Heldenstadt zufällig deinen Blog gefunden. Als ich gerade deinen Artikel gelesen habe, hab ich mir richtig vorstellen können, wie du ihn live vorträgst. Und das nachdem ich dich nur einmal gehört habe, ich finde das spricht sehr für dich und deinen Stil! :-)
    Den Inhalt des Textes finde ich auch sehr gut und da ich in den letzten Monaten ebenfalls abgenommen habe, hat er mich natürlich auch sehr angesprochen und zum schmunzeln gebracht.

    Liebe Grüße
    Anna

    1. Hey Anna,

      das ist ja lustig! Danke für den Kommentar. :)
      Heute Abend werde ich ihn wahrscheinlich live vortragen, mir persönlich ist der Text sehr wichtig. Sag doch mal hallo, wenn du mal wieder auf nem Slam bist, auf dem ich auch bin!

      Liebe Grüße,
      Marsha

  5. Du hast da viel Wahres gesagt. Ich persönlich habe beide Seiten erlebt: Hohes Übergewicht und Normalgewicht. Insofern kann ich das sehr gut nachvollziehen. Genuss ist unheimlich wichtig und der darf auch gerne mal ungezügelt sein, weil es eben glücklich macht.
    Ich habe über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich abgenommen mit der Methode „Pass auf dich auf, belohn dich aber auch mal“. Das hat super funktioniert und wenn ich heute einen großen Nudelteller esse, dann sind mir die Blicke Anderer egal, weil ich meinen Weg gefunden habe.
    Abgesehen von der gesamten Thematik: Schöner Schreibstil!

  6. Ich finde den Artikel sehr gut geschrieben und verstehe ihn als ein wichtiges Statement. Ich möchte aber gern kurz auf eine andere Seite hinweisen. Wie du selbst schon schreibst, kann man es gar nicht richtig machen. Ich bin schlank, 50 – 52 Kilo, als ich noch rauchte konsequent 48. Aber ich habe dafür nie was gemacht. Ich habe ungesund gegessen und ich habe gesund gegessen, mal so mal so. Und ich habe habe immer so viel gegessen, wie viel ich wollte.
    Wenn dann Leute ankommen und einem ständig erzählen, man müsse mehr essen, man sei zu dünn, dann verdirbt das einem sowohl den Appetit als auch die Stimmung.
    Aber es gibt Menschen, die machen das taktvoll und in Maßen. Diese Menschen sind in der Regel unsere Lieben, und sie machen sich, ob berechtigt oder nicht, Sorgen um uns.
    Die Medien geben ein Idealbild vor, dem keiner entsprechen kann. Gleichzeitig streben trotzdem viele danach. Wir Menschen haben verlernt, was natürlich ist, was unseren Körper ausmacht, wie die Natur sich das alles gedacht hat.
    Was mich wirklich wundert, ist die Tatsache, dass wir immernoch Hungehaken als Models haben, dass die Kleidung dieser Labels immernoch Absatz findet, dass Zeitschriften, die vorgeben, auf der Seite von Frauen zu stehen („Freundin“ -haha) die Bilder dieser Shows immernoch drucken und auf der nächsten Seiten einen Artikel über Magersucht bringen, und dass diese Zeitschriften tatsächlich noch gekauft werden!
    Wer nährt dieses Irrsinn? Möglicherweise doch wir?
    Ich lese deinen Blog sehr gerne und freue mich immer, wenn du was schreibst. Morgen gibts Kartoffelpuffer!

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