Wie mir das Internet half, meine Schönheit zu erkennen

Vor fast vier Jahren eröffnete ich einen Twitteraccount. Weil mir unendlich langweilig war, weil ich meine Abilernerei prokrastinieren musste und ich es als Herausforderung sah Gedanken in 140 Zeichen zu fassen.

Seitdem beschlossen 2283 Follower (Zahl schwankend) mir zu folgen und meine täglichen Ergüsse zu lesen. Ich habe gute Freunde auf Twitter gefunden, überall in Deutschland verteilt und ich möchte keinen mehr davon missen. Mein Twitteraccount ist nicht Spiegel meiner selbst, viele Dinge stelle ich verzerrt oder komischer dar als sie tatsächlich waren, aber genau das macht für mich den Reiz aus. Es gibt immer wieder neue Dinge zu entdecken, neue, kreative Menschen und Ideen und ich mag das. Ich gestehe, ich bin ein großes Opfer der sozialen Netzwerke, aber ich stehe dazu die tollen Chancen zu nutzen, die uns das Internet bietet. Denn das Internet hat mehr zu bieten als 9gag, Katzenvideos und Spiegel Online.

Das Internet hat mir geholfen mich schön zu finden. Mich als wertvoll zu erkennen. Irgendwann fing ich an diese in den Medien verpöhnten Selfies zu posten, seitdem sich mein Körper verändert sogar noch mehr. Und plötzlich schrieben mir völlig fremde Leute, wie schön ich aussähe. Wie faszinierend meine Augen sind. Meine vollen Lippen wurden beneidet. Ich fing an, mich genauer im Spiegel anzuschauen und konzentrierte mich statt auf Dellen im Oberschenkel, das Doppelkinn oder den dicken Bauch auf meine Augen, meine Wuschelhaare, meine Lippen. Ich fing an zu strahlen. Von innen. Weil ich an mir sah, was völlig Fremde an mir sahen. Und wurde durch die innere Zufriedenheit noch schöner.

Bis dahin war ich in der Schule nur die Dicke gewesen. Ich hatte Freunde, gute Freunde, so ist es nicht, ich war kein Außenseiter. Ich war engagiert, war mit Freunden unterwegs, ab und zu mal tanzen, was man auf dem Dorf eben so machen konnte. Aber ich hatte, bis ich 19 Jahre alt war, keine Beziehung. Keinen festen Freund. Ich sah immer nur den anderen zu, wie sie sich glücklich verliebten. Ob es war, weil ich unattraktiv war oder mich einfach nur so fühlte, wenn ich die Blicke der anderen, meiner Meinung nach sehr hübschen und attraktiven, Mädchen sah, weiß ich nicht. Wahrscheinlich eine Kombination von beidem. Und nachdem ich mir schon in der achten Klasse von Jungs aus einer höheren Klasse anhören musste, wie komisch ich doch wäre, wie hässlich und sowieso viel zu dick, fing ich an mich zu verstecken.

Doch irgendwann eben nicht mehr. Ich war es leid. Und wenn da völlig Fremde Schönheit in mir sahen, wieso dann nicht ich selbst? Ich verliebte mich das erste Mal intensiv und das erste Mal wurde es erwidert. Indien kam dazwischen, aber auch dort hörte ich täglich, wie schön ich doch sei. Quasi täglich steigerte sich mein Selbstbewusstsein. Wessen Selbstbewusstsein würde sich bei einem Heiratsantrag pro Tag nicht immens steigern?

Nach Indien fühlte ich mich wieder fett, ich hatte acht Kilo zugenommen (Geiles indisches Essen ist geil) und fühlte mich wie ein Monstrum. Doch ich habe viel gelesen. Über Body Acceptance. Über das sich selbst lieben. In Blogs und bei anderen Twitteraccounts. Und arbeitete an mir. Es kamen auch immer mehr Follower dazu und je mehr Selfies ich postete, desto mehr positive Rückmeldungen kamen. Nicht einmal schrieb jemand „Gott, bist du hässlich.“. Und da fragte ich mich: Wieso kann es in der „normalen“ Welt, in der „echten“ Welt außerhalb des Internets nicht auch so sein? Menschen sollten sich täglich mit Komplimenten überschütten und mal diese ganze negative Scheiße weglassen. Besonders die Reaktionen auf die Fotos, die bei meinem ersten Fotoshooting entstanden sind, pushten mich nochmal so richtig. Allein die Tatsache dass ich mich vor die Kamera traute zeigt, dass ich mich nicht mehr verstecken möchte.

Ich habe Tage, an denen ich mich wie damals in der Schule fühle. Fett, hässlich, komisch, unbeliebt. Doch die guten Tage überwiegen. Die Tage an denen ich mich fucking awesome finde. An denen ich mich selbst im Spiegel anstrahle und mir selbst auf der Straße hinterher gucken würde. An denen ich in Unterwäsche durch die Wohnung tanze und mich attraktiv finde. Mit meinen Fettpölsterchen, meinen komischen Nägeln, meinen Dellen. Weil ich dank fremder Menschen im Internet meine Schönheit erkannt habe. Und gelernt habe, dass es mehr als ok ist dick zu sein und sich auch dafür zu mögen. Dass jede Körperform ihre Daseinsberechtigung hat und mir niemand zu sagen hat, wie ich auszusehen habe.

Obwohl ich schon einmal darüber geschrieben habe, möchte ich euch „effyourbeautystandards“ von Tess Munster ans Herz legen. Der Fokus liegt hauptsächlich darauf, dass sich auch übergewichtige Frauen lieben dürfen und sollen. Doch es geht allgemein darum, dass jeder Körper so wundervoll ist wie er eben ist. Mir hilft es täglich, mich daran zu erinnern, dass ich wunderschön bin. Dass mein Körper großartig ist. Dass ich einen Scheiß drauf geben kann, was gesellschaftlich anerkannt ist. Und ich bewundere die Frauen, die ihre Fotos mitsamt ihren „Makel“ auf Instagram posten und stolz sind. So weit bin ich noch nicht. Ich habe eine Hemmschwelle, weil ich doch zu viele persönlich kenne und mich bisher nur ein paar Leute so sehen dürfen. Aber vielleicht ich bin auf dem Weg dahin. Vielleicht auch nicht. Und auch das ist ok. Mein Körper, meine Regeln.

Es erscheint Außenstehenden vielleicht seltsam Bilder von sich ins Internet zu stellen. Selbstverliebtheit scheint in unserer Gesellschaft als etwas schlechtes zu gelten, zumindest empfinde ich es so. Ich möchte euch aber zu etwas aufrufen: LIEBT EUCH SELBST SO HART IHR KÖNNT! (Ok, hart klingt jetzt zweideutig, das ist kein Aufruf zur Masturbation) Liebt euch mit jeder Delle, jedem knubbeligen Knie, liebt jedes Fettröllchen, liebt euren knochigen Körperbau, liebt eure Dehnungsstreifen, liebt eure große Nase, liebt jedes fucking Detail an euch. Euch gibt es nur einmal, ihr lebt nur einmal, warum solltet ihr dieses Leben damit verbringen euch selbst zu hassen und zu verabscheuen? Nur weil die Gesellschaft euch sagt, ihr seid nicht gut genug so wie ihr seid? Fick die Gesellschaft, liebt euch selbst. Ihr seid mehr als ok. Ihr seid awesome, liebenswert, heiß, bewundernswert, faszinierend, WUNDERSCHÖN! Und jetzt geht zum nächsten Spiegel und sagt euch, wie wunderschön ihr seid. Denn das seid ihr. Vom kleinen Zeh bis zur Haarspitze. Von oben bis unten. Im Gesamtpaket.

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19 Gedanken zu “Wie mir das Internet half, meine Schönheit zu erkennen

  1. Toller Text. Werde gleich erstmal liebevoll meine Dellen am Oberschenkel streicheln. ;)

    Ich finde übrigens, dass das, was Menschen schön macht, die Ausstrahlung ist. Und da kommt es nicht auf die Körperform, die Beschaffenheit der Nase oder das Bindegewebe an, sondern „einfach nur“ darauf, wie zufrieden ein Mensch mit sich selbst ist.

  2. Erst gestern gab mir wieder mal jemand das Gefühl, ich müsse mich für die Kilos, die ich in den letzten Monaten zugenommen habe, irgendwie rechtfertigen. Dieser jemand redete mit mir, als hätte ich so, wie ich jetzt bin, keine Existenzberechtigung mehr.

    Und dann lese ich diesen wundervollen Text von dir, den ich gerade heute sehr brauche. Deine Worte tun so gut.
    Vielen Dank dafür, wirklich.

    1. Du musst dich niemals nie für deinen Körper rechtfertigen. Niemand hat das Recht, deinen Körper zu kommentieren. Da freut es mich umso mehr, dass dir dieser Text so gut getan hat. Unter anderem hab ich ihn dafür geschrieben.

  3. Hat dies auf fuerhilde rebloggt und kommentierte:
    „Ich habe Tage, an denen ich mich wie damals in der Schule fühle. Fett, hässlich, komisch, unbeliebt. Doch die guten Tage überwiegen. Die Tage an denen ich mich fucking awesome finde. An denen ich mich selbst im Spiegel anstrahle und mir selbst auf der Straße hinterher gucken würde.“

  4. Toller Beitrag, besonders: „Fick die Gesellschaft, liebt euch selbst. Ihr seid mehr als ok. “ gefällt mir sehr gut ;)))
    Danke, mal ein anderer Blickwinkel auf das von Internet. In meinem Familiären Umfeld heißt es nur: „Das kack Internet“ – also so kacke ist das doch gar nicht ;D
    Liebe Grüße

  5. Oh, toll, dein Text. Und ja, ich finde deine Bilder echt schön. Meistens sind ja die Menschen in echt viel schöner als auf Bildern (ich zum Beispiel) und so stelle ich mir dich ebenfalls in echt noch schöner vor.
    Die Liebe zu sich selbst soll aber nicht am Körper stehen bleiben. Ich übe, jedes Ding an mir, jeden Gedanken, jede Regung, jeden Tic, jede Ungeduld an mir zu lieben.
    Auf eine heilere Menschheit.
    Hinter der Selbstverliebtheit wartet echte Selbstliebe.

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