Nächste Haltestelle

In öffentlichen Verkehrsmitteln herrschen ganz eigene Regeln. Alten Menschen und Schwangeren wird der Sitzplatz angeboten. Blickkontakt wird vermieden. Andere Menschen bestmöglichst ignoriert. Doch ich sitze gerne in Straßenbahnen und stelle mir die Geschichten hinter den Menschen vor. Ein paar Auszüge.

„Nächste Haltestelle: Hoffnung.“

Ein Vater fährt mit seinem Sohn zum Zoo. Er hat schütteres Haar, eine lange Hakennase, eine Brille, die ihm ständig runterrutscht, einen ungepflegten Bart und liebevolle braune Augen. Eigentlich fühlt er sich viel zu alt, um Vater eines Dreijährigen zu sein, doch da sitzt er mit seinem eigenen kleinen menschlichen Wunder. Sein Sohn drückt sich die Nase an der Fensterscheibe der Straßenbahn platt, die Wangen rot vor lauter Aufregung. Er liebt es, mit der Straßenbahn zu fahren. Die Welt draußen rauscht an ihm vorbei und es gibt noch so viel zu sehen, was er noch nie gesehen hat. Wenn er viel Glück hat, sieht er heute vielleicht sogar ein echte Polizeiauto, oder sogar noch besser, einen Feuerwehrwagen. Draußen ist Winter, hier drin aber ist Sommer, so hoch ist die Heizung eingestellt. Es ist warm und er durfte die verhasste Mütze absetzen, die ihm immer so auf den Kopf drückt und von der er Kopfschmerzen kriegt. Seine braunen Haare stehen in alle Richtungen ab und scheinen so elektrisiert wie er. Er pustet die Scheibe an und freut sich, weil sie beschlägt, als wäre er ein Zauberer, der die Fensterscheibe komplett verwandeln könnte.

„Freust du dich auf den Zoo?“, fragt der Vater den Sohn und streicht ihm dabei die Haare aus dem Gesicht.

„Ich will lieber Straßenbahn fahren.“

„Aber freust du dich denn nicht auf eins der größten Tiere auf dieser Welt? Die gibt’s nämlich im Zoo.“ Er meinte Giraffen, aber an die dachte der Dreijährige natürlich nicht.

„IM ZOO GIBT’S DINOSAURIER?“, rief der Kleine aufgeregt aus. Die Augen leuchteten vor Aufregung. Draußen fuhr ein Feuerwehrwagen vorbei, doch den sah er gar nicht mehr. Sein Blick war voller Hoffnung auf den Vater gerichtet.

Später musste er lernen, dass Dinosaurier schon lange ausgestorben waren und Pinguine stinken. Wäre er doch mal lieber den ganzen Tag in der Straßenbahn geblieben, wo die Zeit sich langsamer dreht und Scheiben beschlagen.

„Nächste Haltestelle: Sehnsucht.“

Es riecht nach Bier. Zu jeder Uhrzeit riecht es in der Straßenbahn nach Bier, Urin und figuranalem Fuck. Parfümierte Menschen rümpfen die Nasen, wenn andere Menschen bereits um 8 Uhr morgens die Bahn mit einem schönen Sterni in der Hand betreten. Wenn alle mal ein bisschen ehrlicher wären, würden sie zugeben, dass das Naserümpfen für puren Neid steht. Wer würde denn nicht mal schon gerne morgens ein kühles Bier trinken, anstatt zur Arbeit zu fahren, um dort die Zeit bis zur Mittagspause und dann bis zum Feierabend abzusitzen. Und vielleicht kommen ein paar der biertrinkenden Menschen ja gerade von der Nachtschicht und wollen sich ein Feierabendbier auf dem Nachhauseweg gönnen. Oder sie haben nichts anderes mehr. Oder es macht einfach Spaß, sich morgens mit einem Bier in die Straßenbahn zu setzen und zu provozieren. All die steifen Anzugträger und Rentnerinnen, die mit ihrem Wägelchen auf dem Weg zu Aldi oder Lidl sind, um sich am schnellsten um die Schlüpper für 3,99€ zu prügeln, und all die Mütter mit ihren moralischen Werten, die ihren Kindern leise zuflüstern, dass Alkohol böse sei, obwohl ihr Kind in einem Rauschzustand gezeugt worden ist, und die spießigen Mittdreißigerinnen, die jeden Abend ein Gläschen Rotwein allein auf der Couch trinken, da ist ja nichts dabei, das ist sogar gesund, stand letztens sogar im Spiegel Online, jaja. Es gibt nichts Ehrlicheres als einen Menschen, der sich morgens mit einem Sterni in die volle Straßenbahn setzt und einfach zeigt, dass er gerne trinkt.

„Nächste Haltestelle: Happy End. Endstation. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen.“

Sie, Anfang 20, glatte blondgefärbte lange Haare, volle Lippen, große grüne Augen, lange Beine in enger Jeans und einem dunkelgrauen Mantel von Prada sitzt in der Straßenbahn Richtung Unicampus. Sie studiert BWL und das nicht wirklich gerne. Aber immerhin muss sie dann keine blöden Fragen à la „Und was macht man dann damit?“ beantworten. Auf den Sitzen neben ihr hat sie sorgfältig ihre Accessoires drapiert. Rechts von ihr eine Tasche von Louis Vuitton, die große, die ihr ihr Papa zum zweiten Semester geschenkt hat, in die auch ihre Uniordner passen, links von ihr ihr Freund. Groß, muskulös gebaut, kantiges Kinn, markante Nase, glattrasiert, blaue Augen, die vollen Haare zur perfekten Frisur getrimmt, sitzt er breitbeinig da. Ein optisches Traumpaar. Wie für Hollywood gemacht. Seine rechte Hand hält gewissenhaft ihre linke, während seine linke Hand sein iPhone hält und ihre rechte Hand ihr iPhone. Er wischt wahllos über das Display, sie postet noch schnell ihr Porridge mit Himbeeren und Chiasamen bei Instagram, das sie heute Morgen extra auf dem Fensterbrett fotografiert hat, weil da das Licht besser ist, zehntausend Follower wollen ja auch regelmäßig mit qualitativ hochwertigen Bildern versorgt werden. Danach schießt sie noch ein Foto davon, wie seine Hand wie ein toter Fisch auf ihrer liegt, packt ein paar Filter darauf und postet es schließlich mit dem Kommentar „So in love with this guy <3“, während er davon nichts mitbekommt und weiterhin Angry Birds spielt. Sie bemerkt nicht, dass er es nicht merkt, denn Facebookposts schreiben sich nicht von allein. Er knackt seinen Highscore und schaut kurz freudig lächelnd auf. Sie lächelt zurück, er gibt ihr einen Kuss, wie einstudiert, schließlich erwartet sie das von ihm, so macht man das als Traumpaar. Später nimmt sie ihre Tasche und geht, nicht ohne ihm ein trockenes „Ich liebe dich“ entgegen zu hauchen, und er fährt alleine weiter.

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2 Gedanken zu “Nächste Haltestelle

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