2015 | Woche 9-12

Aufmerksamen Lesern ist es wahrscheinlich bereits aufgefallen: Der Wochenrückblick ist plötzlich verschwunden! Doch das hat seine Gründe. Die letzten vier Wochen hatte ich ein Praktikum an einer Schule für Erziehungshilfe und das hat einfach so viel mehr Zeit in Anspruch genommen als zuvor gedacht, dass ich beschlossen habe einen großen Praktikumsrückblick zu schreiben und ab nächsten Montag wieder mit den Wochenberichten anzufangen. (Nachtrag: So groß ist er jetzt gar nicht geworden, aber es ist eine andere Art der Reflexion als ich sie für die Prüfungsleistung machen muss.)

Gelernt: So unendlich viel. Hauptsächlich, dass Eltern komische Wesen sind, die irgendwo zwischen Realität und Traumwelt stecken geblieben sind. „Nein, zu Hause ist mein Junge ganz brav und widerspricht mir nie und sowieso ist das nur ein Schulproblem. Was? Natürlich schläft er gut, vielleicht ist er nur so müde, weil er im Wachstum ist.“ 

Manche Eltern sind auch einfach nur scheiße. Bei ein paar Akten der Kinder stiegen mir die Tränen in die Augen. Umsonst sind Kinder halt auch nicht an der Schule.

Außerdem: Kinder sind unberechenbare, kleine Feenmonster. Im einen Moment umarmen sie dich und schauen dich mit Rehaugen an, im nächsten schreien die Siebenjährigen „Du behinderte Hurenschlampe!“ durch den Raum. Man gewöhnt sich daran. Als ein Schüler, der alle nur als „Schwanzlutscher“ beschimpfte in Woche 3 plötzliche alle als „Fotzenlecker“ anschrie, sah ich das einfach positiv: Als Erweiterung des Wortschatzes. Und sogar ein bisschen gendergerecht.

Unterrichten ist anstrengend, mit Kindern arbeiten auch, aber auch unheimlich schön. Und irgendwie kann ich das doch ziemlich gut, der Eindruck wurde mir auch von meinen Mentoren bestätigt. Und Schulen für Erziehungshilfe sind so viel schöner und toller als ihr Ruf. Wo sonst kann man sich in einem Lehrerteam bei Klassengrößen von ~10 Kindern komplett auf die Kinder einlassen und wirklich ihre Stärken fördern?

Oh. Und das Lehrerzimmer ist ein nie endender Kaffee- und Kuchenquell, irgendwas gibt es dort immer zu essen.


2015-03-18 14.16.14 Gemacht
: 30 Anwesenheitsstunden mehr als vom Insititut gefordert, 16 Unterrichtsstunden, früh aufgestanden, viel gelacht, das erste Mal alleine Unterricht geplant. Unter anderem habe ich Marienkäfer und einen Kalender mit den SchülerInnen gebastelt. Außerdem durfte ich der Schulband lauschen und ihm Rahmen der Aktion „Putz deine Stadt raus“ mit den Kindern Müll sammeln. Krasseste Funde: Schuhe, Unterhosen, ein paar volle Kondome, eine Jacke voll mit Maden. Aber immerhin haben die Kinder gelernt, wie ätzend es sein kann, wenn man seinen Müll einfach in die Gegend wirft.

2015-03-09 12.22.04Geschmunzelt: Kinder sind ziemlich lustig. Und das unabsichtlich. Es folgen ein paar Dialoge.

1. „Ey, weißt du eigentlich, was eine Hure ist?“

„Nee, sag!“

„Eine Hure…. Eine Hure ist eine Frau.“

2. Am ersten Tag fragte mich der Jüngste der Klasse „Wer bist du? Bist du eine Zauberin?“

3. Beim Rechnen mit dem Klassenjüngsten.

„Orr, Frau Dings, du bist voll gemein. Du kennst die Antworten und verrätst sie mir nicht!“

4. „Ich will kein Schüler sein. Ich will Lehrer sein. Die trinken den ganzen Tag Kaffee und ärgern Kinder.“

5. „Frau Richarz, du sollst jetzt auch erwachsen werden wie die Frau T. und hier für immer als Lehrerin arbeiten.“

6. Nachdem die Kinder das Foto auf der Rückseite von „Wort ist ihr Hobby“ sahen: „Boah, du siehst da voll schön aus! Aber in echt mit der Brille nicht so.“

7. Schülerin: „Rosa ist voll die Mädchenfarbe!“

Schüler:“Es gibt keine Jungs- und Mädchenfarben, es gibt nur Menschenfarben.“

8. (Dazu passend) Schüler zählt auf, was er alles mag und wird von anderen ausgelacht und sagt ziemlich locker und cool:“Jeder darf das lieben, was er will.“

Mitgenommen: Einen ganzen Koffer voller Erfahrungen, die ich alle gar nicht verarbeiten kann. Einen Haufen Arbeit, das Portfolio mit über 50 Seiten schreibt sich ja nicht von allein. Einen Haufen Süßigkeiten. Meine Mentorin meinte es gut mir mir oder will, dass ich fünftausend Kilo zu nehme und dachte sich dieses awesome Geschenk aus.

2015-03-20 12.30.16

Komplett steht da:

„Liebe Marsha, du hast unseren MINIS GRANDIOS und mit FINESSE unter anderem das ABC beigebracht. Bist immer COOL geblieben und hast dich durchgebissen. Es hat viel SPASS mit dir gemacht. Wir sagen MERCI für deine Hilfe. Wir wünschen dir viel GLÜCK und dass du VITAL und HAPPY bleibst.Die BESTEN Wünsche für dich.“

Fazit: Es war ein ganz wunderbares Praktikum mit wunderbaren Kindern und wunderbaren Lehrern. Vielen Dank an alle, die mir die Zeit an der Schule so schön gemacht und mich unterstützt haben. Ich habe viel über mich gelernt und muss das alles irgendwie erstmal sortieren.

Aktueller Stand der Sportspardose: 53€

Advertisements

2 Gedanken zu “2015 | Woche 9-12

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s