Meine Begegnung, meine Geschichte – Marsha und die Downies

Ich bin ein sehr verplanter Mensch. Seit Aktion Mensch die Blogparade „Eure Begegnung, eure Geschichte“ angekündigt hatte, wollte ich unbedingt mitmachen. Und hab jetzt gemerkt, dass die nur bis zum 17. Mai ging. Tja Marsha, einmal mitdenken. Aber da das Thema perfekt zu mir passt, wollte ich es unbedingt trotzdem noch machen. 

Ich studiere Sonderpädagogik auf Lehramt, mittlerweile schon im sechsten Semester, bald arbeite ich als studentische Hilfskraft am Förderinstitut im Bereich Geistige Entwicklung. Mit 23 Jahren habe ich einen Haufen Begegnungen mit Menschen mit Behinderung und jede hat mich mehr zu dem gemacht, was ich bin. Die erste Begegnung, an die ich mich bewusst erinnern kann, in der Mutter-Kind-Kur im Allgäu, wo ein kleiner Junge eine Schwerstmehrfachbehinderung hatte und ich nicht aufhören wollte mit ihm zu spielen und ihn damals noch fasziniert und interessiert anstarrte und mir seine Mutter viele Fragen beantwortete. Dann, als ich zwölf Jahre alt war, der Nachbarsjunge, der sowohl eine geistige als auch eine körperliche Behinderung hatte, mitten in der Pubertät steckte und uns sein Geschlechtsteil zu jeder Gelegenheit zeigte – er wusste es halt einfach nicht besser. Heute weiß ich das, früher hab ich ihn ausgelacht – ich wusste es halt einfach nicht besser. Und dann irgendwann in Indien an der „School for the mentally challenged“. Eigentlich ist das immer noch meine Lieblingsbezeichnung, weil sie von Herausforderung spricht und nicht von einem „behinderten Geist“. Allerdings weiß ich nicht, wie ich sie übersetzen könnte, um genau das auch im Deutschen auszudrücken. Später war ich dann noch auf Freizeiten mit Erwachsenen mit geistiger bzw. teilweise auch mit körperlicher Behinderung. All diese Begegnungen prägten mich, doch vor allem prägte mich mein Freiwilligendienst in Indien, deswegen möchte ich euch ein bisschen davon erzählen.
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Wenn man in ein Land geht, dessen Sprache man nicht spricht, in dem alles (ich meine wirklich ALLES) fremd ist, die Luft anders riecht, die Menschen einen anstarren und man mit Kindern arbeitet, die selbst in ihrer Sprache nicht verbal kommunizieren können, dann ist man vor allem erstmal unsicher. Ich war unsicher. Aber das legte sich schnell. Die Kinder gingen offen auf uns zu, begrüßten uns, nahmen uns an der Hand, zeigten uns die Schule, ihre Arbeiten, ihre Eltern, ihr Leben und schon bald waren nicht mehr die Freiwilligen, sondern „Akas“ (auf Tamil: große Schwestern). Wenn wir morgens mit unserem weißen Bus oder später auch immer öfter mit der Rikscha (Die Motor, nicht die Fahrradrikschas) in den Schulhof fuhren, kam immer eine Traube Kinder angerannt, die laut „AKA, AKA“ riefen und uns zur Begrüßung umarmten.

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Mugunthan

Ich selbst hatte immer eine Traube Kinder um mich herum, die das Down Syndrom hatten. Wir nannten sie Downies, heute würde ich diejenigen erst fragen, ob diese Bezeichnung in Ordnung für sie wäre (für die Erwachsenen auf der Freizeit war es voll in Ordnung) und bald hieß es nur noch „Marsha and her downies“. An zwei erinnere ich mich besonders: Mugunthan und Ragunathan. Von Mugunthan habe ich immer noch Fotos in meinem Portemonnaie, seine Mutter schenkte sie mir. In der ersten Woche brachte ich Mugunthan „Manamana“ von der Sesamstraße bei und bis zu unserem letzten Tag in der Schule begrüßte er mich immer mit einem verschmitzten, herausfordernden Grinsen und „Manamana“.

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Ragunathan versteckt sich hinter der Flasche

Ragunathan war vor allem eines: Rotzfrech. Und aufgeweckt. Mit ihm konnte man immer viel Quatsch machen, aber er war auch wahnsinnig schlau, soweit ich das beurteilen kann. Ihn, wie so viele andere Kinder, besuchten wir zu Hause. Bei Hausbesuchen hatten wir immer ein oder zwei Lehrerinnen zum Dolmetschen dabei, damit wir den Eltern und Kindern auch Fragen stellen konnten. Und diesen einen Moment werde ich nie vergessen: Wir fragten Ragunathan, wer sein bester Freund sei und er sprang auf, schrie „AKA!“ und umarmte mich.

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Johnson war glücklich, wenn er rennen konnte – trotz kaputter Hüfte

Und dann war da noch Johnson, um die 16 Jahre alt, der mich immer mit Handkuss in der Klasse begrüßte. Er hatte Hüftprobleme und konnte eigentlich kaum laufen, aber tanzen – meine Güte konnte dieser Junge tanzen. Strahlend über das ganze Gesicht zeigte auch er uns sein Zuhause und legte eine Performance hin, die in jeden Bollywoodfilm passen würde. Einer der fröhlichsten Kinder an der Schule mit einer traurigen Geschichte: Seine Mutter ist gestorben, daraufhin heiratete ihre Schwester (seine Tante also) seinen Vater, damit er nicht ohne Mutter aufwachsen muss und verzichtete sogar darauf eigene Kinder zu bekommen. Ein beeindruckender Schritt in Indien. Aber er war glücklich und sie kümmert sich voller Hingabe um ihn.

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Ihr seht, ich könnte noch ewig weiterschreiben. Über Nandhini, Allen Paul, Ruban, Naveen, Surya, Indu, Kartigehen und und und. Aber das sprengt den Rahmen. Der Punkt ist, dass ich vorher noch nie so offene Menschen kennengelernt habe. So fröhliche. So begeisterte und begeisternde Menschen. Dieses halbe Jahr an der Schule hat mir so viel gegeben, ich bin so sehr gewachsen und ich staune immer noch darüber. Dieses halbe Jahr hat mir meinen Berufswunsch gegeben, weil ich mir nichts besseres vorstellen kann als mit Kindern mit Förderbedarf in der geistigen Entwicklung zu arbeiten. Weil es mich glücklich macht und vollkommen ausfüllt. In Indien war ich glücklich und das lag hauptsächlich an den Schülern und nicht an den Palmen und den frischen Kokosnüssen und den durchschnittlichen dreißig Grad (ok, auch, aber das war nicht der Hauptgrund). Meine Arbeit hatte Sinn, meine Arbeit dort hat mich erfüllt. Und das möchte ich für mein Leben.

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3 Gedanken zu “Meine Begegnung, meine Geschichte – Marsha und die Downies

  1. Ach Marsha, ich mag dich.
    Einen schönen Bericht hast du hier geschrieben.
    Danke das du deine Erfahrungen mit diesen tollen Menschen teilst.
    Deine Zeit in Indien war wirklich was besonderes.

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