Bundesjugenddemütigung

Die  Mutter, Journalistin und Autorin Christine Finke aus Konstanz hat eine Petition ins Leben gerufen. Sie ist gegen die Bundesjugendspiele und ich kann das nur unterstützen. Nähere Informationen zu ihrer Einstellung gibt es z.B. hier.

Tweets von Mirka brachten mich nun auf die Idee für diesen Blogpost. Für eh schon sportliche Schüler sind die Bundesjugendspiele vielleicht keine Qual oder Last, für mich waren sie es. Jedes Jahr.

Ich war meine gesamte Schulzeit über unsportlich und dick. Damit kam ich meistens klar. Bis wir eben Sportunterricht hatten. Da konnte ich mich schlecht unter Schlabberklamotten und Humor verstecken. Und eben bis die Bundesjugendspiele angekündigt wurden. Dieser eine Tag im Jahr löste in mir schon Anfang des Jahres Angst und Schrecken raus. Bei uns sah das Ganze so aus:

Die gesamte Schule befand sich auf einem großen Sportplatz in der Nähe der Schule. Die Ränge waren nach Klassen geordnet, oft saß man dort ewig rum bis man wieder zur nächsten sportlichen Disziplin konnte. Direkt davor war die Bahn für die Sprints. Wer mitdenkt, kann sich nun denken, dass man jedem beim Sprint zuschauen konnte. Es reichte also nicht, dass ich die Langsamste war und das jedesmal sehr demütigend war, nein, es konnten auch alle noch bei diesem Misserfolg zusehen. Für einen Teenager ist das nicht gerade motivierend. Ich rannte jedesmal so schnell, wie ich konnte, doch das reichte nie aus. Ich reichte nie aus. Zumindest nicht beim Sport und das übertrug sich auf alle weiteren Bereiche. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand außer der SportlehrerInnen zusah, doch ich fühlte immer die Blicke aller auf mir lasten.

In den anderen Disziplinen sah es ähnlich aus, nur beim Weitwurf erreichte ich annähernd gewünschte Zahlen. Egal, wie sehr ich mich anstrengte, die Zahlen, die auf den Tabellen der Lehrkräfte standen waren für mich utopisch und unerreichbar. Natürlich hatte man das Ganze vorher im Unterricht geübt, aber schon da wurde verglichen und zu immer mehr Leistung aufgefordert. Wie soll da denn Spaß an Bewegung und Sport entstehen, wenn man andauernd den Gedanken „Das reicht nicht, ich muss das besser schaffen!“ im Kopf hat?

Irgendwann fing ich an mich krank zu stellen, um ja nicht vor der gesamten Schule zu laufen oder ich „vergaß“ meine Sportsachen. Aber dann war ich für alle eben die Dicke, die sich vorm Sport drückte. So oder so war es furchtbar für mich.

Aber die Demütigung hatte ihr Ende noch nicht auf dem Sportplatz, nein, sie wurde im Klassenzimmer fortgeführt. Dort wurde laut ausgelesen, wer welche Urkunden und Preise erzielt hatte. Es waren meistens die gleichen strahlenden Gesichter, die ihre Urkunden und Abzeichen abholten. Ich schaffe es nie über die Teilnahmeurkunde hinaus. Man wurde geradezu dazu gezwungen sich mit anderen zu vergleichen. Wer war der/die Beste? Wer war am Schnellsten? Das ist ungesund, vor allem in einer Entwicklungsstufe, in der man sich eh von vielen äußeren Einflüssen und Idealen beeinflussen und verunsichern lässt.

Ich will nicht sagen, dass man in keinem anderen Schulfach außer Sport scheitern oder eben mal eine schlechte Note bekommen kann, aber für gewöhnlich werden in anderen Fächern die Noten nicht laut vor allen Schülern vorgelesen und zelebriert als hätten die Leistungsstarken soeben schon ihr Abitur geschafft.

Für manche Schüler ist der Wettbewerb und der Leistungsdruck vielleicht gut und bringt sie zu besseren Ergebnissen. Manchen macht der Wettbewerb Spaß, für die meisten, so mein Eindruck, ist es eine Qual. Doch die Bundesjugendspiele sind Pflicht. Warum dann also nicht freiwillig zur Wahl stellen? Andere Möglichkeiten zur Notengebung im Sportunterricht finden?

„Ja, aber man kann doch auch im Sportunterricht Hausaufgaben machen und zu Hause üben.“ – Sagt das mal einem dicken Teenagermädchen, das eh schon Selbstbewusstseinsprobleme hat, von Mitschülern belächelt wird und über das im Sportunterricht getuschelt wird. Da geht die Motivation gegen Null. Und ich habe öfter versucht Sport zu machen, hatte aber jedes Mal diesen Leistungsdruck im Hinterkopf und gab schnell auf.

In der Oberstufe wurde es besser, als wir für unseren Sportkurs endlich Sportarten auswählen konnten, die einem lagen oder Spaß machten. Ich hatte Volleyball und Schwimmen und erreichte das erste Mal 10 Punkte im Sportunterricht. Weil ich Sportarten machen durfte, die ich machen wollte, die mir Spaß machten und die mir nicht von außen aufgezwungen wurden. Mir ist bewusst, dass der Sportunterricht in der Schule wichtig ist und man dadurch viele Sportarten kennen lernen soll. Aber das ist für mich keine Begründung dafür, dass jedes verdammte Jahr Leichtathletik dazu gehört. Und dass jedes Jahr der Fokus auch auf dieser Sportart liegt. Warum nicht mal ein Volleyballturnier? Oder allgemein ein Ballsportartenturnier, das benotet wird? Mal irgendwas anderes, sodass jede/r SchülerIn mal in der Sportart brillieren kann, die ihr/ihm liegt? Warum nicht auch hier mal differenzieren?

Ich bin froh, dass das mittlerweile anders ist. Ich mache fünfmal die Woche Sport und habe irgendwann gelernt, dass ich mich nur mit mir selbst vergleichen sollte und nicht mit anderen. Ganz ohne Leistungsdruck, der von außen aufgebaut wird. Und so macht mir Sport auch Spaß. Für mich selbst besser werden, aber nicht für andere.

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16 Gedanken zu “Bundesjugenddemütigung

  1. „Warum nicht mal ein Volleyballturnier? Oder allgemein ein Ballsportartenturnier, das benotet wird?“ Na ja, entweder ganz anders oder gar nicht, sonst würde ich rufen: „Warum nicht mal ein Tanzturnier?“ Für mich waren Bälle nämlich das größte Grauen. :)
    Ansonsten sehe ich das alles so wie du: Diese Wettbewerbsgeilheit in Sachen Sport muss dringend aus den Schulen verschwinden. Und wenn Schulen schon solche Wettkampfaktionen brauchen, dann bitte doch auch für andere Fächer wie Deutsch, Mathe oder Musik. Ha!

    1. Gibts doch auch, Mathematikolympiade, Bundeswettbewerb Fremdsprachen…
      Aber da leiden ja nicht dicke unsportliche Teenager drunter, sondern Leute mit LRS und Dysalkulie – also nicht du , liebe Marscha, also who cares…
      Diese Leute haben vielleicht auch keine Lust zuhause zu üben, tun es aber meist trotzdem. Bleib bei deiner Opferrolle, passt ja gut zu dir!

      1. Hallo Julia, ich studiere Sonderpädagogik auf Lehramt und kenn mich mit all diesen Problem sehr gut aus. Es ging hier speziell um die BJS, dass es ebenfalls andere Probleme im Schulsystem gibt habe ich nicht bestritten. Ich bin für differenzierten Unterricht, in dem auf SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten eingegangen wird und er angepasst wird. Das passiert immer öfter, allerdings ist mir während meiner Schulzeit nicht aufgefallen, dass auf Leistungsschwache im Sportunterricht eingegangen wird. Und Dinge wie die Matheolympiade waren bei uns freiwillig. Danke für deine Kritik, aber formulier sie das nächste Mal doch bitte sachlicher.

      2. Klar gibt es das, aber wer hat da tatsächlich schon mal mitgemacht? Ich kenne das nur aus amerikanischen Teeniefilmen, wo lachhafte Nerds sich profilieren dürfen. (Aber das ist wieder ein anderes Thema.) Solche Aktionen tauchen in Schulen, wenn überhaupt, ganz am Rande auf und werden von den Meisten ignoriert. Sie sind freiwillig, die Sportfeste hingegen Pflicht.
        Darum geht es doch, so wie ich es verstanden habe: der Zwang nach Wettbewerb, die auf sportliche Leistung gerichtete Einseitigkeit, und daraus folgend, die Bloßstellung der Scheiternden. Es mag im Nachhinein wie pubertierende Melodramatik aussehen, aber sie kann durchaus dauerhafte Spuren hinterlassen.

      3. Leute mit „LRS und Dysalkulie“ werden aber nicht GEZWUNGEN, an einer Matheolympiade o.ä. teilzunehmen!
        Btw: es heisst Dyskalkulie.

        In diesem Sinne…

  2. Wenn du dich vor den BJS mit vergessenem Sportzeug oder angeblicher
    Krankheit drücken konntest, scheint da nicht soviel Zwang dahinter gewesen zu sein. Und worunter hast du genau gelitten, wenn dich keiner beachtet hat, wie du auf Twitter schreibst? In meinem Bundesland waren die ersten Stufen auch der Matheolympiade und des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen Pflicht.

    1. Wir hatten einen Ersatztermin, an dem ich musste. Oder die Disziplinen wurden im Unterricht nachgeholt. Das tut mir Leid für dich, dass das Pflicht war, bei mir nicht. Und ich berichte eben von meinen eigenen Erfahrungen. Als Teenager. Rückblickend. Heute würde ich anders handeln, aber ich bin mittlerweile auch 23 und in manchen Hinsichten vernünftiger geworden.
      Sag mir doch mal deinen Twitternamen oder bleibst du lieber anonym?

  3. Meine liebe Marsha,

    ich finde es toll, dass du über deine Erfahrungen schreibst. Ich denke, bei Sport ist es wie bei allen anderen Fächern: Es gibt Schüler, denen liegt das, und es gibt Schüler, denen liegt das Fach eben nicht. Bei vielen Fächern kann man nur leichter „unentdeckt“ bleiben und es bekommt nicht jeder mit, wenn man scheitert. Sport ist als Schulfach wichtig, aber man sollte eher Spaß an der Bewegung vermitteln, als bestimmte Leistungen gezielt einzufordern. Ich habe den Sportunterricht auch nie leiden können. Ich war nie richtig schlecht, aber ich bin einfach mega unsportlich. Dafür geh‘ ich eben gern wandern. Bälle konnte ich noch nie weiter als ein paar Meter schmeißen. :)

    Liebe Grüße,
    Lisa

    1. Danke für deinen Kommentar! Es freut mich, dass es doch vielen ähnlich geht und ich mit solchen Erfahrungen nicht alleine bin. Wirklich, danke dir! Es ist schön, etwas positives zu hören.

  4. Ich wurde jahrelang immer als Letzte oder mindestens Vorletzte gewählt. Eine Siegerurkunde habe ich auch nie erhalten & die Ehrenurkunde war für mich weiter entfernt als der Mond. Aber deine Gedanken & Erfahrungen sind mir gerade sehr nah.

  5. Guter Text! Mir ging es da nicht ganz so schlecht, ich kann Deine Erfahrungen aber gut mitfühlen.

    Und es sind ja nicht nur die Bundesjugendspiele. Schon der (zumindest in meiner Schulzeit) völlig undifferenzierte one-size-fits-all Sportunterricht, die Fixierung auf Leichtathletik, die systemimmanente Überhöhung von messbarer Leistung und die ständige Bevorteilung der guten Sportler (und oft auch der „beliebten“ Schüler) haben mich immer wieder demotiviert. Bis einschließlich zur 10. Klasse hat der Sportunterricht meinem Selbstwertgefühl eher geschadet und mich ganz sicher nicht zu sportlicher Betätigung animiert, im Gegenteil. Man macht sich ja nicht freiwillig zum Affen vor den Augen der besseren Sportler in der Klasse…

    Mir ging es dann ähnlich wie Dir: In der Oberstufe konnte man endlich Sportarten wählen, die man selber mochte/konnte/lernen wollte, und da hat es dann auch richtig Spaß gemacht, und da waren die Beurteilungen dann auch angemessen und sinnvoll, weil sie nicht einfach nur auf dem Abgleich mit einer Tabelle beruhten.

    Ob man die BJS ganz abschaffen sollte, weiß ich nicht. Aber sie gehören grundlegend umgebaut, damit sie weniger Schülern schaden und idealerweise mehr Schülern was bringen.

  6. Ich kann die Gedankengänge die du dort skizzierst grade weil ich aufgrund meiner Behinderung sehr ähnliche Erfahrungen gemacht habe nicht nachvollziehen. Die Bundesjugendspiele sind eine Veranstaltung die doch mehr oder weniger das Gemeinschaftsgefühl der Klasse/des Jahrgangs stärkt. Außerdem fördert es Toleranz gegenüber denen die nicht als erste durch das Ziel laufen und die Wahrnehmung als unterschiedliche Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen. Würde man die Bundesjugendspiele abschaffen würde auch das wegfallen und ausserdem die Chance das Junge Menschen wegen einem solchen Gemeinschaftsgefühl den Weg zum Sport finden. Ich kam meistens als letzter durchs Ziel, aber jeder hat andere Stärken und genau sowas wird gut bei Sport sichtbar. Und allein das ist ein guter Grund für die Bundesjugendspiele.

    Ich mag nicht ausschließen das die Art und Weise wie die Bundesjugendspiele an einigen Schule veranstaltet wurden und werden an solchen Erfahrungen wie du Sie schilderst Schuld sind. Aber ihr Charakter als Sportveranstaltung ist es bestimmt nicht.

  7. Du warst unsportlich? Ok, dann hattest du drei Möglichkeiten damit umzugehen:
    1.Trainieren und versuchen besser zu werden (also im Sinne von Hausaufgaben erledigen- in anderen Fächern durchaus üblich)
    2.Zu sagen/ denken: Fuck you, ich bin halt so, akzeptiert mich oder nicht, anders gibts mich nicht!
    3.Rumzuheulen und zu resignieren
    Zum Opfer bist du nicht wegen deiner Unsportlichkeit geworden, sondern weil du dich für Möglichkeit 3 entschieden hast, also eine passive Position eingenommen hast.

    Seinen Kindern Selbstvertrauen beizubringen, auch mit schwierigen, belastenden Situationen umzugehen, wäre sicherlich besser als eine Petition- verlangt aber eben
    auch mehr Arbeit.

  8. Ich finde diesen Beitrag super. Ich bin recht normal gebaut und treibe sogar Sport, aber ich war in diesen drei Disziplinen nie gut. Ich bin ein Mensch wenn ich was vormachen muss dann schäme ich mich immer. Dieser Druck, dass dich jemand beobachtet finde ich verstörend. Und kann dich sehr gut nachvollziehen und ich glaube es gibt keinen einzigen Mensch der sich auf diesen einen Tag gefreut hat.

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