Ideale, Zoidberg und „I don’t give a fuck“

 

„EY! EY! SORRY! Aber dieser Weg ist nur bis zu 300 Pfund zugelassen.“, schreit der affenähnliche, besoffene Schwachmat mit so dünnen Ärmchen, dass ich sie mit einer Bewegung brechen könnte, mir mit seinem Megafon auf dem Festival hinterher. Ich wiege über 80 Kilo und trage Shorts, weil es fucking heiß ist und weil ich fucking heiß bin. Selbstbewusstsein und nicht gesellschaftskonforme Kleidungswahl scheinen genug Anlass zu sein, wahllos fremde Frauen zu beleidigen. Ich hasse Menschen, aber noch mehr hasse ich es in solchen Momenten nicht schlagfertig sein zu können. Ich zeige ihm beide Mittelfinger und fühle mich plötzlich unfassbar schlecht in meinen kurzen Hosen.

Mögliche Antworten fallen mir natürlich etwa zehn Minuten später ein.

Antwort A: „Ey sorry, der Weg ist nur ab einem IQ von 30 zugelassen.“
Antwort B: „Nur Menschen mit kleinem Penis benötigen ein Megafon.“
Antwort C: „Deine Mutter ist Fußmodel im Auenland.“
Antwort D: „Mit meinen Beinmuskeln kann ich Nüsse knacken, aber du hast ja leider keine!“

Pralle Sonne, 35°C und kein Wind. Überall laufen Frauen und Mädchen in kurzen Sachen rum, Männer jeglicher Körperform entblößen ihren sonnebrandgeplagten Oberkörper. Lauthals kommentiert werden hauptsächlich Frauenkörper, ob da ein Wookie mit Schwabbelbauch oder ein Beachboy mit Sixpack vorbei läuft wird meistens einfach ignoriert. (Ich möchte nicht ausschließen, dass auch Männer miese Kommentare abbekommen, mir ist dies lediglich nicht aufgefallen. Auch nicht, dass Frauen Kommentare über Männerkörper ablassen. Dass ich es nicht beobachtet habe, heißt natürlich nicht, dass es nicht vorkommt. Ich spreche hier von meinen subjektiven Eindrücken der letzten Zeit.)

Ich selbst traute mich diesen Sommer das erste Mal in Shorts in die Öffentlichkeit und beneide innerlich die Frauen, die ihre Bäuche in Croptops der Welt präsentieren. Und dann kommt ein Flachwichser daher, ein betrunkener, ignoranter Jugendlicher, der glaubt mit ein bisschen Haargel, einem flachen Bauch und dummen Sprüchen läge ihm die Welt zu Füßen, und zerstört für einen kurzen Moment das zerbrechliche Kartenhaus namens „Selbstbewusstsein“.

Dicke Frauen haben gefälligst in langen Hosen und Oberteilen herumzulaufen, um ihre schwabbeligen Körperteile vor den Augen der Gesellschaft zu verstecken. Weil sich anscheinend andere damit unwohl fühlen, wenn sie Dehnungsstreifen, Dellen und überschüssiges Fett ansehen müssen. Weil Perfektion der Standard aller Dinge sein sollte, weil Menschen unfassbar dumm sind. Wieso sollte ich schwitzen, damit andere sich nicht von meinem Körpervolumen beschämt fühlen? Warum sollte ich mich unwohl fühlen, damit es arroganten, oberflächlichen Arschlöchern gut geht? Warum zur Hölle bestimmen Idioten das Schönheitsideal? Und wieso brauchen wir das überhaupt? Jeder findet eben das schön, was er schön findet. Es soll Menschen geben, die stehen auf Füße. Ich selbst finde Füße absolut widerlich, aber trotzdem hindere ich doch deswegen nicht andere daran ihre Füße im Sommer an die Luft ranzulassen. Wenn ich was nicht sehen will, dann schaue ich eben weg. So einfach ist das.

In Indien gibt es ganz andere Regeln, andere Normen, andere Schönheitsideale. Beine und vor allem Knöchel dürfen nicht gezeigt werden, aber überall sieht man Bäuche zwischen den Sarees hervorblitzen. Je heller die Haut, desto schöner ist man. Ich war quasi der Inbegriff eines utopischen Schönheitsideals. Utopisch deshalb, weil Frauen in Indien nun mal mit einer sehr dunklen Hautfarbe geboren werden.
In Deutschland werde ich jeden Sommer gefragt, warum ich denn so blass wäre, das sähe so ungesund aus. Die einfache Antwort ist: Weil ich trotz Sonnencreme 50+ nach einer Stunde aussehe wie Zoidberg aus Futurama. Der europäische Traum von braungebrannter Haut ist unerreichbar für mich. Und anscheinend ist man sofort ungesund, sobald man nicht dem Ideal entspricht. Hautkrebs ist ungesund, so viel weiß ich immerhin und deswegen springe ich im Sommer von Schatten zu Schatten. Hautfarbe scheint nicht nur ein Thema für die Bewohner in Freital zu sein.

Dieser surreale Irrsinn dieser verschiedenen Schönheitsideale sprengt irgendwann noch meinen Kopf. Im thailändischen Stamm Paduang gilt es als erstrebenswert möglichst viele Halsreifen um den Hals zu tragen. Das ist ein Zeichen für Wohlstand und einen hohen Gesellschaftsrang. Die Frauen haben teilweise über 20kg um den Hals, das Gewicht drückt die Schultern runter, der Hals wird gedehnt. Sich unwohl fühlen für ein gesellschaftliches Ideal scheint weltweit verbreitet zu sein, manches ist mehr, manches weniger schmerzhaft.

Ich selbst muss üben, nicht über andere zu urteilen. Viel zu oft geht mir noch ein „Oh, die ist aber sehr dünn, ist das noch gesund?“ durch den Kopf. Ich muss noch viel lernen und vor allem muss ich lernen, dass wir von Menschen, denen wir kurz auf der Straße oder in der Uni oder bei der Arbeit oder sonst wo begegnen, niemals die ganze Geschichte kennen. Manchmal haben wir das Glück, dass Menschen uns Bruchstücke zuwerfen, uns von sich erzählen, aber selbst das gibt uns nicht das Recht zu werten und zu urteilen.

Ich jedenfalls hab es satt meinen Körper an Standards zu messen und ihn als Plattform für Kommentare zur Verfügung zu stellen. Mein Körper, meine Regeln. Außerdem wäre ich nicht mehr außergewöhnlich, sähe ich wie alle anderen aus. Ich wäre eben wie die anderen. Und das wäre doch ziemlich langweilig.

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5 Gedanken zu “Ideale, Zoidberg und „I don’t give a fuck“

  1. Ich muss da jetzt auch mal was zu sagen, weil es mich schon fast persönlich verletzt, wenn ich sowas lese. Ich finde, dass du wirklich, wirklich hübsch bist – und noch dazu sympathisch. Zumindest von dem Eindruck, den ich hier von dir bekomme. Es ist echt eine Schande, dass Leute wie du dann solche Kommentare über sich ergehen lassen müssen. Da fall ich vom Glauben ab. Wildfremde Leute knallen einem sowas an den Kopf?! Ich glaube, die Tatsache, dass es sowas überhaupt gibt, ist NOCH verletzender, als der Kommentar an sich.

    Ich denke, man muss eigentlich wirklich an den Punkt kommen, an dem einem sowas vollkommen egal ist. Der Haken an der Sache: Ist das überhaupt möglich?! Wird es einem je egal sein, wenn jemand zu einem sagt, man wäre hässlich/fett/whatever? – Tja. Ich befürchte nicht. Aber man kann lernen, damit besser umzugehen. Ich kann jetzt natürlich sagen: Hey, lass dich nicht davon runterziehen; du siehst super aus! Aber letztendlich musst DU das zu dir selbst sagen können. Und ich finde, dass du das gut hinkriegen kannst. Die richtige Einstellung hast du nämlich schon längst.

    Es wird leider, leider IMMER solche Affen geben. Es wird immer Idioten auf der Welt geben. Auf diese Tatsache muss man sich täglich neu einstellen. Es gibt so viele Menschen, die wirklich null empathisch, dafür aber super beratungsresistent sind. Traurige Wahrheit.

    Achso, eins noch: Auch Schlagfertigkeit kann man sich aneignen. Und bevor du dich das nächste Mal scheiße fühlst wegen solcher Kommentare: Schlag zurück! Ich weiß, es fällt einem immer erst zu spät ein, aber wie gesagt, auch das kann man lernen. Denjenigen wird’s vielleicht nicht großartig jucken – aber DU wirst dich danach besser fühlen.

    Verzeih mir, aber ich muss Casper an dieser Stelle zitieren, weil es einfach so gut passt:

    »Kommt’s hart auf hart nimm die Faust; Finger raus
    Such den Größten der Bande, spring da drauf
    Schwing voll aus
    Verlieren wirst du nur das eine Mal
    Denn ist alles gegeben, denken die nächstes Mal zweimal nach.«

    Was ich damit sagen will: Ja verdammt, sprich den Affen mal auf seinen kleinen Penis an, mal sehen, ob er dann immer noch so ne große Fresse hat. Lass die Wut postwendend an solchen Deppen raus. Weil du es nicht nötig hast, dich scheiße zu fühlen wegen solcher Leute. Weil du hübsch und fit bist. Weil du gebildet bist. Weil du einfach DU bist.

    Liebe Grüße
    Lola

    1. Liebe Lola, danke für deinen Kommentar! Ich denke auch, dass es einem nie ganz egal sein kann, egal, wie weit man schon ist. Ich habe hart an meiner Einstellung gearbeitet und werde auch noch weiter daran arbeiten und irgendwann werde ich die Schlagfertigkeit in meinen Texten auch in realen Situationen anwenden können. Nochmal vielen Dank für deine lieben Worte!

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