Heimatlos

Der Blog wird heute 5 Jahre alt und liegt seit August brach. Zeit das zu ändern. Ich möchte wieder mehr bloggen. Wie oft und wie regelmäßig kann ich nicht sagen und ich möchte nichts versprechen, was ich eh nicht halten kann. Studium, Lesebühne, Slams und dann auch noch ab und zu Privatleben sind sehr einnehmend. Aber zumindest eins will ich versprechen: Es wird keine 8 Monate mehr bis zum nächsten Post dauern. 

Heimatlos – Frittenbude

Ich habe keine Heimat.

Ich war 12 Jahre Stadtkind, dann 7 Jahre Dorfkind, dann die Weiße in Indien und bin jetzt wieder Stadtkind. In meinem Leben bin ich schon elfmal umgezogen. Im Schnitt also etwa alle zwei Jahre.

Als ich in der zweiten Klasse war hat es im Dachboden über unserer Stadtwohnung gebrannt. All meine Barbies sind geschmolzen, mein Meerschweinchen starb. Ich war damals mit meinen Großeltern im Urlaub und als wir bei ihnen im Haus ankamen drückte mir mein Onkel eine Klappkiste in die Hand und meinte gefühlvoll „Bei euch hats gebrannt, hier hast du den Rest aus deinem Kinderzimmer.“

Meine alleinerziehende Mutter und ich besaßen nur noch ein paar Mullsäcke voll mit Zeug, das wir wochenlang mit Febreze einsprühten bis es nicht mehr stank. In zehn Tagen zogen wir mit diesen Müllsäcken dreimal um. Meine Grundschule veranstaltete einen Spendenflohmarkt. Die Großstadtanonymität war in diesen Wochen kaum zu spüren. Unsere neuen Nachbarn lernten wir aber trotzdem nie kennen.

Ich habe keine Heimat.

Und das ist ok so.

Ich wuchs in der Stadt auf. Nur Mama und ich in unserer kleinen gemütlichen Zweizimmerwohnung. In den Ferien besuchte ich viele Ferienaktionen von Museen oder Vereinen und lernte dort alles Mögliche. Als der vierte Harry Potter Band erschien verwandelte sich die Nebenstraße der Haupteinkaufsmeile in die Winkelgasse. Ich kaufte Zauberstäbe und Bücher und war für eine Weile das glücklichste Mädchen der Welt.

Alle zehn Minuten fuhr eine Straßenbahn. Oder ein Bus. Zu meiner weiterführenden Schule fuhr ich eine halbe Stunde. Es war eine internationale Gesamtschule und ich bin heute froh, dass Mama dafür sorgte, dass ich verschiedene Kulturen als Gewinn und nicht als Defizit sehe. Dass ich weltoffen bin. Weil es einfach normal für mich war. Genauso normal wie die Tatsache, dass Mama und ich alleine waren und ich Papa nur ab und zu sah. Das war meine Definition von Familie und in der Stadt gab es so viele davon.

Das Stadtleben war voll mit Aktivitäten und Diversität und Kultur und Anonymität. Ich mochte es da.

Aber: Ich habe keine Heimat.

Und das ist ok so.

Ich kenne auch das Dorfleben. Orte, an denen jedes Dorf auf –bach endet und die Menschen, je weiter es in den Odenwald ging, unverständliche Worte von sich gaben. An meinem ersten Tag im Dorf fragten mich fünf Kinder im Bus „Wem ghörschn duuu?“ und es dauerte Wochen bis ich endlich verstanden hatte, dass sie nicht von Kirschen geredet hatten, sondern wissen wollten zu welcher Familie ich gehöre. Nach sieben Jahren hatte ich das Prinzip der Akkomodation verstanden und beherrschte fünf Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Standarddeutsch und Odenwälderisch.

Auf dem Dorf gibt es genau ein Familienbild: Vater, Mutter, Kind. Mit Stiefvater, Mutter, Stiefschwester, Halbbruder und mir waren wir zusammen mit dem schwulen Pärchen wahre Exoten und ich persönlich fühlte mich selbst nach sieben Jahren noch manchmal nur als die Zugezogene, obwohl wir eigentlich voll integriert in alle möglichen Dorfaktivitäten waren.

Aber dafür weiß ich wie ein heller Sternenhimmel aussieht, wenn man sich nachts im Sommer auf den Feldweg legt und einfach nur staunend gucken kann. Ich weiß wie es ist, wenn dich jeder kennt und grüßt. Und wehe du grüßt nicht zurück, noch bevor du zu Hause bist wissen deine Eltern „Das Kind hat nicht gegrüßt!“. Ich weiß wie es ist zur illegalen Schlachterin zu gehen und den Erwachsenen zuzuschauen, wie sie sich mit selbstgebrannten Schnaps betrinken. Ich weiß, wie frische Milch vom Bauernhof schmeckt und ich weiß, wie verschüttete Milch auf dem Feldweg aussieht, weil der gigantische Bärenhund einen mal wieder vom Hof gejagt hat. In den seltenen Momenten, in denen ich das Dorf wieder betrete, flackert doch ein wohliges Heimatgefühl auf, so für ein paar Minuten. Sieben Jahre machen sich doch irgendwo bemerkbar.

Ich weiß wie es ist nicht mobil zu sein.

Wir hatten damals genau vier Bushaltestellen und das war schon Luxus. Wochentags fuhr alle Stunde ein Bus, am Wochenende nur einer um Punkt 12 Uhr, aber danach wurden die Haltestellen ja auch von den coolen Kids besetzt, die ihre älteren Geschwister überredet hatten ihnen Biermixgetränke zu kaufen. Billige Becks“bier“mischgetränke, das ist der Geschmack der Dorfjugend.

Heute weiß ich: Becks ist kein Bier. Becks ist eine widerliche Plörre mit bierähnlichem Geschmack, die Jugendlichen als Bier verkauft wird, damit sie sich langsam an den Geschmack gewöhnen und sobald sie aus der Pubertät raus sind auf richtiges Bier umsteigen können.

Manche bleiben für immer in der Becksphase stecken. Denkt bei der nächsten Party dran: Wenn ihr einen ausgewachsenen Menschen mit Becks in der Hand seht ist es wahrscheinlich ein verlorenes Dorfkind, das sich noch nicht in der Stadt zurechtfindet. Drückt ihm oder ihr ein richtiges Bier in die Hand und erklärt die fabelhaften Möglichkeiten eines funktionierenden öffentlichen Nahverkehrs. Wobei funktionierend bei der LVB übertrieben wäre. Sagen wir: Eines existierenden Nahverkehrs.

Morgens hatte ich die Wahl zwischen drei Bussen zur Schule. Einer war eine halbe Stunde zu früh da, der andere eine viertel Stunde vor Schulbeginn, der letzte fuhr einen langen Schwenker über die Hauptschule. Nirgends war die soziale Auslesefunktion des deutschen Bildungssystems so offensichtlich wie in diesem Bus, an keinem anderen Ort konnte ich meinen Schimpfwortwortschatz so stark erweitern. Es gab eine Fifty-Fifty-Chance mit dem Hauptschulbus pünktlich anzukommen, dafür konnte man morgens aber auch eine halbe Stunde länger schlafen. Einmal kam ich zu spät zur ersten Stunde, weil der Busfahrer mitten im Wald hielt, weil er pinkeln musste. Der Lehrer glaubte mir nicht. Ich hätte mir ja nicht mal selbst geglaubt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre.

In meiner Stufe gab es genau einen Jungen mit Migrationshintergrund, er selbst taufte sich der „Quotentürke“. Er war der einzige, der im Biounterricht sofort verstand, was Mitochondrien sind. Ab diesem Zeitpunkt erklärte er allen diskriminierenden Lehrer*innen, dass er später mal Doktor wird. Heute studiert er irgendwas auf Lehramt. Und Menschen, die mit mir Abitur gemacht haben hetzen über Flüchtlinge.

Weil Diversität ein Fremdwort ist, weil man es nicht anders kennt, weil Blickwinkel fehlen, weil der Suppentellerrand zu hoch ist und jeder dann doch lieber sein eigenes Süppchen kocht. Weil es auf dem Dorf schon ein Skandal ist, wenn der gutbürgerliche Mann eine von den Asiatinnen da geheiratet hat.

Ich habe keine Heimat. Weil ich mich weder in der Stadt, noch auf dem Dorf mit den Menschen identifizieren kann, obwohl mich beides doch zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ich weiß nicht, wie es ist seine Heimat zu verlieren, weil ich noch nie so wirklich eine hatte. Oder weil sie vielleicht verteilt ist. 25% sind in der Stadt, in der ich aufwuchs, 10% auf dem Dorf, 10% sind irgendwo in Indien gelandet, Leipzig nimmt auch immer mehr ein und bestimmt 30% sind auf verschiedene Menschen verteilt. Vielleicht habe ich doch eine Heimat. Und vielleicht trifft „Home is where your heart ist“ doch irgendwie zu.

 

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2 Gedanken zu “Heimatlos

  1. Liebe Marsha, sehr schön zu lesen flüssig geschrieben .. und irgendwo finde ich auch meine Lebensweg dazwischen – Danke hat mir gerade gut getan das zu lesen – die Erinnerungen – wünsche Dir eine gute Woche
    Susanne

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