2066

Seit Oktober 2015 habe ich mit sehr guten KollegInnen und gleichzeitig Freunden die Lesebühne Kunstloses Brot in Leipzig. Jedes Mal bekommen wir vom Publikum ein Thema vorgegeben, im April war es Essen. Folgender Text ist dabei entstanden.

Ich fahre Bahn. Bahnfahren ist sehr schön, wenn der Zug nicht zu spät kommt, man keine Anschlusszüge verpasst, die Klimaanlage genau richtig eingestellt ist, Kinder nicht anwesend oder eingeschlafen sind und MitfahrerInnen nur geruchsneutrale Dinge essen. Bahnfahren ist also nie schön.

Damit sich niemand in der Bahn neben mich setzt habe ich mir ein paar Taktiken antrainiert: Kurz bevor der Zug an einem neuen Bahnhof hält pupse ich und packe mein Leberwurstbrot aus. Somit laufen etwa 70% der Einsteigenden an mir vorbei. Die anderen 30% haben einen Schnupfen, höchstwahrscheinlich von der bahninternen Klimaanlage. Für diese Menschen schmatze ich beim Essen richtig laut oder pfeife wie die Frau mit der Augenklappe aus Kill Bill. Die letzten 10%, die resistent bleiben, haben Kopfhörer auf oder sind taub vom Kindergeschrei oder zu lauten Bahnbremsen. Denen gucke ich einfach sehr lange und intensiv böse in die Augen bis sie verunsichert weiter gehen.

Manchmal stelle ich mich auch schlafend, doch das führt meistens dazu, dass ich wirklich einschlafe und eine Stunde später von Kleinfamilien oder Junggesellinenabschieden umzingelt bin. So wie jetzt. Da macht man nur kurz, verkatert vom letzten Slamabend, die Augen zu, zack wird man von lautem Gekreische, knallenden Sektkorken und einem knurrenden Magen geweckt. Schlaftrunken und so verplant, wie man es eben kurz nach dem Aufwachen ist, versuche ich mich zu orientieren und schaue mit zusammen gekniffenen Augen auf die Bahnanzeige. In fünf Minuten muss ich aussteigen. Außerdem steht da „26.04.2066“. Haha, witzig deutsche Bahn, 50 Jahre in die Zukunft gereist, na klar. Wenn das stimmt, gibt es ja auch bestimmt WLAN für alle. Ich schaue auf mein Smartphone und schalte das WLAN ein. Es verbindet sich sofort mit dem Hotspot der Deutschen Bahn. Ich verwirrt und brauche dringend einen Schluck Alkohol. Im Rausgehen klaue ich die Sektflasche des Junggeselinnenabschieds, die gerade kichernd eine Tüte Gummipenisse vernascht. Wenn die immer so lachen sobald sie einen Penis im Mund haben wünsche ich dem zukünftigen Ehemann viel Spaß.

Ich steige aus und nehme einen großen Schluck Sekt. Bäh. Es ist Rotkäppchensekt, das Beck’s der Qualitätsschaumweine.

Ich würde gerne einen Schluck Wasser trinken, um den Rotkäppchengeschmack aus meinem Mund zu kriegen, finde die Wasserflasche aber nicht, und nehme noch einen Schluck Sekt. Irgendwann gewöhnt man sich daran, ich spreche aus Erfahrung.

Ich stehe hier mit meiner Sektflasche und meinem „Riots not diets“-Pullover am Gleis und bemerke, dass irgendwas komisch ist. Um mich herum haben alle Menschen ausschließlich Sportklamotten an und in der Hand einen Proteinshake. Ob die FIBO von Köln nach Leipzig verlegt wurde? Ich fühle mich wie meine zwei Nummern zu kleine Abnehmmotivationsjeans, die ich mir vor zwei Jahren gekauft habe. Unpassend.

Wie auf Befehl knurrt mein Magen lauthals und die Fitnessmodels schauen mich kopfschüttelnd und missbilligend an. Ein paar tuscheln schon: „Ist das Alkohol? Woher hat sie den? Weiß die nicht, dass das illegal ist?!“ Ich stelle die Sektflasche vorsichtig ab und versuche mich unauffällig davon zu schleichen, trete aber natürlich gegen die Flasche und werfe sie und mich mit einem ohrenbetäubenden Krach um. Sie zerspringt in tausend kleine Teile und sofort kommt ein Roboter angefahren und saugt sie mit seinem Arm auf. Moment. Ein Roboter? Mit großen Augen starre ich ihn an.

Langsam stehe ich auf und schaue mich um. Er ist nicht der einzige Roboter und ausnahmslos alle Menschen laufen im Joggingtempo an mir vorbei oder joggen im Stehen während sie auf den Zug warten. In den ankommenden, hochmodernen ICEs entdecke ich Laufbänder und Crosstrainer und diese Kraftgeräte, die aussehen wie Foltergeräte. Sitze gibt es nicht.

Entweder vertrage ich nichts mehr und Rotkäppchensekt auf leeren Magen war eine eher weniger gute Idee oder ich träume noch. Ich zwicke mich in den Oberarm und sofort bildet sich dort ein blauer Fleck. In allen anderen Texten funktioniert das, dass man dann aufwacht und sich alle Irritationen auflösen und alle lachen, weil das ja so kreativ ist, was ein schönes Stilmittel, haha, nur ein Traum. Hier nicht. Ich stehe immer noch hier und spreche die nächste vorbeijoggende Person an, wobei ich mich an ihr Tempo anpassen muss.

„Entschuldigung, welcher Tag ist heute?“, keuche ich.

Der durchtrainierte Mann schaut mich angewidert an, hält sich die Nase zu und sagt „Der 26. April.“

Er läuft schneller, er will mich offensichtlich loswerden. Mit meiner letzten Kraft sprinte ich ihm hinterher und schnaufe „Welches Jahr?“.

„206­­­­6!“ ruft er, wirft mir einen letzten verachtenden Blick zu und klettert dann an der Kletterwand an der Westseite des Hauptbahnhofs runter zum Ausgang. Natürlich gibt es keine Rolltreppen mehr.

„Danke!“, versuche ich hinterherzurufen, muss mich jedoch vor lauter Anstrengung übergeben, woraufhin wieder einer dieser Putzroboter angefahren. Ich muss mich hinsetzen. In meinem Kopf ist großes Chaos und ich versuche mich an alle wichtigen Informationen aus „Zurück in die Zukunft“ zu erinnern, damit ich jetzt ja nichts falsch mache. Die Jogger ignorieren mich mittlerweile und nutzen mich als Hindernis für ihren Hindernislauf. Nachdem ich etwa eine Stunde wimmernd und mit Schnappatmung auf dem Boden gesessen bin und überlegt habe, was ich jetzt tue, krieche ich nun im Schneckentempo zu einem Laden, der aussieht als würde er Essen verkaufen. Wichtige Entscheidungen sollten nur mit einem vollen Magen getroffen werden.

„Herzlich willkommen bei McSuperfood. Was kann ich für Sie tun?“, begrüßt mich der Empfangsroboter.

„Ich hätte gerne einen Burger mit Pommes.“

„Gerne. Wir haben folgende Patties zur Auswahl: Schwarze Bohnen – Soja – Seitan oder Tofu. Dazu gedünstete Kohlrabipommes mit Magerquark.“

„Was ist mit Fleisch?“

„Fleisch gibt es nicht mehr.“

„Hä?“

„Das heißt nicht hä, das heißt ‚Wie bitte?‘“

Der Roboter beginnt so langsam wie meine Mutter zu klingen.

„Wie bitte?“, entgegne ich genervt.

„Fleischkonsum ist seit der Size Zero Diktatur gesetzlich verboten. Wer dagegen verstößt wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren bestraft.“

Ich muss mich dringend über die neuen Zustände in diesem Land informieren. Hinter mir in der Schlange joggen schon genervte Menschen auf der Stelle. Ich bestelle lieber.

„Ahja. Äh. Dann das mit den Bohnen bitte.“

„Bitte wählen Sie Ihre Bezahlart.“

„Äh, Euro?“

„Sie können mit Schritten oder mit Kalorien bezahlen. Halten Sie bitte Ihr Fitnessarmband hoch. Wenn Sie 10.000 Schritte gegangen sind bekommen Sie einen Smoothie Ihrer Wahl gratis dazu.“

„Ich hab aber keins!“

Die Menschen hinter mir atmen scharf und geschockt ein. Ein paar sind so geschockt, dass sie vergessen auf der Stelle weiter zu joggen. Der Mann hinter mir erbarmt sich meiner und hält sein Armband an den Roboter.

„Danke für Ihre Bestellung. Sie haben für heute noch 800 Kalorien zur Verfügung. Holen Sie sich ihr Essen am Ende der Trainingseinheit ab.“

„Halt, was? Welche Trainingseinheit?

Der Mann mit dem Fitnessarmband zeigt wortlos nach rechts. Wahrscheinlich halten mich mittlerweile alle für geistig beschränkt oder denken, ich war seit meiner Geburt im Keller eingesperrt. Auf der rechten Seite sehe ich ein großes Tor auf dem „Start“ steht, daneben eine Anleitungstafel. Um zu meinem Essen zu kommen, muss ich wohl den Militärhindernislauf durchqueren, damit ich dann im optimalen Verbrennungsmodus die Nahrung zu mir nehme.

So hatte ich mir das mit der Zukunft nicht vorgestellt, eher so wie bei Wall-E, wo man sich gar nicht mehr bewegt und Roboter alles für einen erledigen. Mein Magen knurrt lauter als zuvor und wohl oder übel muss ich mich jetzt durch den Parcour quälen. Nach einer halben Stunde wurde ich von zwanzig sportlichen Menschen überholt, aber ich habe es geschafft. Verschwitzt und mit hochrotem Kopf komme ich schweratmend, aber stolz an der Essensausgabe an. Mein Essen ist kalt.

„Mein Essen ist kalt!“, beschwere ich mich.

Ein Schild blinkt auf. „Wer länger als zehn Minuten für den Parcour braucht hat kein Recht auf Reklamation.“

Ich seufze, nehme meinen Teller und setze mich auf eins der Kraftgeräte im Speisesaal, Stühle und Tische wurden wohl gemeinsam mit Fleischkonsum verboten. Noch nie hat Essen so gut geschmeckt wie dieser Burger, aber wahrscheinlich auch nur, weil ich ihn mir hart verdient habe. Verdammt. Nach ein paar Stunden hier klinge ich schon fast wie diese Fitnessmenschen.

Ich hole mein Handy hervor. Das WLAN ist immer noch an und offensichtlich gibt es nun überall für alle WLAN. Immerhin etwas Gutes hat die Zukunft. Ich brauche Stunden, um mich durch die Geschehnisse der letzten 50 Jahre zu lesen, unter anderem auch, weil ich immer mal wieder ein paar Übungen durchführen muss, damit ich nicht rausgeschmissen werde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das sogenannte Superfood immer populärer wurde und Fitnessstudios expandierten. Fast Food Ketten wie McDonalds und BurgerKing mussten schließen, weil ihr Ruf immer schlechter wurde und sich immer mehr Menschen der Sekte „Dein Körper ist ein Tempel“ anschlossen. Schließlich gründeten diese Menschen eine Partei und mithilfe von Hetzkampagnen und Populismus kamen diese 2040­­­ an die Macht. Wer kann schon was Schlechtes gegen Fitness und Gesundheit sagen? Der Erfinder des Fitnessprogramms „Size Zero“ und Gründer der eben genannten Sekte Julian Zietlow stellte sich schließlich als wahrer Diktator heraus und so langsam schwappte der Fitnesswahn auch in die anderen Länder über und wurde weltweit anerkannt. Er setzte die Zuckersteuer durch und diese war so hoch, dass alle Hersteller auf Zucker verzichteten und nach und nach alle Lebensmittel „clean“ wurden.

Als weltweite Währung einigte man sich auf Schrittzahlen und verbrannte Kalorien, die mit einem Fitnessarmband gemessen werden. Der reichste Mensch der Welt ist nicht mehr Bill Gates, sondern James Park, der Erfinder der Fitbit Aktivitätstracker.

Menschen mit einem Körperfettanteil über 15% werden so lange in Trainingslager geschickt bis sie die idealen Werte haben oder eben vor Erschöpfung sterben. Laut Parteiprogramm soll damit die natürliche Auslesefunktion unterstützt werden. 2050 bildete sich eine revolutionäre Untergrundbewegung namens „Riots not diets“, die aber schnell aufflog und verboten wurde.

Ich muss schlucken, schaue auf meinen Pullover und drehe ihn schnell auf links. Das ist keine Zukunft für mich. Entweder werde ich bald in ein Traningslager gesteckt und sterbe oder noch schlimmer, werde dort so wie die joggenden Wahnsinnigen da draußen, oder man identifiziert mich als ein „Riots not diets“-Mitglied und ich muss mir stundenlang YouTube-Videos von Fitnessmädchen zur Strafe angucken bis ich ­so viele Gehirnzellen verloren habe, dass ich nicht mehr sprechen kann. Wahrscheinlich haben die ersten gesetzestreuen Jogger schon längst die zuständigen Behörden benachrichtig, dass eine wilde dicke Frau im „Riots not diets“-Pullover am Bahnhof rumrennt und sich wie eine Wahnsinnige aufführt.

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist schon spät und auch an den Gleisen ist langsam Ruhe eingekehrt. Ich husche leise zu den stehenden Zügen in der Wartungshalle, ein offensichtlich älterer ICE hat offene Türen. Es gibt noch gepolsterte Sitze. Noch nie saß ich auf einer bequemeren Sitzgelegenheit. In Embyronalstellung rolle ich mich auf zwei Sitzen zusammen und hoffe, dass wenigstens das zweite stilistische Mittel „Einschlafen und da aufwachen, wo man sein will“ funktioniert.

Von Zugrattern und lautem Gegacker werde ich wach. Es riecht nach Sekt, billigem Parfüm und Leberwurstbrötchen. Ich bekomme Hoffnung, traue mich aber erst nach ein paar Minuten die Augen zu öffnen. Mein Blick fällt erst auf betrunkene Mittdreißigerinnen in zu engen pinkfarbenen T-Shirts, dann auf die Datumsanzeige. Es ist der „26.04.2016“ und ich schreie freudig auf. Ob es jetzt das erste stilistische Mittel „Es war alles nur ein Traum“ oder das zweite „Einschlafen und da aufwachen, wo man sein will“ gewirkt hat ist mir egal. In fünf Minuten muss ich aussteigen und überlege kurz, ob ich nach diesem Ausflug in die Zukunft die Flasche Sekt der Junggesellinnen klauen möchte. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann das: Rotkäppchensekt ist nie eine gute Idee.

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