Ideale, Zoidberg und „I don’t give a fuck“

 

„EY! EY! SORRY! Aber dieser Weg ist nur bis zu 300 Pfund zugelassen.“, schreit der affenähnliche, besoffene Schwachmat mit so dünnen Ärmchen, dass ich sie mit einer Bewegung brechen könnte, mir mit seinem Megafon auf dem Festival hinterher. Ich wiege über 80 Kilo und trage Shorts, weil es fucking heiß ist und weil ich fucking heiß bin. Selbstbewusstsein und nicht gesellschaftskonforme Kleidungswahl scheinen genug Anlass zu sein, wahllos fremde Frauen zu beleidigen. Ich hasse Menschen, aber noch mehr hasse ich es in solchen Momenten nicht schlagfertig sein zu können. Ich zeige ihm beide Mittelfinger und fühle mich plötzlich unfassbar schlecht in meinen kurzen Hosen.

Mögliche Antworten fallen mir natürlich etwa zehn Minuten später ein.

Antwort A: „Ey sorry, der Weg ist nur ab einem IQ von 30 zugelassen.“
Antwort B: „Nur Menschen mit kleinem Penis benötigen ein Megafon.“
Antwort C: „Deine Mutter ist Fußmodel im Auenland.“
Antwort D: „Mit meinen Beinmuskeln kann ich Nüsse knacken, aber du hast ja leider keine!“

Pralle Sonne, 35°C und kein Wind. Überall laufen Frauen und Mädchen in kurzen Sachen rum, Männer jeglicher Körperform entblößen ihren sonnebrandgeplagten Oberkörper. Lauthals kommentiert werden hauptsächlich Frauenkörper, ob da ein Wookie mit Schwabbelbauch oder ein Beachboy mit Sixpack vorbei läuft wird meistens einfach ignoriert. (Ich möchte nicht ausschließen, dass auch Männer miese Kommentare abbekommen, mir ist dies lediglich nicht aufgefallen. Auch nicht, dass Frauen Kommentare über Männerkörper ablassen. Dass ich es nicht beobachtet habe, heißt natürlich nicht, dass es nicht vorkommt. Ich spreche hier von meinen subjektiven Eindrücken der letzten Zeit.)

Ich selbst traute mich diesen Sommer das erste Mal in Shorts in die Öffentlichkeit und beneide innerlich die Frauen, die ihre Bäuche in Croptops der Welt präsentieren. Und dann kommt ein Flachwichser daher, ein betrunkener, ignoranter Jugendlicher, der glaubt mit ein bisschen Haargel, einem flachen Bauch und dummen Sprüchen läge ihm die Welt zu Füßen, und zerstört für einen kurzen Moment das zerbrechliche Kartenhaus namens „Selbstbewusstsein“.

Dicke Frauen haben gefälligst in langen Hosen und Oberteilen herumzulaufen, um ihre schwabbeligen Körperteile vor den Augen der Gesellschaft zu verstecken. Weil sich anscheinend andere damit unwohl fühlen, wenn sie Dehnungsstreifen, Dellen und überschüssiges Fett ansehen müssen. Weil Perfektion der Standard aller Dinge sein sollte, weil Menschen unfassbar dumm sind. Wieso sollte ich schwitzen, damit andere sich nicht von meinem Körpervolumen beschämt fühlen? Warum sollte ich mich unwohl fühlen, damit es arroganten, oberflächlichen Arschlöchern gut geht? Warum zur Hölle bestimmen Idioten das Schönheitsideal? Und wieso brauchen wir das überhaupt? Jeder findet eben das schön, was er schön findet. Es soll Menschen geben, die stehen auf Füße. Ich selbst finde Füße absolut widerlich, aber trotzdem hindere ich doch deswegen nicht andere daran ihre Füße im Sommer an die Luft ranzulassen. Wenn ich was nicht sehen will, dann schaue ich eben weg. So einfach ist das.

In Indien gibt es ganz andere Regeln, andere Normen, andere Schönheitsideale. Beine und vor allem Knöchel dürfen nicht gezeigt werden, aber überall sieht man Bäuche zwischen den Sarees hervorblitzen. Je heller die Haut, desto schöner ist man. Ich war quasi der Inbegriff eines utopischen Schönheitsideals. Utopisch deshalb, weil Frauen in Indien nun mal mit einer sehr dunklen Hautfarbe geboren werden.
In Deutschland werde ich jeden Sommer gefragt, warum ich denn so blass wäre, das sähe so ungesund aus. Die einfache Antwort ist: Weil ich trotz Sonnencreme 50+ nach einer Stunde aussehe wie Zoidberg aus Futurama. Der europäische Traum von braungebrannter Haut ist unerreichbar für mich. Und anscheinend ist man sofort ungesund, sobald man nicht dem Ideal entspricht. Hautkrebs ist ungesund, so viel weiß ich immerhin und deswegen springe ich im Sommer von Schatten zu Schatten. Hautfarbe scheint nicht nur ein Thema für die Bewohner in Freital zu sein.

Dieser surreale Irrsinn dieser verschiedenen Schönheitsideale sprengt irgendwann noch meinen Kopf. Im thailändischen Stamm Paduang gilt es als erstrebenswert möglichst viele Halsreifen um den Hals zu tragen. Das ist ein Zeichen für Wohlstand und einen hohen Gesellschaftsrang. Die Frauen haben teilweise über 20kg um den Hals, das Gewicht drückt die Schultern runter, der Hals wird gedehnt. Sich unwohl fühlen für ein gesellschaftliches Ideal scheint weltweit verbreitet zu sein, manches ist mehr, manches weniger schmerzhaft.

Ich selbst muss üben, nicht über andere zu urteilen. Viel zu oft geht mir noch ein „Oh, die ist aber sehr dünn, ist das noch gesund?“ durch den Kopf. Ich muss noch viel lernen und vor allem muss ich lernen, dass wir von Menschen, denen wir kurz auf der Straße oder in der Uni oder bei der Arbeit oder sonst wo begegnen, niemals die ganze Geschichte kennen. Manchmal haben wir das Glück, dass Menschen uns Bruchstücke zuwerfen, uns von sich erzählen, aber selbst das gibt uns nicht das Recht zu werten und zu urteilen.

Ich jedenfalls hab es satt meinen Körper an Standards zu messen und ihn als Plattform für Kommentare zur Verfügung zu stellen. Mein Körper, meine Regeln. Außerdem wäre ich nicht mehr außergewöhnlich, sähe ich wie alle anderen aus. Ich wäre eben wie die anderen. Und das wäre doch ziemlich langweilig.

Bundesjugenddemütigung

Die  Mutter, Journalistin und Autorin Christine Finke aus Konstanz hat eine Petition ins Leben gerufen. Sie ist gegen die Bundesjugendspiele und ich kann das nur unterstützen. Nähere Informationen zu ihrer Einstellung gibt es z.B. hier.

Tweets von Mirka brachten mich nun auf die Idee für diesen Blogpost. Für eh schon sportliche Schüler sind die Bundesjugendspiele vielleicht keine Qual oder Last, für mich waren sie es. Jedes Jahr.

Ich war meine gesamte Schulzeit über unsportlich und dick. Damit kam ich meistens klar. Bis wir eben Sportunterricht hatten. Da konnte ich mich schlecht unter Schlabberklamotten und Humor verstecken. Und eben bis die Bundesjugendspiele angekündigt wurden. Dieser eine Tag im Jahr löste in mir schon Anfang des Jahres Angst und Schrecken raus. Bei uns sah das Ganze so aus:

Die gesamte Schule befand sich auf einem großen Sportplatz in der Nähe der Schule. Die Ränge waren nach Klassen geordnet, oft saß man dort ewig rum bis man wieder zur nächsten sportlichen Disziplin konnte. Direkt davor war die Bahn für die Sprints. Wer mitdenkt, kann sich nun denken, dass man jedem beim Sprint zuschauen konnte. Es reichte also nicht, dass ich die Langsamste war und das jedesmal sehr demütigend war, nein, es konnten auch alle noch bei diesem Misserfolg zusehen. Für einen Teenager ist das nicht gerade motivierend. Ich rannte jedesmal so schnell, wie ich konnte, doch das reichte nie aus. Ich reichte nie aus. Zumindest nicht beim Sport und das übertrug sich auf alle weiteren Bereiche. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand außer der SportlehrerInnen zusah, doch ich fühlte immer die Blicke aller auf mir lasten.

In den anderen Disziplinen sah es ähnlich aus, nur beim Weitwurf erreichte ich annähernd gewünschte Zahlen. Egal, wie sehr ich mich anstrengte, die Zahlen, die auf den Tabellen der Lehrkräfte standen waren für mich utopisch und unerreichbar. Natürlich hatte man das Ganze vorher im Unterricht geübt, aber schon da wurde verglichen und zu immer mehr Leistung aufgefordert. Wie soll da denn Spaß an Bewegung und Sport entstehen, wenn man andauernd den Gedanken „Das reicht nicht, ich muss das besser schaffen!“ im Kopf hat?

Irgendwann fing ich an mich krank zu stellen, um ja nicht vor der gesamten Schule zu laufen oder ich „vergaß“ meine Sportsachen. Aber dann war ich für alle eben die Dicke, die sich vorm Sport drückte. So oder so war es furchtbar für mich.

Aber die Demütigung hatte ihr Ende noch nicht auf dem Sportplatz, nein, sie wurde im Klassenzimmer fortgeführt. Dort wurde laut ausgelesen, wer welche Urkunden und Preise erzielt hatte. Es waren meistens die gleichen strahlenden Gesichter, die ihre Urkunden und Abzeichen abholten. Ich schaffe es nie über die Teilnahmeurkunde hinaus. Man wurde geradezu dazu gezwungen sich mit anderen zu vergleichen. Wer war der/die Beste? Wer war am Schnellsten? Das ist ungesund, vor allem in einer Entwicklungsstufe, in der man sich eh von vielen äußeren Einflüssen und Idealen beeinflussen und verunsichern lässt.

Ich will nicht sagen, dass man in keinem anderen Schulfach außer Sport scheitern oder eben mal eine schlechte Note bekommen kann, aber für gewöhnlich werden in anderen Fächern die Noten nicht laut vor allen Schülern vorgelesen und zelebriert als hätten die Leistungsstarken soeben schon ihr Abitur geschafft.

Für manche Schüler ist der Wettbewerb und der Leistungsdruck vielleicht gut und bringt sie zu besseren Ergebnissen. Manchen macht der Wettbewerb Spaß, für die meisten, so mein Eindruck, ist es eine Qual. Doch die Bundesjugendspiele sind Pflicht. Warum dann also nicht freiwillig zur Wahl stellen? Andere Möglichkeiten zur Notengebung im Sportunterricht finden?

„Ja, aber man kann doch auch im Sportunterricht Hausaufgaben machen und zu Hause üben.“ – Sagt das mal einem dicken Teenagermädchen, das eh schon Selbstbewusstseinsprobleme hat, von Mitschülern belächelt wird und über das im Sportunterricht getuschelt wird. Da geht die Motivation gegen Null. Und ich habe öfter versucht Sport zu machen, hatte aber jedes Mal diesen Leistungsdruck im Hinterkopf und gab schnell auf.

In der Oberstufe wurde es besser, als wir für unseren Sportkurs endlich Sportarten auswählen konnten, die einem lagen oder Spaß machten. Ich hatte Volleyball und Schwimmen und erreichte das erste Mal 10 Punkte im Sportunterricht. Weil ich Sportarten machen durfte, die ich machen wollte, die mir Spaß machten und die mir nicht von außen aufgezwungen wurden. Mir ist bewusst, dass der Sportunterricht in der Schule wichtig ist und man dadurch viele Sportarten kennen lernen soll. Aber das ist für mich keine Begründung dafür, dass jedes verdammte Jahr Leichtathletik dazu gehört. Und dass jedes Jahr der Fokus auch auf dieser Sportart liegt. Warum nicht mal ein Volleyballturnier? Oder allgemein ein Ballsportartenturnier, das benotet wird? Mal irgendwas anderes, sodass jede/r SchülerIn mal in der Sportart brillieren kann, die ihr/ihm liegt? Warum nicht auch hier mal differenzieren?

Ich bin froh, dass das mittlerweile anders ist. Ich mache fünfmal die Woche Sport und habe irgendwann gelernt, dass ich mich nur mit mir selbst vergleichen sollte und nicht mit anderen. Ganz ohne Leistungsdruck, der von außen aufgebaut wird. Und so macht mir Sport auch Spaß. Für mich selbst besser werden, aber nicht für andere.

Meine Begegnung, meine Geschichte – Marsha und die Downies

Ich bin ein sehr verplanter Mensch. Seit Aktion Mensch die Blogparade „Eure Begegnung, eure Geschichte“ angekündigt hatte, wollte ich unbedingt mitmachen. Und hab jetzt gemerkt, dass die nur bis zum 17. Mai ging. Tja Marsha, einmal mitdenken. Aber da das Thema perfekt zu mir passt, wollte ich es unbedingt trotzdem noch machen. 

Ich studiere Sonderpädagogik auf Lehramt, mittlerweile schon im sechsten Semester, bald arbeite ich als studentische Hilfskraft am Förderinstitut im Bereich Geistige Entwicklung. Mit 23 Jahren habe ich einen Haufen Begegnungen mit Menschen mit Behinderung und jede hat mich mehr zu dem gemacht, was ich bin. Die erste Begegnung, an die ich mich bewusst erinnern kann, in der Mutter-Kind-Kur im Allgäu, wo ein kleiner Junge eine Schwerstmehrfachbehinderung hatte und ich nicht aufhören wollte mit ihm zu spielen und ihn damals noch fasziniert und interessiert anstarrte und mir seine Mutter viele Fragen beantwortete. Dann, als ich zwölf Jahre alt war, der Nachbarsjunge, der sowohl eine geistige als auch eine körperliche Behinderung hatte, mitten in der Pubertät steckte und uns sein Geschlechtsteil zu jeder Gelegenheit zeigte – er wusste es halt einfach nicht besser. Heute weiß ich das, früher hab ich ihn ausgelacht – ich wusste es halt einfach nicht besser. Und dann irgendwann in Indien an der „School for the mentally challenged“. Eigentlich ist das immer noch meine Lieblingsbezeichnung, weil sie von Herausforderung spricht und nicht von einem „behinderten Geist“. Allerdings weiß ich nicht, wie ich sie übersetzen könnte, um genau das auch im Deutschen auszudrücken. Später war ich dann noch auf Freizeiten mit Erwachsenen mit geistiger bzw. teilweise auch mit körperlicher Behinderung. All diese Begegnungen prägten mich, doch vor allem prägte mich mein Freiwilligendienst in Indien, deswegen möchte ich euch ein bisschen davon erzählen.
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Wenn man in ein Land geht, dessen Sprache man nicht spricht, in dem alles (ich meine wirklich ALLES) fremd ist, die Luft anders riecht, die Menschen einen anstarren und man mit Kindern arbeitet, die selbst in ihrer Sprache nicht verbal kommunizieren können, dann ist man vor allem erstmal unsicher. Ich war unsicher. Aber das legte sich schnell. Die Kinder gingen offen auf uns zu, begrüßten uns, nahmen uns an der Hand, zeigten uns die Schule, ihre Arbeiten, ihre Eltern, ihr Leben und schon bald waren nicht mehr die Freiwilligen, sondern „Akas“ (auf Tamil: große Schwestern). Wenn wir morgens mit unserem weißen Bus oder später auch immer öfter mit der Rikscha (Die Motor, nicht die Fahrradrikschas) in den Schulhof fuhren, kam immer eine Traube Kinder angerannt, die laut „AKA, AKA“ riefen und uns zur Begrüßung umarmten.

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Mugunthan

Ich selbst hatte immer eine Traube Kinder um mich herum, die das Down Syndrom hatten. Wir nannten sie Downies, heute würde ich diejenigen erst fragen, ob diese Bezeichnung in Ordnung für sie wäre (für die Erwachsenen auf der Freizeit war es voll in Ordnung) und bald hieß es nur noch „Marsha and her downies“. An zwei erinnere ich mich besonders: Mugunthan und Ragunathan. Von Mugunthan habe ich immer noch Fotos in meinem Portemonnaie, seine Mutter schenkte sie mir. In der ersten Woche brachte ich Mugunthan „Manamana“ von der Sesamstraße bei und bis zu unserem letzten Tag in der Schule begrüßte er mich immer mit einem verschmitzten, herausfordernden Grinsen und „Manamana“.

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Ragunathan versteckt sich hinter der Flasche

Ragunathan war vor allem eines: Rotzfrech. Und aufgeweckt. Mit ihm konnte man immer viel Quatsch machen, aber er war auch wahnsinnig schlau, soweit ich das beurteilen kann. Ihn, wie so viele andere Kinder, besuchten wir zu Hause. Bei Hausbesuchen hatten wir immer ein oder zwei Lehrerinnen zum Dolmetschen dabei, damit wir den Eltern und Kindern auch Fragen stellen konnten. Und diesen einen Moment werde ich nie vergessen: Wir fragten Ragunathan, wer sein bester Freund sei und er sprang auf, schrie „AKA!“ und umarmte mich.

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Johnson war glücklich, wenn er rennen konnte – trotz kaputter Hüfte

Und dann war da noch Johnson, um die 16 Jahre alt, der mich immer mit Handkuss in der Klasse begrüßte. Er hatte Hüftprobleme und konnte eigentlich kaum laufen, aber tanzen – meine Güte konnte dieser Junge tanzen. Strahlend über das ganze Gesicht zeigte auch er uns sein Zuhause und legte eine Performance hin, die in jeden Bollywoodfilm passen würde. Einer der fröhlichsten Kinder an der Schule mit einer traurigen Geschichte: Seine Mutter ist gestorben, daraufhin heiratete ihre Schwester (seine Tante also) seinen Vater, damit er nicht ohne Mutter aufwachsen muss und verzichtete sogar darauf eigene Kinder zu bekommen. Ein beeindruckender Schritt in Indien. Aber er war glücklich und sie kümmert sich voller Hingabe um ihn.

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Ihr seht, ich könnte noch ewig weiterschreiben. Über Nandhini, Allen Paul, Ruban, Naveen, Surya, Indu, Kartigehen und und und. Aber das sprengt den Rahmen. Der Punkt ist, dass ich vorher noch nie so offene Menschen kennengelernt habe. So fröhliche. So begeisterte und begeisternde Menschen. Dieses halbe Jahr an der Schule hat mir so viel gegeben, ich bin so sehr gewachsen und ich staune immer noch darüber. Dieses halbe Jahr hat mir meinen Berufswunsch gegeben, weil ich mir nichts besseres vorstellen kann als mit Kindern mit Förderbedarf in der geistigen Entwicklung zu arbeiten. Weil es mich glücklich macht und vollkommen ausfüllt. In Indien war ich glücklich und das lag hauptsächlich an den Schülern und nicht an den Palmen und den frischen Kokosnüssen und den durchschnittlichen dreißig Grad (ok, auch, aber das war nicht der Hauptgrund). Meine Arbeit hatte Sinn, meine Arbeit dort hat mich erfüllt. Und das möchte ich für mein Leben.

Fuck you, Katie!

Das Internet ist eine schöne Sache. Voll mit Katzengifs, Einhornglaube und intelligenten Menschen. Und dann gibt es noch Katie Hopkins. Ich weiß nicht mehr wie, aber durch wildes Rumklicken in einer gelangweilten Stunde kam ich auf ein Video von ihr und ich kann nur sagen: Ich hasse diese Frau. Katie Hopkins hat es zu ihrem Lebensinhalt gemacht Menschen mit Übergewicht fertig zu machen und zu verurteilen. Mal abgesehen davon, dass niemand das Recht hat irgendwen zu verurteilen, ist es leicht das als normalgewichtige Frau zu tun. Manche kennen sie vielleicht von ihrem Experiment, in dem sie erst 20 Kilo zugenommen hat, nur um sie dann wieder abzunehmen und zu beweisen „Mit Fleiß kann man alles erreichen! Dicke sind nur faul und tun nichts dagegen.“. Dazu hab ich ein paar Dinge zu sagen.

1. Wenn Menschen mit Übergewicht oder dicke Menschen oder fette Menschen oder Menschen mit Gewicht oder Menschen oder wie auch immer man sich selbst benennen möchte nicht abnehmen wollen, dann vielleicht, weil sie sich in ihrem Körper wohl fühlen. Fragt mal Tess Holliday, das erste wirkliche weibliche Plus Size Model (und nicht Größe 38 Plus Size Model) mit Modelvertrag. Das ist eine verdammt attraktive Frau. Weil sie sich selbst liebt und akzeptiert und hinaus schreit „Ich bin dick. Na und? Leckt mich, ich bin heiß.“ Ok, so hat sie das vielleicht nicht gesagt, aber das strahlt sie mit ihrem gesamten Auftreten aus. Es ist ok, nein, es ist gut und wünschenswert sich wohlzufühlen und niemand, vor allem keine Katie Hopkins, hat das Recht einem deswegen ein schlechtes Gewissen einzureden oder das gute Gefühl mit sich selbst zunichte zu machen.

2. Ich spreche mal für mich und führe einen Gegenbeweis auf: Ich bin dick. Und nicht faul. Ich mache mehrmals die Woche Sport, aber anscheinend ist es mein Schicksal dick zu bleiben. Das Prinzip weniger Kalorien zu mir nehmen als ich brauche geht bei mir nicht auf. Seit November habe ich gerade mal ein Kilo verloren, ich hab schon die verschiedensten Ernährungsdinge durch, aber nichts geht mehr. Aber das ist mir die meiste Zeit zumindest ziemlich egal. Manchmal frustriert es. Aber: ICH. BIN. NICHT. FAUL. Weil ich gemerkt habe, dass Sport mir gut tut. Das gesunde Ernährung mir gut tut. Seit ich Sport mache war ich erst einmal innerhalb von anderthalb Jahren krank (krank=mehrere Tage im Bett liegen und bewegungsunfähig zu sein). Und es freut mich, „liebe“ Katie, dass du mit so einem guten Stoffwechsel gesegnet bist, dass du 20 Kilo innerhalb von ein paar Monaten wieder runterkriegst. Ich nicht. Und viele andere nicht. Ich habe über ein Jahr für etwa 8 Kilo gebraucht. Ich gelte immer noch als übergewichtig. Aber ich bin gesund. Ich bin stark. Ich bin fit.

3. Verurteile niemanden aufgrund seines Äußeren. Fitness hat nichts mit dem äußeren Erscheinungsbild zu tun. Ein exemplarisches Beispiel: Ich hatte mal eine Mitschülerin, gertenschlank. Sie war die unsportlichste Person, die ich je getroffen habe. Im Sportunterricht duckte sie sich, wenn ein Ball kam, beim Rundenlaufen war sie immer ganz hinten. Wenn ich sie essen sah, dann meistens nur Mist. Quasi das Gegenteil von dem, was ich jetzt bin. Trotzdem würden die meisten Menschen ihr die Sportlichkeit und mir die Faulheit zuschreiben. Weil irgendwo in der Gesellschaft wie in Stein gemeißelt steht, dass dünne Menschen sportlich und fit und dicke Menschen faul und unsportlich sind. Ich weiß nicht, was man dagegen tun kann. Wahrscheinlich wenig. Denn die Dummheit ist bei manchen Menschen unendlich und unheilbar.

4. FUCK YOU, KATIE! HÖR AUF DICH UM DEN KÖRPER ANDERER ZU KÜMMERN UND MACH DEINEN EIGENEN SCHEISS UND LASS MICH UND ALLE ANDEREN IN RUHE! Wenn man Menschen aufgrund Äußerlichkeiten hasst ist man ein armes Würstchen, aber dann halt doch deine Fresse und bring deine kranken Gedanken nicht an die Öffentlichkeit. Es gibt so viele, die sich wegen solchen Personen wie dir nicht selbst lieben können und sich einreden, dass sie weniger wert sind. Das ist traurig. Du bist traurig.

5. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich schreiben wollte, weil mich diese Frau so wütend macht. Aber sie ist leider nicht die einzige, die so denkt. Im Fitnessstudio sind manchmal die anderen Kraftraum erstaunt, wenn ich die Gewichte an den Geräten hoch einstelle oder beim Zumba eine Stunde lang durchpower, ohne Pause. Fickt euch. Ich habe schwabbelige Oberschenkel und Oberarme, aber da sind krasse Muskeln drunter, das sag ich euch. Man sieht nicht alles an der Oberfläche. Außer deinen kleinen Penis da in der Trainingsleggings. Ja, den erkennt man klar und deutlich. Tut mir Leid, dass er jetzt noch kleiner geworden ist, weil ich als dicke Frau die Gewichte nach dir höher stellen musste.

6. Das ist jetzt etwas ausgeartet. Aber irgendwohin muss ich ja mit meiner Wut und Genervtheit. Dem Ding mit als Frau im Kraftraum widme ich wohl nochmal einen eigenen Blogeintrag.

7. Ich finde kein Ende, hier also ein passender tumbl-post, den ich vorhin über @katikuersch bei Twitter entdeckt habe:

2015 | Woche 17

Upps, schon wieder eine Woche rum. Ich komme zu nichts und frage mich so langsam, was ich mir mit diesem Wochenrückblick gedacht habe. Achja, schreiben üben wollte ich damit. Aber der Blog kann sich inhaltlich ja nicht nur von Wochenrückblick hangeln, so langsam sollte ich mal mein Konzept überlegen und neue Inhalte planen. Aber da ist ja auch noch die Uni.

Apropos Uni. Montag bis Donnerstag war ich hauptsächlich an der Uni und werde dieses Semester unter „Naja, musste halt durch“ abhaken. Es gibt vielleicht zwei Seminare, die mich interessieren und mich in irgendeiner Weise weiterbringen, der Rest ist Wiederholung und Zeitverschwendung. Wenn man im 6. Semester nochmal durchkauen muss, was Wortarten und allgemeine Grammatikgrundlagen sind, ist das ziemlich unnötig für Menschen, die sich das schon im zweiten gemerkt haben. Ist vielleicht gut für Studierende, die das nochmal wiederholen wollen, aber so ein Modul muss dann auch nicht Pflicht sein. Allgemein habe ich gerade eine Studentmidlifecrisis, aber vielleicht wird’s ja wenigstens im 7. Semester wieder schön.

Einkaufswagen

Und dann wäre da noch das große Einkaufswagengeheimnis. Seit einer Woche steht der Einkaufswagen da. Wer braucht ihn? Wozu braucht er ihn? Für illegale Einkaufswagenrennen am Lindenauer Markt? Um zahlreiche Bierkisten zu transportieren? Und wieso gibt er dann kein Bier an die Nachbarschaft ab?

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Am Donnerstagabend war ich dann zur Abwechslung wieder mal bei einem Poetry Slam. Im niedlichen Freiberg. Gehört eindeutig zur Kategorie der Städte, die ich ohne Poetry Slam nie besucht hätte. „Och, komm, fahr ich mal anderthalb Stunden nach Freiberg.“ Nein. Einfach nein. Aber es war schön und es gab viele schöne bekannte Gesichter, wieder mal ein paar Fotos und sogar Videos, die aber noch nicht online sind.

Frühling

Frühling. Ein grünes Symbolbild.

Freitag trafen wir uns auf ein Bierchen im Park (wie so Klischeestudenten, jaja) und endeten nachts im Beyerhaus. Kuriose Menschen: Das Pärchen, das im Park offensichtlich für einen Pornodreh übte und zwei Kerle, die uns nach illegalen Parties in Leipzig fragten. Wir hätten sie nach Gohlis schicken sollen. Weiß man ja, dass in Gohlis die krassesten Parties abgehen.

2015-04-25 22.08.25Der Samstag war geprägt von wunden Füßen und Müdigkeit. Nachmittags half ich bei einem Umzug in den fünften Stock (bester Ersatz fürs Fitnessstudio) und schlenderte abends noch durch die Museen der Stadt bei der langen Nacht der Museen. Nächstes Mal lieber ausgeschlafen, ohne Umzug vorher und mit einem Plan. Besonders interessant war das Museum für Druckkunst und die Inspirata. Endlich mal wieder wie ein kleines Kind alles ausprobieren und anfassen dürfen. Sollte mich mein kleiner Bruder mal wieder besuchen, statten wir der Inspirata auf jeden Fall mal wieder einen Besuch ab.

Sonntag. Endlich Zeit für Unikram. Und Youtubevideos. Und für einen Arschtritt und einen Besuch im Fitnessstudio. Ich habe verlernt, mal einen ganzen Tag faul zu sein und irgendwie ist das schade, aber auch gut. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer zwischen „LIEBE DICH SELBST! BODY ACCEPTANCE! DU BIST AWESOME WIE DU BIST!“ und Abnehmwunsch schwanke. Dieses ständige Hin- und Hergerissensein beschäftigt mich zur Zeit ziemlich und ich weiß nicht, wo ich mit mir hin will. Beides gleichzeitig geht auch, aber die Balance zu finden und keinen Stillstand hervorzurufen ist schwierig. Trotzdem möchte ich euch für diese Woche dieses „Motto“ mitgeben: I jiggle therefore I am.

2015 | Woche 16

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Special: Frankentour

Diese Woche war tatsächlich einiges los. Ich war auf Slamtour, das erste Mal so richtig lang. Sechs Tage, sechs Slams, viele neue Menschen, viele schöne Menschen (Franziska Holzheimer, Marvin Suckut, Piet Weber usw.) und vor allem viel zu viel Essen.

Am Montag waren wir in Ansbach. Ansbach sah sehr niedlich aus, aber ehrlich gesagt habe ich nur den Veranstaltungsort und den Weg dorthin gesehen. Backstage gab es Zigarettenrauch, Pizza und Kartoffelecken, auf der Bühne gab es grandiose Slam Poeten. Und Michl Jakob in einem Herzchenanzug.

Bamberg CollageIm wunderschönen Bamberg waren wir am Dienstag. Ich bin ganz verliebt in die Stadt und muss mir jetzt einen Masterplan, wie ich an so ein Häuschen am Fluss rankomme, überlegen. Entweder werde ich sehr reich oder ich heirate reich oder ich gebe mich als verloren geglaubte Verwandte aus und erbe das Haus nach einem tragischen Todesfall. Auch der Slam im Live Club war sehr, sehr schön und sehr, sehr voll, ich werde wohl nie meine ersten 10,5 von 10 möglichen Punkten vergessen. Essen gab es hier auch, es folgen ein paar Fotos der Dinge, die ich im Laufe der Woche so in mich hineingestopft habe. Nächste Woche gehe ich dann sechshundert Stunden ins Fitnessstudio.

Franken essen
Mittwoch dann Bayreuth. Aber erst abends, weil wir das gute Wetter im schönen Bamberg genießen wollten. Schön war auch unser meistgenutztes Adjektiv während wir in Bamberg waren. Manchmal noch „hübsch“ und „wunderschön“, aber das seht ihr ja selbst. In Bayreuth brachten mir Franziska Holzheimer und Piet Weber Billiard spielen bei, ich habe sogar getroffen! Aufgetreten bin ich auch, sogar zweimal. Und traute mich sogar „Fettleibigkeit ist schlimmer als Ebola“ im Finale auf der Bühne zu lesen. Danke für die schönen Fotos an Ariane Puchta.

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Der fünfte Slam war dann in Nürnberg, am Donnerstag. Ein schöner Veranstaltungsort. Mein Highlight war auf jeden Fall das Rollbrett im Backstage und nachdem ich Startplatz 1 hatte, hatte ich den restlichen Abend Zeit darauf rumzurollen. Ich habe sogar ein Video davon gemacht, um mal einen tiefen Einblick in diese zwei Stunden voller Geschwindigkeit und ständigem Adrenalinkick zu geben. Das Rollbrett und ich hatten so eine tiefe Bindung, dass ich damit auch zur Bar gerollt bin. Nach dem Slam was trinken gehen stellte sich als Herausforderung dar, die Straßen waren dank Bayerns komischen Gesetzen wie leer gefegt. Lustig war der Mann mit nagelneuer Wolfskinjacke, Deuterrucksack und Schuhen von Adidas, der uns nach Geld fragte, weil er Geld brauchte. Wer sein Geld für Funktionskleidung auf den Kopf haut, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

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Klowahrheiten auf der Toilette des Club Alpha

Der Freitag war eindeutig mein Tourhighlight. Erst war mir langweilig und ich ließ mich überreden eine Fanseite einzurichten. Wenn man also jetzt neue Informationen über mich und Auftrittstermine haben möchte, kann man die mal liken. Muss man aber nicht. Würde mein Ego aber sehr pushen. In Schwäbisch Hall wurden wir dann mit tonnenweise selbsgekochtem Essen willkommen geheißen und es war eine wunderbare Backstageatmosphäre und der Club Alpha war ein ganz wunderbarer Veranstaltungsort mit ganz viel Herzblut. Danke Sabine! Es gab Kartoffelsalat, Möhrensalat, Nudelsalat, grünen Salat, Hummus, Kräuterquark, Würstchen, Kartoffelspalten, Ofengemüse und Käsekuchen mit Mandarinen. War dann auch nicht schlimm, dass ich knapp in der Vorrunde rausgeflogen bin, hatte ich mehr Zeit für Käsekuchen. Käsekuchen ist vielleicht das Beste auf der Welt. Gleich nach Eiscreme und Hummus. Aber vielleicht nicht in der Kombination.

Das Wochenende wurde mit Ausruhen auf dem Sofa verbracht. Und mit diesem Blogpost. Und vielen Ideen und neuen Anstößen. Touren ist schön, aber auch anstrengend. Aber vor allem schön.

2015 | Woche 15

2015-04-06 08.30.23

2015-04-06 15.22.07Es ist sehr irritierend morgens aufzuwachen und als erstes so was anzugucken. Hätte ich am Montag drauf verzichten können. Danach bin ich zur Abwechslung mal Zug gefahren. Ich mag Zug fahren und gleichzeitig mag ich Zug fahren nicht. Man hat so viel Zeit für sich und dafür zu schreiben oder zu lesen oder einfach mal stundenlang aus dem Fenster zu starren. Wenn da nur diese Menschen nicht wären. Menschen sind furchtbar anstrengend. Und manche sind besonders scheiße, weil sie Fahrradsattel klauen. Wieso? Was macht man damit? Gibt es einen Fahrradsattelfetisch? Hängt man die sich als Trophäe an die Wand?

2015-04-08 21.11.06Am Dienstag dann wieder Uni. Yeah. Viel besser als die Semesterferien, die ich nicht hatte. Pünktlich dazu immerhin Sonne. Und ein neuer Trainingsplan, der mir Angst macht. Ich mutiere immer mehr zum Fitnessmädchen, mittlerweile trage ich sogar T-Shirts mit Aufdruck. Fehlt nur noch eine Leggings auf der „no pain, no gain“ drauf steht und es geht endgültig bergab mit mir.

Mittwoch schaute ich mir dann die letzte Folge der fünften Staffel Shameless an. Zum Glück gibt es für so Serienjunkies wie mich immer eine neue Serie und die neue Staffel Game of Thrones fängt auch bald an. Ein Hoffnungsschimmer. Zur Einstimmung habe ich zwei großartige Videos gefunden. Einmal von der Sesame Street: Game of Chairs und Jon Snow bei einer Dinner Party. Ich habe Tränen gelacht. Außerdem bin ich ziemlich gespannt, was noch alles anders sein wird als in den Bücher, die ich bisher alle gelesen habe.

Nach zwei Tagen Uni war ich schon wieder genervt, hauptsächlich, weil wir uns viele Themen im modularisierten Staatsexamen einfach nicht aussuchen können und Module machen müssen. Aber das Filmseminar, das ich am Donnerstag hatte, hat das Potential ziemlich gut zu werden. Auf dem Plan steht „Wo die wilden Kerle wohnen“, „Sherlock“ (die BBC Serie), „Birdman“ und und und. Auf dem Nachhauseweg hab ich dann wieder gemerkt, wie schön Leipzig ist.

Am Freitag hatte ich frei, aber leider nur noch ein paar Mal, dann haben wir zur Abwechslung mal wieder ein Praktikum. Ausschlafen, Badewanne, entspannen. Und am Abend mit meinen Freunden in den Geburtstag reinfeiern. Das war schön. Es waren alle ziemlich müde und fertig, aber das war ok, war ich auch.

2015-04-11 18.33.51Samstag habe ich Schokotorte gefrühstückt, wie ein echtes Geburtstagsmädchen. Ansonsten hat es sich nicht wirklich wie ein Geburtstag angefühlt, ich weiß auch nicht, warum. Vielleicht hat er einfach nicht mehr so eine große Bedeutung wie in der Kindheit. Man wird halt älter, aber das wars dann auch schon. Es waren alle wichtigen Menschen da und das war die Hauptsache. Abends bin ich mal wieder Zug gefahren, weil mein Bruder am Sonntag Kommunion hatte. Katholiken sind sehr merkwürdige Wesen und ein bisschen unheimlich ist das schon, wenn da 24 Kinder im Alter von 8 bzw. 9 Jahren stehen und im Chor dem Satan widersagen. Außerdem steht man 80% des Gottesdienstes rum und singt oder hört dem Pfarrer zu. Und dann bin ich nach etwa 15 Stunden in Mannheim wieder Zug gefahren, dieses Mal nach Nürnberg bzw. Fürth zum ersten Slam meiner sechstägigen Tour.

2015 | Woche 14

Wie im letzten Blogpost schon geschrieben: So ein Dreckskackmistportfolio schreibt sich nicht von allein. So war ich von Montag bis Freitag hauptsächlich damit beschäftigt daran zu schreiben und Mitleidenden zu schreiben, wie nervig das alles doch ist und darüber nachzudenken, wie nervig das ganze Ding doch ist und wie aufwendig und überhaupt. Zwischendurch dachte ich noch an die letzte Folge Twin Peaks, so was muss ja auch erstmal verarbeitet werden. Und wehe, David Lynch setzt die dritte Staffel in 2016 nicht um. Es war eine große Zeit der Selbstbemitleidung, doch seit Samstagvormittag hat sie ein Ende gefunden. Das Dreckskackmistportfolio hat 50 Seiten und 10.603 Wörter und wird morgen in die Hände des Dozenten gelegt, der sich wahrscheinlich nie im Leben alles durchlesen wird, weil er noch über hundert andere davon zur Beurteilung hat.
Zwischendurch ließ ich mir jedoch nicht die kleinen Freuden nehmen und traf mich mit Freunden. Es ist so schön wieder in Leipzig zu sein und all die liebgewonnenen Menschen wiederzusehen und zu wissen, dass sie nur noch wenige Kilometer entfernt sind.
2015-04-01 15.22.00Am Mittwoch fuhr ich also mit einem Staubsauger Straßenbahn. Ich hatte kurz Angst, dass ich für ihn, wie für einen Hund ein Kinderticket kaufen müsste, aber es kam kein Kontrolleur, der sich hätte beschweren können. Es waren nur Mitfahrer da, die wohl noch nie jemanden gesehen hatten, der einen Staubsauger mit öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert und mich dementsprechend anstarrten. So als würde ich im nächsten Moment aufspringen und anfangen in der Tram zu saugen. Nach einem halben Jahr in meiner kleinen Wohnung kann ich jetzt auch mal saugen und ich hatte ganz vergessen, wie schön sie sein kann, so ohne Staub. Mal sehen, wie lang die Freude daran anhält.
Donnerstag traf ich mich mit dem hübschesten Baby/Kleinkind der ganzen Stadt und sammelte ein bisschen Kinderlachen für graue Tage. Und fürs Portfolio schreiben.

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Im „süß und salzig“ war ich mit einem guten Freund am Freitag. Ich bin ganz verliebt in das kleine Café und werde es demnächst wohl noch ausführlicher vorstellen. Der Kuchen schmeckt fabelhaft und es ist nur 10 Minuten entfernt. Das werden harte Zeiten für meinen Geldbeutel und meine Hüften. Und weil ich irgendwann plötzlich so ein schrecklicher Mensch geworden bin, der gutes Wetter und Sonne nutzt, um spazieren zu gehen, machten wir noch einen kleinen Spaziergang am Karl-Heine-Kanal entlang und mal wieder wurde mir bewusst wie wunderschön Leipzig eigentlich ist. Ich liebe es, dass es noch so viele Ecken gibt, die ich noch nicht gesehen habe und werde mir auf jeden Fall vornehmen, öfters einfach irgendwo entlang zu laufen.


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Plagwitz.



Mein Kleiderschrank wurde am Samstag ausgemistet. Eigentlich ist mir mittlerweile mehr als die Hälfte zu groß, aber irgendwas muss ich ja auch noch anziehen. Ihr könnt ja mal bei Kleiderkreisel vorbeischauen, da hab ich ein paar Sachen hochgeladen, die in meinem Kleiderschrank nur versauern würden.

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Sonntag bin ich fast sechs Stunden nach Stuttgart gefahren, nur um 6 Minuten auf der Bühne zu stehen. Poetry Slam ist manchmal schon ein komisches Hobby, aber es macht unheimlich Spaß. Außerdem gab es Maultaschen, Käsespätzle und Bier und schöne Menschen, da lohnt sich die Fahrt doch umso mehr. Das Bild oben habe ich nur gemacht, weil die Frau so eine unfassbar hässliche Katzentasche hatte. Auf dem Bild unten seht ihr den wunderbaren Tobias Heyel, bei dem ich 2011 meinen Slamworkshop hatte, und der ganz wundervolle Wörter ins Mikro spricht.

2015-04-05 22.14.10

In der Spardose: 56€

2015 | Woche 9-12

Aufmerksamen Lesern ist es wahrscheinlich bereits aufgefallen: Der Wochenrückblick ist plötzlich verschwunden! Doch das hat seine Gründe. Die letzten vier Wochen hatte ich ein Praktikum an einer Schule für Erziehungshilfe und das hat einfach so viel mehr Zeit in Anspruch genommen als zuvor gedacht, dass ich beschlossen habe einen großen Praktikumsrückblick zu schreiben und ab nächsten Montag wieder mit den Wochenberichten anzufangen. (Nachtrag: So groß ist er jetzt gar nicht geworden, aber es ist eine andere Art der Reflexion als ich sie für die Prüfungsleistung machen muss.)

Gelernt: So unendlich viel. Hauptsächlich, dass Eltern komische Wesen sind, die irgendwo zwischen Realität und Traumwelt stecken geblieben sind. „Nein, zu Hause ist mein Junge ganz brav und widerspricht mir nie und sowieso ist das nur ein Schulproblem. Was? Natürlich schläft er gut, vielleicht ist er nur so müde, weil er im Wachstum ist.“ 

Manche Eltern sind auch einfach nur scheiße. Bei ein paar Akten der Kinder stiegen mir die Tränen in die Augen. Umsonst sind Kinder halt auch nicht an der Schule.

Außerdem: Kinder sind unberechenbare, kleine Feenmonster. Im einen Moment umarmen sie dich und schauen dich mit Rehaugen an, im nächsten schreien die Siebenjährigen „Du behinderte Hurenschlampe!“ durch den Raum. Man gewöhnt sich daran. Als ein Schüler, der alle nur als „Schwanzlutscher“ beschimpfte in Woche 3 plötzliche alle als „Fotzenlecker“ anschrie, sah ich das einfach positiv: Als Erweiterung des Wortschatzes. Und sogar ein bisschen gendergerecht.

Unterrichten ist anstrengend, mit Kindern arbeiten auch, aber auch unheimlich schön. Und irgendwie kann ich das doch ziemlich gut, der Eindruck wurde mir auch von meinen Mentoren bestätigt. Und Schulen für Erziehungshilfe sind so viel schöner und toller als ihr Ruf. Wo sonst kann man sich in einem Lehrerteam bei Klassengrößen von ~10 Kindern komplett auf die Kinder einlassen und wirklich ihre Stärken fördern?

Oh. Und das Lehrerzimmer ist ein nie endender Kaffee- und Kuchenquell, irgendwas gibt es dort immer zu essen.


2015-03-18 14.16.14 Gemacht
: 30 Anwesenheitsstunden mehr als vom Insititut gefordert, 16 Unterrichtsstunden, früh aufgestanden, viel gelacht, das erste Mal alleine Unterricht geplant. Unter anderem habe ich Marienkäfer und einen Kalender mit den SchülerInnen gebastelt. Außerdem durfte ich der Schulband lauschen und ihm Rahmen der Aktion „Putz deine Stadt raus“ mit den Kindern Müll sammeln. Krasseste Funde: Schuhe, Unterhosen, ein paar volle Kondome, eine Jacke voll mit Maden. Aber immerhin haben die Kinder gelernt, wie ätzend es sein kann, wenn man seinen Müll einfach in die Gegend wirft.

2015-03-09 12.22.04Geschmunzelt: Kinder sind ziemlich lustig. Und das unabsichtlich. Es folgen ein paar Dialoge.

1. „Ey, weißt du eigentlich, was eine Hure ist?“

„Nee, sag!“

„Eine Hure…. Eine Hure ist eine Frau.“

2. Am ersten Tag fragte mich der Jüngste der Klasse „Wer bist du? Bist du eine Zauberin?“

3. Beim Rechnen mit dem Klassenjüngsten.

„Orr, Frau Dings, du bist voll gemein. Du kennst die Antworten und verrätst sie mir nicht!“

4. „Ich will kein Schüler sein. Ich will Lehrer sein. Die trinken den ganzen Tag Kaffee und ärgern Kinder.“

5. „Frau Richarz, du sollst jetzt auch erwachsen werden wie die Frau T. und hier für immer als Lehrerin arbeiten.“

6. Nachdem die Kinder das Foto auf der Rückseite von „Wort ist ihr Hobby“ sahen: „Boah, du siehst da voll schön aus! Aber in echt mit der Brille nicht so.“

7. Schülerin: „Rosa ist voll die Mädchenfarbe!“

Schüler:“Es gibt keine Jungs- und Mädchenfarben, es gibt nur Menschenfarben.“

8. (Dazu passend) Schüler zählt auf, was er alles mag und wird von anderen ausgelacht und sagt ziemlich locker und cool:“Jeder darf das lieben, was er will.“

Mitgenommen: Einen ganzen Koffer voller Erfahrungen, die ich alle gar nicht verarbeiten kann. Einen Haufen Arbeit, das Portfolio mit über 50 Seiten schreibt sich ja nicht von allein. Einen Haufen Süßigkeiten. Meine Mentorin meinte es gut mir mir oder will, dass ich fünftausend Kilo zu nehme und dachte sich dieses awesome Geschenk aus.

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Komplett steht da:

„Liebe Marsha, du hast unseren MINIS GRANDIOS und mit FINESSE unter anderem das ABC beigebracht. Bist immer COOL geblieben und hast dich durchgebissen. Es hat viel SPASS mit dir gemacht. Wir sagen MERCI für deine Hilfe. Wir wünschen dir viel GLÜCK und dass du VITAL und HAPPY bleibst.Die BESTEN Wünsche für dich.“

Fazit: Es war ein ganz wunderbares Praktikum mit wunderbaren Kindern und wunderbaren Lehrern. Vielen Dank an alle, die mir die Zeit an der Schule so schön gemacht und mich unterstützt haben. Ich habe viel über mich gelernt und muss das alles irgendwie erstmal sortieren.

Aktueller Stand der Sportspardose: 53€